Neckarhafen in Plochingen Das Herz aus Stahl
Das Beste aus StZ-Plus 2018: Er wiegt 2500 Tonnen, ist 15 Meter hoch und entsteht täglich neu. Eine Reportage über den Schrottberg am Plochinger Neckarhafen.
Das Beste aus StZ-Plus 2018: Er wiegt 2500 Tonnen, ist 15 Meter hoch und entsteht täglich neu. Eine Reportage über den Schrottberg am Plochinger Neckarhafen.
Plochingen - Der größte Schrotthaufen Süddeutschlands hat eine Fläche von 1000 Quadratmetern und eine Höhe von 15 Metern. Er wiegt 2500 Tonnen, hat eine Lebensdauer von eineinhalb Tagen, und man findet ihn am Plochinger Neckarhafen. Er ist das Herz eines weltumspannenden Kreislaufs.
Isan Dogan redet nicht viel, er gestikuliert mit dem Baggerarm. Unter den Füßen ist Rost, vor ihm Schrott. Ein Güterzug steht im Hof der Schrott- und Recyclingfirma Kaatsch in Plochingen, hereinrangiert mit einem umgebauten Unimog. Unermüdlich beißt Isan Dogan mit seinem Bagger Metall aus dem Haufen. Stampft mit dem Greifer das Blech in die Waggons, um zu verdichten, damit die Transportkosten gering bleiben. Über den Funk seiner Kabine in acht Meter Höhe knarzen unverständliche Meldungen herein. Sie kommen vom Wareneingang, wo die Anlieferungen mit Magneten, menschlichen Augen und sogar mit einem Geigerzähler kontrolliert werden.
Jeder Biss von Isan Dogans Bagger kann vier Tonnen Schrott aufnehmen. Jetzt hat er eine Gummimatte im Blechgewirr entdeckt, zieht und wendet den umliegenden Schrott davon weg. Fast zärtlich packt Dogan das Gummistück und schleudert es auf den Abfallhaufen, als wäre es ein Stück Papier. Dann packt der Greifer einen Lastwagenmotor und sondert diesen ebenfalls aus. Aber dieses Mal aus einem anderen Grund: Dieses metallene Filetstück kann die Firma teurer verkaufen.
Ein zwei Meter hohes Knäuel aus Stahltauen und -seilen liegt neben dem Bagger. Die Klaue greift es sich, um damit über den Boden zu fegen wie eine Hausfrau, die mit Stahlwolle einen Küchentopf putzt. Jetzt liegt wieder eine gleichmäßige Schicht aus rostrotem Boden um den Schrotthaufen. Isan Dogan zieht einen Elektromotor und Gasflaschen heraus. Die Kupferwicklung von Elektromotoren ist schlecht für die Schmelze im Stahlwerk, weil Kupfer den Stahl zu weich macht. Gasflaschen sind gefährlich, weil sie in der Schmelze hochgehen könnten wie Bomben. Isan Dogan versteht sein Geschäft, muss es verstehen.
Wenn der Einkaufsleiter Marco Staigmiller aus dem Fenster guckt und bei Rhenus-Logistik oder beim Plochinger Drahtwerk ein gelöschtes Schiff liegen sieht, dann greift er zum Hörer und versucht, es zu chartern. Seitdem das Altbacher Kraftwerk sich die Kohle zum großen Teil mit der Bahn liefern lässt, sind die Schiffe rarer geworden im Neckarhafen. Angeliefert werden Zellulose und Roheisen aus Brasilien für die Papier- und die Stahlindustrie, Kies und Sand für den Beton von Stuttgart 21, Futtermittel und Dünger für die Landwirtschaft, Kerosin für den Stuttgarter Flughafen. Den Neckar runter fahren Schrottkähne – wohlgemerkt: Hier ist das ein Kahn, der Schrott fährt, und kein Kahn, der Schrott ist. Meist reichen die Schiffe nicht, und Staigmiller muss die Reedereien zwischen Rotterdam und Plochingen abklappern.
Navigare necesse est, sagten die alten Römer – die Schifffahrt ist unverzichtbar. 70 Prozent des Schrotthaufens verlässt das Firmengelände auf dem Wasser in kleinen 60-Meter-Schiffen. Im Bundesverkehrswegeplan steht der Ausbau der Neckar-Schleusen, damit irgendwann auch 135-Meter-Schiffe Plochingen anlaufen können. 25 Jahre dauert das noch, sagen die Experten. Und sie sagen: Der ganze Plochinger Schrotthaufen würde auf ein einziges 135-Meter-Schiff passen. Eine Tonne Schrott nach Shanghai zu verschiffen kostet etwa 35 Euro. Für das gleiche Geld bekommt man diese Tonne Schrott mit dem Lastwagen höchstens bis Hamburg.
Man kann die Künstler verstehen, die den Schrotthaufen besuchen. Seine Flanken sind mit Texturen aus Stahl geschmückt, ausgestanzte Bleche aus der Motorenproduktion türmen sich zu abstrakten Kunstwerken, Strukturen aus Stahl laufen gegeneinander, Späne von Drehmaschinen sind wie Löckchen geringelt, bilden silbrig glänzende Metallhaufen. Über dem Schrotthaufen liegt das Motiv des Vergänglichen, der Vanitas. Wie aus der Welt gefallen rollt ein rot-weiß gepunkteter Kochtopf, daneben steht eine Kiste voller Elektromotoren mit zerrissener Hülle, unter der Kupfer herausbricht wie Wundfleisch. Die Filmakademie Esslingen war mal da, um einen Endzeitthriller zu drehen, die „Tatort“-Crew hat hier einmal eine Leiche versteckt.
Der Schrotthaufen regt an. Seniorenvereine und Kindergärten besuchen den Platz, an dem Kaatsch auch Altholz, Aluminium, Kupfer und Messing umschlägt. Die Kindergartenkinder kriegen Holz mit zum Basteln. Der Geschäftsführer Ralph Wager freut sich, wenn alte und junge Besucher begreifen, welche Funktion der Haufen in dem weltumspannenden Wirtschaftskreislauf hat. Manchmal wird auch einer der 140 Mitarbeiter von Kaatsch zu einem Künstler und zieht sich ein Teil aus dem Schrotthaufen, verchromt es und macht sich einen Tischunterbau draus oder sonst etwas.
Im Foyer des Eingangsgebäudes stehen solche Kunstwerke aus Metall und auch im Besprechungsraum, wo es einen Beamer gibt und Präsentationen, in denen sich Kaatsch als mittelständisches Familienunternehmen präsentiert. In den Konferenztisch eingelassen und mit Plexiglas abgedeckt sind kleine bemalte Schrottkunstwerke. Dort ziehen Marco Staigmiller und Ralph Wager die gelben Warnjacken aus und sitzen in Krawatte und Sakko da, wie unter ehrbaren Kaufleuten üblich.
Draußen aber versorgt der Haufen unablässig den Wirtschaftskreislauf mit Rohstoff für Stahl. Er erspart der Erde im Jahr rund 350 000 Tonnen Kohlendioxid. Alle anderthalb Tage wird der Haufen komplett umgeschichtet, 1500 Tonnen Schrott gehen von hier aus täglich in die Stahlwerke Europas, 500 000 Tonnen verlassen jährlich die Anlegestelle der Firma Kaatsch. 500 Kilo neuer Stahl werden in Deutschland pro Kopf gefertigt, gespeist von der Masse des großen Plochinger Schrotthaufens. 40 Prozent des Ungetüms kommen von der Industrie, der Rest von kleineren Schrottplätzen, von Gewerbebetrieben und von den 24 Wertstoffhöfen in der Region. Ein kleiner Anteil kommt von Privathaushalten. Angeliefert von Privatleuten oder transportiert von den 50 Lastwagen der firmeneigenen Spedition. Der Haufen ist der Überdruckbehälter des Wirtschaftskreislaufs von Schrott. Ist das System ausglichen, ist es auch er.
Aber wehe, wenn dieses System nicht mehr funktionieren würde, wenn die Schiffe nicht fahren könnten, wenn die Bahn streikte. Dann müssten die Wertstoffhöfe schließen, dann bliebe der Schrott vor der Haustüre stehen, dann würde er die Höfe der Maschinen- oder Autobauer in der Region verstopfen. Es ist wie bei der Müllabfuhr. Man merkt erst, wie wichtig sie ist, wenn sie nicht mehr funktioniert. Vorgekommen ist das noch nie, dafür sorgen Marco Staigmiller und Ralph Wager.
Hinter dem Haufen sprühen Funken hoch. Mit dem Schweißbrenner zerlegt ein Mann gerade ein Gitter aus tonnenschweren Stahlträgern in kleine Stücke. Die Schrottschere würde diese Teile nicht schaffen, und am Stück kann man sie auch nicht lassen. Die Stahlkocher brauchen Material, das klein genug ist, um später durch die Tür des Hochofens zu passen.
Es dröhnt, es hämmert. Schläge, die das Neckartal hinauf- und hinunterdonnern. „Du hast’n Pulsschlag aus Stahl, man hört ihn laut in der Nacht“, hat Herbert Grönemeyer einmal über die Stadt Bochum gesungen. Mit diesem Pulsschlag vertraut sind auch die Menschen, die in Plochingen leben, wenngleich sie dieser Takt hin und wieder gewaltig stören kann. Es ist, so seltsam das anmutet, auch der Pulsschlag eines der ökologischsten Unternehmen im Mittleren Neckarraum.