Nazi-Zeit in Stuttgart-Sillenbuch Nachforschungen zu Propaganda im harmlosen Gewand

Von Caroline Holowiecki 

Das Atrium-Gebäude an der Gorch-Fock-Straße in Stuttgart-Sillenbuch sollte ursprünglich ein Nazi-Puppentheater werden. Ein Mann hat recherchiert.

Karl Kästle wohnt in der Nachbarschaft des Atriums. Das ist ein Grund für sein Interesse an dem Gebäude  – aber längst nicht der einzige. Foto: Caroline Holowiecki
Karl Kästle wohnt in der Nachbarschaft des Atriums. Das ist ein Grund für sein Interesse an dem Gebäude – aber längst nicht der einzige. Foto: Caroline Holowiecki

Sillenbuch - Es ist eines der prägnantesten Gebäude in ganz Sillenbuch. In einem für das Wohngebiet ungewöhnlich großen Fachwerkhaus an der Gorch-Fock-Straße sind unter anderem der Veranstaltungssaal Atrium und das Jugendhaus untergebracht. Ursprünglich, als 1938 die Baupläne gefasst wurden, sollte es aber einen ganz anderen Zweck erfüllen.

Auf dem vom Waldheim beschlagnahmten Gelände wollten die Nazis das deutschlandweit erste „Reichsinstitut für Puppenspiel“ einrichten. Die Idee: Propaganda im harmlosen Gewand. „Sie wollten die Kinder gleichschalten“, sagt Karl Kästle. Das Ganze habe man zum „Musterbetrieb“ ausbauen wollen.

Warum interessiert ihn das Haus überhaupt?

Der 80-jährige Sillenbucher hat zu dem Thema recherchiert und sich die Ergebnisse vom Stadtarchivdirektor bestätigen lassen. „Zunächst wusste ich das nicht“, sagt er über den perfiden Ursprungszweck. Was Karl Kästle auch herausgefunden hat: Aufführungen für Kinder fanden in dem Haus offenbar letztlich nie statt. „Die haben gesehen, dass der Krieg nicht mehr mit Puppenspielen zu gewinnen ist“, sagt er. Stattdessen wurden von 1942 bis zum Kriegsende Zwangsarbeiter, etwa aus Polen oder Lettland, einquartiert. Nach Kriegsende wurde das Haus abermals umfunktioniert. Nachdem etliche ehemalige Zwangsarbeiter, sogenannte Displaced Persons, in beschlagnahmte Häuser in der Landstadtsiedlung umgesiedelt worden waren, kamen Flüchtlinge aus Ostpreußen, dem Sudetenland oder Schlesien im sogenannten Lager unter.

Warum setzt sich Karl Kästle überhaupt mit dem Haus in seiner Nachbarschaft auseinander? Er sei schon als Bub geschichtlich interessiert gewesen, zum anderen plant er eine Veranstaltung in dem Saal. Der Deutsch-Kolumbianische Freundeskreis – Karl Kästle ist Ehrenmitglied – soll hier im Herbst eine abgespeckte Mitgliederversammlung abhalten, und bei der Gelegenheit möchte er etwas über die Vergangenheit der Immobilie erzählen. Vor zwei Monaten hat er mit der Recherche begonnen, „da habe ich angebissen“. Das Material, das er seither zusammengetragen hat, füllt einen Ordner. Hinzu kommt, dass er als junger Bursche mit den Sillenbucher Flüchtlingskindern zu tun gehabt habe. Die Familie war 1951 in die Kolpingsiedlung gezogen. „Das Thema hat mich immer beschäftigt von der Schule her. Die Kinder aus Ostpreußen und Schlesien hatten Probleme, sie wurden an der Seite liegengelassen.“ Später, in seiner Zeit in Kolumbien, habe er wiederum mit vertriebenen Deutsch-Juden zu tun gehabt. „Ich hatte immer Anknüpfungspunkte“, sagt der Senior.

Er forscht noch weiter nach zum Puppentheater

Tatsächlich lebten in jüngerer Vergangenheit wieder Geflüchtete in unmittelbarer Nachbarschaft des Atriums. Die ehemalige Dependance des Heidehof-Gymnasiums, die zwischenzeitlich noch der Freien Aktiven Schule als Domizil diente, wurde während der großen Welle 2015 zur Flüchtlingsnotunterkunft. Die ersten 36 Asylsuchenden zogen im Januar vor fünf Jahren ein.

Karl Kästle will sich weiter in die Sache hineinfuchsen, auch wenn er weiß, dass dies ein Themenkomplex ist, mit dem viele in Sillenbuch abgeschlossen haben. Vor allem interessiert ihn, wie die Zwangsarbeiter seinerzeit in dem Gebäude gelebt haben. Zwischen den Schlafstellen sollen mobile Trennwände gewesen sein. Auch zum Puppentheater will er noch mehr herausfinden. Sein dicker Ordner ist noch längst nicht voll.




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