Arbeitsplätze in Neckarsulm Eine Stadt platzt aus allen Nähten: Wann hört das Wachstum auf?

In Neckarsulm liegen Stadt und Industrie dicht an dicht. Die Kirche Sankt Dionysius prägt das Bild, der Kühlturm des EnBW-Heizkraftwerks nicht minder. Foto: factum/

Neckarsulm kann sich kaum retten vor Arbeitsplätzen. Der Boom bringt die Stadt an den Rand. Der Streit um einen neuen B-27-Anschluss wird zur Grundsatzdebatte über die Grenzen des Wachstums.

Neckarsulm - In Neckarsulm hat nicht mal Sankt Dionysius Luft zum Schnaufen. Vom Portal der katholischen Stadtpfarrkirche aus sind es nur sieben Stufen bis zum Parkplatz des Restaurants Gnadenstäffele. Kaum fünf Meter von der Ostfassade der Kirche entfernt befinden sich Gebäude, die zur Marktstraße hin ein Reformhaus und eine Dartkneipe beherbergen. Dem Gotteshaus zugewandt liegen die Eingänge zu den dazugehörigen Wohnungen. Davor stehen Plastikstühle. Auch für ungeübte Kirschkernspucker ist Sankt Dionysius von dort aus ein leicht zu treffendes Ziel.

 

Neckarsulm (Kreis Heilbronn) hat 27 000 Einwohner und anderthalb mal so viele Arbeitsplätze. Etwa 35 000 Menschen kommen täglich in die Stadt. Nirgendwo sonst in Baden-Württemberg ist die Differenz zwischen Bewohnern und Pendlern so groß wie an der Mündung der Sulm in den Neckar.

Der Boom ist ungebrochen

In der Heimat der berühmten NSU-Motorräder ist noch immer Audi mit 17 000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber. Fast ebenso viele Mitarbeiter aber hat die Schwarz-Gruppe. Der Boom ist ungebrochen. Die Zahl der Arbeitsplätze wird den nächsten Jahren noch um 4200 wachsen – nicht durch die Ansiedlung neuer, sondern durch die Expansion ortsansässiger Firmen.

Steffen Hertwig (SPD) kann diese Zahlen im Schlaf herbeten. Üblicherweise bringen sie einen Oberbürgermeister zum Jubeln, gerade im schaffigen Südwesten. Auch der Neckarsulmer Rathauschef verweist stolz auf die vielen städtischen Einrichtungen: auf die Stadtjugendmusikschule, die Mediathek, die Volkshochschule, das Veranstaltungszentrum Ballei und nicht zuletzt auf das Erlebnisbad Aquatoll.

Der Erfolg der Firmen ist Fluch und Segen zugleich

Aber nach Jubeln ist dem 50-Jährigen trotzdem nicht, denn das alles kostet. Fast 140 Millionen Euro an Gewerbesteuern hat Neckarsulm zu Spitzenzeiten eingenommen, mehr etwa als der Stadtkreis Ulm, trotz einem Steuersatz, der nur von 16 Gemeinden im Land unterschritten wird. 50 bis 60 Millionen Euro sind es noch, viel für eine Stadt dieser Größe. Aber knapp angesichts der Ausgaben. „Wir wollen die Unternehmen, die wir schon haben, behalten“, sagt Hertwig, „wir tragen auch eine Verantwortung für die Mitarbeiter und deren Familien.“ Aber „mehr geben die Infrastruktur und die Fläche einfach nicht her“. Der Boom ist Fluch und Segen zugleich.

Unstrittig ist, dass die Straßen überlastet sind und die Markung ausgemostet ist. Der Flächennutzungsplan gilt bis 2030. Die Wohnbauflächen sind bis dahin verbraucht. Ein Gewerbegebiet wird um knapp vier Hektar erweitert, damit dort ansässige Firmen wachsen können. Im Linken Tal sind noch acht Hektar für Gewerbe reserviert. Eine Bäckerei wird dort mit 250 Mitarbeitern hinziehen, das ist beschlossen, aber nur, weil der Lieferverkehr von Bäckern zu Zeiten unterwegs ist, in denen sonst keiner fährt. Mehr geht nicht.

Mittlerweile diskutiert man darüber, ob es nicht Zeit wäre, Neckarsulm eine Schrumpfkur zu verordnen. Der Streit über einen innerörtlichen Anschluss an die B 27, den die Stadt plant, ist zu einer Grundsatzdebatte über Grenzen des Wachstums geworden. Am 22. September stimmen die Neckarsulmer darüber ab, ob der Anschluss gebaut werden soll. Die CDU, die SPD und die Stadtspitze werben dafür. Die Grünen, die Freien Wähler und eine Bürgerinitiative sind dagegen.

Beim Bürgerentscheid geht es um eine Ausfahrt

Diskutiert werden Grundsatzfragen

Der Bund will die B 27, auf der fast 60 000 Autos täglich fahren, vierspurig ausbauen, und zwar bis zum Jahr 2030. Die Stadt möchte diese Gelegenheit nutzen, an der Binswanger Straße einen Anschluss an die B 27 zu bauen, der auch zu den Stoßzeiten so leistungsfähig ist, dass der Verkehr nicht zum Erliegen kommt. 42 Millionen Euro soll das kosten, knapp 23 Millionen Euro müsste die Stadt selbst stemmen. Im Rathaus hofft man, dass dieser Knoten den Schleichverkehr durch die Stadt überflüssig macht und den Verkehr auf der B 27 bündelt. Diese Hoffnung gründet auf einem aufwendigen Gutachten, das die Stadt hat machen lassen.

Die Bürgerinitiative, die Grünen und die Freien Wähler überzeugt das nicht. „Wir leben hier heute schon problematisch, was den Lärm angeht“, sagt Volker Raith von der Bürgerinitiative. Er verweist darauf, dass laut Lärmaktionsplan 58 Prozent der Kernstadt als belastet gelten, und kritisiert, dass dennoch Gewerbegebiete ausgebaut würden. „Wir müssen mit dem Verkehr anders umgehen als nur mehr und breitere Straßen zu bauen“, sagt auch Joachim Eble, der FW-Fraktionschef.

Die Schwarz-Gruppe lässt Shuttlebusse bis Ditzingen fahren

Seit 2017 tüftelt Neckarsulm unter anderem mit der Nachbarstadt Heilbronn, dem Verkehrsministerium, den Verkehrsgesellschaften, Audi und der Schwarz-Gruppe an einem Mobilitätspakt, der die Region entlasten soll. Erste Maßnahmen gibt es schon. Neckarsulm hat sich verpflichtet, bis 2030 den Radverkehr um 26 Prozent zu steigern; einer der ersten Radschnellwege im Land entsteht zwischen Bad Wimpfen über Neckarsulm nach Heilbronn. Die Schwarz-Gruppe setzt kostenfreie Shuttlebusse für ihre Mitarbeiter ein, die seit Mai nicht nur die umliegenden Gemeinden, sondern sogar Ditzingen, Ludwigsburg, Pleidelsheim und Mundelsheim anfahren.

Volker Raith reicht das nicht aus, die Bemühungen zur Stärkung des ÖPNV seien halbherzig, kritisiert der Sprecher der Bürgerinitiative. Die Interessen der Unternehmen seien sakrosankt. „Was ist mit den Interessen der Bürger?“, fragt er. Joachim Eble von den Freien Wählern ist davon überzeugt, dass erst der Stau das Problem lösen kann: „Wenn ich problemlos durchkomme mit dem Auto, habe ich keinen Anreiz, über Alternativen nachzudenken“, sagt er. OB Steffen Hertwig glaubt das nicht. „Die Leidensbereitschaft der Menschen, sich in den Stau zu stellen, ist hoch. Das erleben wir jeden Tag.“

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