Negativpreis Goldenes Brett Warum wir gerne Unsinn glauben

Von Florian Mader 

Das Goldene Brett zeichnet den größten wissenschaftlichen Unsinn aus. Am Donnerstag wird die Trophäe in Hamburg verliehen.

Das Brett vor dem Kopf: Menschen wollen sich geliebte Erklärungsmuster nicht von vernünftigen Überlegungen madig machen lassen. Foto: Adobe Stock
Das Brett vor dem Kopf: Menschen wollen sich geliebte Erklärungsmuster nicht von vernünftigen Überlegungen madig machen lassen. Foto: Adobe Stock

Hamburg - Engelsglaube und Reichsbürgertum, aber auch die gute alte Homöopathie – die „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP) hat wieder einmal nach dem größten wissenschaftlichen Unsinn gefahndet. Am Donnerstag Abend gibt es dafür das „Goldene Brett vor dem Kopf“. Die Neurobiologin Julia Offe erläutert, warum sie den Glauben an irrationale Dinge für oft sehr gefährlich hält.

Frau Offe, fast die Hälfte der Deutschen glauben an einen Schutzengel. Was haben Sie dagegen?
Ich habe in dem Moment etwas dagegen, wenn sich jemand auf einen Schutzengel verlässt – und er sagt: Och, ich kann ruhig noch ein drittes Bier trinken, obwohl ich noch Auto fahre. Oder sich nicht anschnallt. Oder nicht zum Arzt geht. Wenn jemand einen Talisman mit in die Prüfung nimmt, weil er oder sie sich dann besser fühlt, habe ich überhaupt nichts dagegen.
Sind Schutzengel wirklich eine Gefahr für Deutschland?
Schutzengel sind noch relativ harmlos. Was nicht mehr harmlos ist, ist die große Szene der Alternativmedizin. Wir hatten bei uns im Verein zum Beispiel einmal Besuch von einem jungen Mann, dessen Mutter Brustkrebs gehabt hatte. Sie hatte sich nur einem Homöopathen anvertraut und war gestorben. Heute sagt der Sohn: Wenn der Homöopath sie rechtzeitig zu einem Arzt geschickt hätte, hätte ich wahrscheinlich noch eine Mutter.
Sie haben eine homöopathische Ärztin, aber auch Reichsbürger fürs Goldene Brett nominiert. Kann man die wirklich in einen Topf werfen?
Was sie verbindet, ist eben das Brett vor dem Kopf – dass sie sich von der Realität und von Fakten in ihrem Gedankengebäude nicht beirren lassen. Wie kann man heute immer noch daran glauben, dass Homöopathie eine stoffliche Wirksamkeit hat? In diesen Kügelchen ist kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz enthalten.
Warum glauben so viele Leute daran?
Es ist ein Wohlstandsproblem. Leute, die echte Probleme haben, stellen sich diese Fragen nicht. Leute, die echte Probleme haben, können sich ja auch keinen Homöopathen leisten.
Haben Sie die homöopathischen Kügelchen selbst schon ausprobiert?
Ja, das ist lange her. Eine Zeit lang konnte ich nicht schlafen, und die Apotheke hatte mir solch ein Mittel empfohlen. Es mir nicht geholfen – und selbst wenn es geholfen hätte, wäre das ein Einzelfall und hätte keine Aussagekraft. Ich habe auch schon einmal eine ganze Flasche solcher Globuli zu mir genommen, und es ist rein gar nichts passiert. Nicht weiter verwunderlich, wenn nichts als Zucker drin ist.
Was ist denn eine Parawissenschaft, wo grenzen Sie sie von der Wissenschaft ab?
Richtige Wissenschaften sind ständig im Fluss, sie verändern sich, diskutieren miteinander. Die Homöopathie dagegen ist ein in sich geschlossenes System, seit 200 Jahren unverändert. Das muss man sich mal vorstellen: Vor 200 Jahren behandelte die wissenschaftliche Medizin noch mit Quecksilber und dem Aderlass – klar, dass da die völlig unwirksame Homöopathie überlegen war. Aber in der wissenschaftlichen Medizin haben sich Aderlass und Quecksilber mit der Zeit als schädlich erwiesen und keiner verwendet sie mehr. Genau das ist die Stärke der Wissenschaft. Wenn sich etwas als falsch erweist, dann wird es revidiert.
Dabei haben Ärzte doch ein naturwissenschaftliches Studium absolviert.
Wir bräuchten in der Schulbildung – und auch in der Ausbildung von Ärzten – viel mehr kritisches Denken. Sie sollten öfter hinterfragen, was sie tun, und was die wissenschaftliche Grundlage dafür ist. Aber Ärzte bieten teilweise auch Homöopathie an, um sich einem Patienten mehr widmen zu können. Denn für ein langes Gespräch können sie im Rahmen einer homöopathischen Behandlung ein angemessenes Honorar berechnen, während das Patientengespräch sonst so gut wie nicht vergütet wird. Dass es einem Patienten hilft, wenn ein Arzt sich Zeit nimmt: Das ist unbestritten.
Von welcher Szene geht die größte Gefahr aus?
Schon von der Alternativmedizin, weil sie so verbreitet ist. Und weil Patienten dann oft wirksame Behandlungen oder vorbeugende Maßnahmen, wie Impfungen, unterlassen. Aber auch von Wahrsagern geht eine Gefahr aus: Eine Bekannte von mir hat allein auf den telefonischen Rat einer Kartenlegerin hin ihren Job gekündigt und sich in einer ihr völlig neuen Branche selbstständig gemacht. Wenn so etwas nicht gut durchdacht ist, kann es jemanden ruinieren.
Warum beißen rationale Argumente so oft auf Granit?
Der Glaube an ein Einhorn, das dich beschützt, ist eben einfacher. Bei den Wissenschaften gibt es dagegen keine knallharte, absolute Wahrheit, da muss man alles hinterfragen, in Kontext setzen und durchdenken. Das ist anstrengend. Aber ich gebe zu: Wir Wissenschaftler müssten unsere Themen und die Errungenschaften der Wissenschaft stärker kommunizieren.
Ein kleines bisschen Augenzwinkern ist bei dem Thema also auch dabei?
Es gibt immer wieder Leute, die nur mit einem Lächeln zu ertragen sind – etwa Leute, die an Einhörner, Nixen und Elfen glauben. Früher gehörten für mich auch die Reichsbürger dazu. Man muss so viel ausblenden, zu glauben, dass Deutschland kein souveräner Staat ist, dass ich dachte, das sind eher harmlose Spinner. Aber inzwischen haben Reichsbürger Polizisten erschossen oder verletzt und vertreten eine stramm rechte Ideologie. Daher ist es wichtig, dass wir als GWUP über solche Menschen und deren Weltbilder aufklären.
Warum engagieren Sie sich in der GWUP – rein ehrenamtlich?
Ich habe Homöopathen und Esoteriker schon immer belächelt, hielt so etwas aber für eine Randerscheinung. Als ich dann Kinder bekam, wurde ich eines Besseren belehrt: Man kann jungen Eltern offenbar fast alles erzählen, und sie glauben es ohne kritische Nachfragen. Damals war es verbreitet, Babys Bernsteinketten umzuhängen, damit sie besser schlafen können und niemand fragt nach, auf welche Weise eine Bernsteinkette nun denn bitteschön beim Schlafen helfen soll. Das ist doch völlig absurd.