Neckarfantasien in Bad Cannstatt Das Baden im Fluss war Alltag

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Bis 1957 haben die Menschen ganz selbstverständlich im Neckar gebadet. Bei den Kurgästen war das einst ein willkommener Zeitvertreib. Ganz ungefährlich war das Freizeitvergnügen allerdings nicht.

Die Hütten für die Neckarsturzbäder standen unterhalb des Wehrs und sind rechts unten auf dem Foto  zu erkennen. Foto: Pro Alt-Cannstatt
Die Hütten für die Neckarsturzbäder standen unterhalb des Wehrs und sind rechts unten auf dem Foto zu erkennen. Foto: Pro Alt-Cannstatt

Bad Cannstatt - Planschende Kinder, ein Sprung ins kalte Wasser oder zumindest eine Abkühlung für die Füße: Was im Moment beim Gedanken an den Neckar nahezu unvorstellbar erscheint, war vor noch gar nicht allzu langer Zeit Alltag. „Bis 1957 war das Baden im Neckar möglich“, erzählt Hans Betsch. Der langjährige ehemalige Vorsitzende des Vereins Pro Alt-Cannstatt war selbst mit seinem Vater als kleiner Bub regelmäßig im Fluss baden, vor allem am Seilerwasen und am Mühlgrün sei zu dieser Zeit gebadet worden, erzählt der im Jahr 1943 geborene Cannstatt-Kenner. Erst das endgültige Ausbaggern des Flusses und der Beginn des Schiffsverkehrs hätten dem wirklich ein Ende gesetzt, auch wenn es bereits seit 1929 keine offiziellen Bäder mehr gegeben habe.

Kleine Hütten auf Stelzen als Duschen

Zuvor wurden in Bad Cannstatt unter anderem sogenannte Neckarsturzbäder genommen – und zwar in kleinen Hütten unterhalb des zwischen Wilhelma-Theater und Mühlgrün verlaufenden Wehrs: „Die Hütten auf Stelzen waren zur Wehrseite hin geöffnet“, erklärt Betsch. Über Stege waren die Bade-Häuschen im Fluss zu erreichen. Um „fallendes Wasser“ zum Duschen zu haben, wurde das Wasser von oberhalb des Wehrs in einer Holzleitung in die Kabinen der unterhalb des Wehrs stehenden Kabinen geleitet. Nach dem Bad, berichtet Jürgen Hagel in seinem Buch „Cannstatt und seine Geschichte“, soll ein Viertel Cannstatter Wein gut tun.

Bei Familien sei das um 1792 von Johann Frösner gebaute Bad am Seilerwasen beliebt gewesen, berichtet Betsch. Auch bei den Kurgästen war das Baden ein willkommener Zeitvertreib. Sie wurden von 1818 an im Kurhotel, das an der Stelle des heutigen Krankenhauses vom Roten Kreuz stand und ebenfalls von Frösner erschaffen worden war, wegen Hautkrankheiten und orthopädischen Beschwerden behandelt. „Viele Patienten waren bis zu einem Jahr in Bad Cannstatt und brachten ihre Familien mit“, erzählt Hans Betsch. Die Kinder gingen in Bad Cannstatt zur Schule und im Sommer nachmittags zum Beispiel zum Baden. 1844 erwarb Heinrich Herrmann mit einem Partner namens Formis das ganze Anwesen, unter dem Namen Hotel Hermann erlangte es einen internationalen Ruf als Badhotel.

Gefährliche Strudel im Wasser

Schon damals galt das Baden im Fluss zu Recht als gefährlich: „Weil es auf Cannstatter Gemarkung viele Quellen gibt, bilden sich an vielen Stellen Strudel“, sagt Betsch. Somit war das beaufsichtigte Baden von Vorteil. Im Frösner-Bad sowie in weiteren, im 19. Jahrhundert entstandenen Badeanstalten an beiden Uferseiten waren Bereiche des damals noch deutlich breiteren Flusses für die Schwimmer abgeteilt und wurden überwacht, außerdem gab es Liegewiesen und sanitäre Einrichtungen für die Besucher der Schwimmbassins. Die dürften vornehmlich männlich gewesen sein: Beim Frösner-Bad etwa handelte es sich laut Hans Betsch um ein Männerbad, Frauen war nur an wenigen Tagen zwischen acht und zehn Uhr das Baden gestattet. Das Boot, mit dem der Schuhhaus-Gründer Erhard Strohm Gäste auf dem Neckar spazieren schipperte, durfte deshalb nur in gebührendem Abstand an dem Bad vorbeifahren – schließlich waren auf dem Ausflugsboot in der Regel Passagiere beider Geschlechter unterwegs.

Noch eine Badestelle gab es laut Betsch von 1825 an auf Höhe des Berger Stegs: Das sogenannte Militärbad gehörte zum Cannstatter Wasen, während dieser als Militärgelände genutzt wurde. Die Männer wiederum durften nicht zu nahe an einen Badeplatz am gegenüberliegenden Wasenufer herankommen: Dort befand sich laut Hans Betsch der Badeplatz eines Waisenhauses für Mädchen.

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