Nazi-Raubgut in Aichtal Eine Glocke kehrt in ihre Heimat zurück
Die Nazis stahlen 1944 eine Glocke aus einem tschechischen Dorf. Über Jahrzehntehing sie im Kirchturm von Aichtal-Grötzingen. Nun ist sie wieder dort, wo sie hingehört.
Die Nazis stahlen 1944 eine Glocke aus einem tschechischen Dorf. Über Jahrzehntehing sie im Kirchturm von Aichtal-Grötzingen. Nun ist sie wieder dort, wo sie hingehört.
Aichtal - Ein trüber Freitagnachmittag. Ein Dorf in Tschechien. Ein weißer Opel hält vor der Kirche von Píšť. Zwei Männer steigen aus. Sie sprechen Deutsch. 900 Kilometer sind sie über die Autobahn von Baden-Württemberg bis hoch in den Norden Tschechiens gefahren, bis kurz vor Polen. Im Laderaum ihres Transporters, mit Gurten befestigt, eine 350 Kilogramm schwere Kirchturmglocke. Vor 77 Jahren klauten deutsche Männer die Glocke, jetzt bringen deutsche Männer sie wieder zurück.
Karl Boczek ist 65 Jahre alt, ein ruhiger Typ, groß gewachsen, grauer Vollbart, sanfte Stimme. Wenn er spricht, lehnt er sich manchmal leicht zurück, als suche er Halt hinter sich. Er ist in Píšť geboren und aufgewachsen. Sein Vater Josef erzählte ihm oft von der Kirchturmglocke in Píšť, die seit dem Krieg verschwunden war und irgendwo in Deutschland sein müsse. Karl solle dort nach ihr suchen. Geschichte lasse man besser ruhen, antwortete der Sohn. Er hat sich dann doch anders entschieden.
Vor mehr als 40 Jahren verließ Karl Boczek Píšť und zog an den Bodensee. Er hat seine Tante Berta informiert, dass Deutsche die Glocke zurückbringen an diesem Freitag. Die 91-Jährige kommt auch zur Kirche, gebeugt auf zwei Krücken, jeder Schritt eine eigene Aufgabe. Sie setzt sich auf einen Stuhl mit Blick auf die Glocke. Vielleicht habe der Herrgott sie so alt werden lassen, um die Glocke heimkommen zu sehen, sagt sie.
Ein Tag im Jahr 1944. Deutsche Wehrmachtssoldaten hieven die Glocke an einem langen Tau aus dem Kirchturm von Píšť und heben sie auf einen Transporter. Sie sind gekommen auf Befehl von Hermann Göring, Generalfeldmarschall der Wehrmacht. Zwei Jahre zuvor hat Göring für das ganze Deutsche Reich angeordnet, die in Glocken aus Bronze und Gebäudeteilen aus Kupfer enthaltenen Metallmengen zu erfassen und „unverzüglich der deutschen Rüstungsreserve dienstbar zu machen“. Ziel ist „die Sicherung der Metallreserve für eine Kriegsführung auf lange Sicht“.
Píšť liegt damals in den besetzten Ostgebieten. Insgesamt schätzungsweise 1300 Glocken entwenden die Nazis in Polen und Tschechien aus katholischen und evangelischen Kirchen. Rund 100 000 aus dem gesamten Deutschen Reich. Das Geläut soll eingeschmolzen werden. Metall ist knapp und wichtig für den Krieg. Aus Glocken sollen Kanonen werden. Nur rund ein Fünftel aller Glocken bleibt verschont, landet nicht im Schmelzofen der Nazis. Eine davon ist die Glocke von Píšť.
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Sie kommt auf einen zentralen Sammelplatz, den man später den Glockenfriedhof von Hamburg nennt. Aufnahmen zeigen ein fußballfeldgroßes Areal: Glocken, wohin man schaut – bis zu 20 000 Stück.
Man kann die Reise der Glocke aus Píšť heute bis auf wenige Unterbrechungen nachzeichnen. 1944 landet sie auf dem Glockenfriedhof in Hamburg. Verschmolzen werden zuerst die jüngeren Glocken, die vermeintlich wertlosen. Die Glocke aus Píšť ist alt und überlebt. 1952 hebt sie dann jemand auf einen Eisenbahnwaggon Richtung Süden. 700 Kilometer fährt der Zug, bis er in Wernau am Neckar hält. Die Glocke wird ausgeladen. 1955 hat sie jemand in einer katholischen Kirche in Aichtal-Grötzingen in den Kirchturm gehängt. 66 Jahre hing sie dort und läutete. Leihweise, eigentlich.
Nichts im Leben ist für die Ewigkeit, aber Kirchturmglocken kommen dem verdammt nahe. Die Glocke von Píšť ist 1649 gegossen worden und war seitdem immer dort. Als die Dampfmaschine erfunden wurde, als die Schreibmaschine erfunden wurde. Sie hing im Kirchturm, als Píšť noch zu Schlesien zählte, dann zu Preußen, später zum Deutschen Kaiserreich. Sie hing auch dort, als im Ersten Weltkrieg 1800 Männer aus der Region starben. Und als die Region 1938 zum Großdeutschen Reich gezählt wurde.
Gläubige sagen gerne, dass der Glaube so lange lebendig sei, wie die Glocken noch klingen. Die Wahrheit ist: Viele Menschen überhören sie längst – die Glocken und die Gläubigen. Aber wenn vor rund 80 Jahren in einem kleinen katholischen Dorf mitten im Krieg die Kirchturmglocke gestohlen wurde, fehlte diesem Dorf nicht nur der hörbare Ruf zur Messe, zum Zusammenkommen für das Gebet. Es fehlte auch die Möglichkeit, den Toten das letzte Geläut zu schenken, einen Menschen aus ihrer Mitte lautstark zu verabschieden. Glocken waren immer schon Symbol für Glaube, aber auch für Gemeinschaft. Seit es Glocken gibt, rufen sie Menschen zusammen. Seit es Kirchturmglocken gibt, strukturieren sie den Tag der Menschen um sie herum. Sie sind Heimat und Erinnerung.
Gebhard Fürst sitzt auf der hintersten Bank eines grauen Neunsitzers, vor ihm seine Mitarbeiter. Fürst ist Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Er wirkt ausgelassen, vielleicht weil er weiß, heute muss er keine Kopfschmerznachrichten aus seiner Kirche erklären. Heute gehe es ihm um Frieden, sagt er. Dann ruft er nach vorne zum Fahrer, fragt, wie lange es denn nun noch dauert bis Píšť.
Vor einigen Jahren hatte Fürst den Glockenstuhl seines Doms in Rottenburg renovieren lassen, dabei sei eine polnische Aufschrift an der Glocke aufgefallen. Ein Zufall eigentlich, sagt Fürst. Man habe angefangen zu recherchieren und herausgefunden: Insgesamt 67 Glocken aus Polen und Tschechien sind nach dem Zweiten Weltkrieg in der Diözese aufgehängt worden. 67 Raubglocken der Nazis. Glocken, die nicht den Deutschen gehörten, aber rund um Stuttgart für die Menschen läuteten. „Ich war erschüttert“, sagt der Bischof. „Aus dem Schulunterricht wusste ich vom Glockenklau durch die Nazis, aber das war ein abstraktes Wissen. Nun war es direkt vor der Haustür.“
Unzählige Male hatte er unter einer Raubglocke gepredigt, sie läuten hören, sie läuten lassen. In seiner Diözese soll keine geklaute Glocke mehr erklingen, entschied Fürst. Er will sie alle zurückbringen. Nach Gdansk, nach Wroclaw, nach Frombork, nach Třebom und nach Píšť. Nur 54 der 67 Glocken konnten gefunden werden. Bei 13 Glocken verlieren sich die Spuren. „Die Glocke aus Píšť ist bei uns einfach vergessen worden. Völlig klar, die muss dorthin zurück.“
Hans Schnieders leitet das Kirchenamt für Musik der Diözese Rottenburg-Stuttgart, er ist der Glockensachverständige des Bischofs. Er kann Kirchenglocken stimmen und bestimmen. Woher welche Glocke kommt, auf welchem Weg sie in die Diözese kam, hat er jahrelang recherchiert. Er durchsuchte das Deutsche Glockenarchiv in Nürnberg, arbeitete sich durch Unterlagen des Ausschusses für die Glocken-Rückführung, der nach Kriegsende mit Verteilung und Rückgabe betraut war.
Er stieg auf jeden einzelnen Kirchturm der Diözese in den vergangenen Jahren, um herauszufinden, was genau da oben hängt. Heute erkennt Hans Schnieders anhand von Kennziffern, aus welchem Landkreis die Nazis eine Glocke gestohlen haben. „Die erhaltenen Glocken sind nach dem Krieg auf die Türme zurückgekommen, von denen sie stammten. Das ist bei denjenigen aus den ehemals deutschen Ostgebieten aus politischen Gründen nicht möglich gewesen“, sagt Hans Schnieders. Die britischen Alliierten weigerten sich, mit dem Osten zu kooperieren. Die Raubglocken aus Osteuropa blieben deshalb auf dem Glockenfriedhof liegen, bis ihre Lagerung den Briten schließlich zu teuer wurde und man sie auf Kirchtürme in Westdeutschland verteilte.
Schnieders ist einer der beiden Männer, die die Glocke nach Píšť gefahren haben. Die Ankunft dort habe ihn gerührt, sagt er. Besonders die Begegnung mit Berta, der älteren Dame auf Krücken, die den Nazis damals beim Abtransport der Glocke zugesehen hat. In solchen Momenten weiß Schnieders, wofür er da arbeitet und wie lang sich der Schatten des Glockenklaus zieht.
Am Samstagmorgen um kurz nach 10 Uhr ist in der Dorfkirche von Píšť wenig von diesem Schatten zu spüren. Die Stimmung ist fröhlich. Junge Männer tragen zusätzliche Stühle herein, die Holzbänke reichen nicht aus. Der Küster zündet hektisch Kerzen an. Kamerateams drängen sich am Rande des Kirchenschiffs, ein tschechischer Fernsehsender bereitet eine Live-Schalte vor, auf der Empore wärmt sich ein Posaunist auf. Alles bewegt sich in diesem Moment in dieser Kirche, nur die Glocke hängt regungslos an einem Holzgestell neben dem Altarraum, geschmückt mit weißen Tüchern und Plastikblumen. Noch ist sie ein stiller Gast.
Die Glocke ist da. Bischof Fürst und Hans Schnieders sind da. Karl Boczek ist da. Er sitzt in der zweiten Reihe vorne links und blickt zu Boden, als sammele er Gedanken ein. Sein Vater hatte diese Glocke nie aufgegeben. Ein befreundeter Pfarrer, der selbst nachgeforscht hatte, hatte ihm erzählt, dass ihre Glocke im Süden Deutschlands, wahrscheinlich in einer Gemeinde namens Aichtal-Grötzingen hängen müsse. Karl solle doch danach suchen, sagte der Vater. „Lass doch alles bleiben, wie es war“, hatte der Sohn geantwortet. Weil Karl Boczek dachte, es könnte unangenehm werden. Eine deutsche Gemeinde müsste eine Glocke zurückgeben, sie müsste zugeben, dass sie Raubgut im Kirchturm hängen habe. „Deutschland hatte genug Krisen in letzter Zeit durchlebt“, sagt Boczek. „Bankenkrise, Flüchtlingskrise, all das.“ Da habe ein Glockenstreit gerade noch gefehlt. Aber die Sache ließ ihm keine Ruhe.
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Vor sechs Jahren schrieb er schließlich einen Brief an die Gemeinde von Grötzingen. Man habe den Verdacht, in Grötzingen könnte eine Glocke aus Píšť hängen. Könne das sein? Ein vorsichtiges Anklopfen. Lange keine Antwort, dann ein Zeichen: Von der Raubglocke habe man nicht gewusst. Natürlich würde man sie zurückgeben. Da es rechtlich gesehen eine Leihglocke sei, könne nicht die Gemeinde, sondern nur die Diözese entscheiden, was mit der Glocke geschehen soll. So entstand der Kontakt zwischen Karl Boczek und Hans Schnieders. Boczek half mit als Dolmetscher, als Verhandler, als Vermittler.
Posaunen setzen ein. Messdiener tragen ein hölzernes Kreuz in die Kirche, wedeln Weihrauch umher. Dahinter gehen Gebhard Fürst aus Stuttgart und der Bischof Martin David der Diözese Ostrava-Opava. Beide sprechen in der Messe zur Gemeinde. Fürst sagt: „Krieg und Frieden lagen jahrhundertelang in der Geschichte Europas eng beieinander – Glocken und Kanonen sind aus demselben Material gegossen.“ David klingt mahnender, er sagt: „Auf die Glocken kommt es nicht an. Sie sind nur ein Symbol, für Frieden, Ruhe und Versöhnung. Aber bemühen müssen wir Menschen uns.“
Dann Totenstille. Die Glocke wird zum ersten Mal angeschlagen. Sie erklingt fünfmal. Laut und selbstverständlich. Keiner der Menschen in Píšť dankt an diesem Wochenende den Deutschen. Es ist ihre Glocke.
Bischof Fürst sagt: „Vielleicht war das ein kleines Stück Wiedergutmachung. Nicht, weil wir die Glocke abgegeben haben, sondern weil die Menschen sie angenommen haben.“ Karl Boczek sagt: „Ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte.“ Sein Vater Josef durfte es nicht erleben. Er starb im Januar.