2000 Polizisten verhindern, dass Rechts- und Linksextremisten bei einer Demo in Göppingen aufeinandertreffen. Während die nationalen Sozialisten von der Polizei abgeschirmt demonstrieren, kommt es auf der anderen Seite des Zauns zu Ausschreitungen. Ein Bericht vom Ort des Geschehens.

Göppingen - Das Areal um den Göppinger Bahnhof gleicht einer Geisterstadt. Passanten dürfen nicht durch. Hunderte Polizeibeamte haben sich auf dem gesamten Gelände postiert und warten. 400 Rechtsextremisten wollen in Göppingen aufmarschieren, doch der Versammlungsleiter spricht dann nur noch von 250. Am Ende sind es 152.

Nachdem der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim am Freitag ein Demonstrationsverbot der Stadt aufgehoben hat, ist Göppingen am Samstag erneut zum Schauplatz einer Demonstration von Rechtsextremisten geworden. Während die sogenannten nationalen Sozialisten hermetisch abgeschirmt von der Polizei mit bellender Stimme wüste Parolen verbreiten und „Kameraden und Volksgenossen“ zum „Straßenkampf“ aufrufen, kracht es auf der anderen Seite des Zauns. Linke Gewalttäter attackieren die Beamten an den Absperrungen mit Tränengas und verschiedenen Gegenständen. Die Bilanz am Abend: 28 verletzte Polizisten, 101 Ingewahrsamnahmen und neun Festnahmen – alles Personen aus dem linken Spektrum. Um 17 Uhr ist der Spuk vorüber. Nach einer Abschlusskundgebung am Bahnhof reisen die Rechtsextremisten mit dem Zug ab, in der Stadt werden die Absperrungen abgebaut, die Störer der linken Szene verziehen sich.

Mehr als 1500 Beamte im Einsatz

Trotz der verletzten Beamten spricht die Polizei von einem Erfolg. Die Taktik, die Rechts- und die Linksextremisten auseinanderzuhalten, sei durch das konsequente Durchgreifen der Einsatzkräfte aufgegangen, zog der Göppinger Polizeichef Martin Feigl, der den Einsatz leitete, am Abend Bilanz. Um ein Aufeinandertreffen der beiden Lager zu verhindern, waren mehr als 1500 Beamte aus ganz Baden-Württemberg im Einsatz, unterstützt wurden sie von 150 Bundespolizisten.

Bereits Stunden vor dem Eintreffen der nationalen Sozialisten war die Polizei in der Stadt präsent. In der Nacht hatten Beamte die Route des Aufmarschs gesichert. Vom frühen Morgen an kreiste ein Polizeihubschrauber über der Stadt, während des Demonstrationszugs waren es dann drei. Beamte in Kampfanzügen beherrschten das Bild. Der Bahnhof und die Oststadt waren hermetisch abgeriegelt.

Doch zunächst hieß es warten. Um 13.30 Uhr sollte die Demonstration beginnen, aber ein Kabelschaden an der Bahnlinie bei Gingen brachte den Bahnverkehr zwischen Ulm und Stuttgart vorübergehend zum Erliegen, so dass die Neonazis erst mit Verspätung ankamen. Die Polizei schließt nicht aus, dass es sich um einen Sabotageakt handelt. Im Übrigen hatte beim letzten Neonazi-Aufmarsch in Göppingen am Karsamstag ebenfalls ein Kabelschaden an der Bahnlinie den Zugverkehr lahmgelegt.

Pfefferspray wurde eingesetzt

Als die nationalen Sozialisten ankamen, nahmen die Beamten sie in Empfang und kontrollierten sie einzeln. Erst um 14.45 Uhr setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung. Gleichzeitig verschärfte sich die Situation auf der anderen Seite des Zauns. Mitglieder der linken Szene versuchten, die Absperrung in der Schützenstraße zu durchbrechen, wurden aber von Beamten, die Pfefferspray einsetzten, und der berittenen Polizei zurückgedrängt.

Kurz vor dem Ende der Demonstration löste der Versammlungsleiter der nationalen Sozialisten die Versammlung unerwartet auf. Der Zug stockte, die Neonazis wurden von der Polizei zu ihrem eigenen Schutz in Gewahrsam genommen. Nach etwa einer halben Stunde entschieden sich die Neonazis zur Erleichterung der Polizei, wie geplant weiter zum Bahnhof zu marschieren.

Am Vormittag schon war die Stadt ganz unter dem Eindruck des Neonazi-Aufmarsches gestanden. Vor dem Rathaus sprachen der Oberbürgermeister Guido Till und Vertreter des Gemeinderats und der Kirchen. Sie alle bekräftigten, dass die Neonazis in Göppingen nicht willkommen seien. Göppingen sei eine Stadt der Vielfalt und solle das auch bleiben. Eine Stunde später begann die Veranstaltung des Bündnisses Kreis Göppingen nazifrei.

Neonazis drängen nach Göppingen

Auftakt
An Schulen in Geislingen und Göppingen tauchen Anfang Dezember 2011 rechtsradikale Plakate der so genannten „Unsterblichen“ auf. Weiße Masken sind deren Erkennungszeichen. Sie werden auch beim Göppinger Nachtnarrensprung gesehen.

Störung
Die Autonomen Nationalisten stören am 21. Januar den Neujahrsempfang der Linkspartei. Wegen der unangemeldeten Spontandemo erhält der Versammlungsleiter einen Strafbefehl, den er nicht akzeptiert. Nächste Woche steht er deshalb vor Gericht.

Mahnwache
Am 19. Februar halten 30 Neonazis in vier Städten, darunter auch Göppingen, Mahnwachen ab, mit denen sie angeblich an die Bombardierung Dresdens 1945 erinnern wollen.

Gegenbündnis
Zwei Wochen später geht es um die Bombardierung Göppingens. Die 22 rechtsextremen Männer treffen auf das Bündnis nazifrei. Der Versammlungsleiter der Rechten wird später wegen einer rechtsextremen Parole, die die Gruppe ruft, zu einer Geldstrafe verurteilt.

Höhepunkt
Die bisher größte Demo fand am Karsamstag statt. 80 Rechtsextremisten und 400 Gegendemonstranten treffen am Bahnhof aufeinander. Es fliegen Eier.