Colorblind Casting bei Netflix „Bridgerton“: Plötzlich ist der Adel schwarz

In „Bridgerton“ wird Königin Charlotte von Golda Rosheuvel gespielt.Foto:Netflix Foto:  

Ist es rassistisch, wenn historische Rollen farbenblind vergeben werden? Wie die Netflix-Serie „Bridgerton“ eine sensible Debatte ausgelöst hat.

Digital Desk: Katrin Maier-Sohn (kms)

Stuttgart - Es ist ein äußerst wichtiger Tag, auch wenn ihn manche fürchten. Heiratswillige junge Damen werden ihrer Majestät, der Königin, vorgestellt. In der ersten Folge der Netflixserie „Bridgerton“ taucht der Zuschauer ins Großbritannien des frühen 19. Jahrhunderts ein, in die sogenannte Regency-Epoche. Die Ballsaison hat soeben begonnen, und auch Daphne Bridgerton, eines der acht Kinder der Familie Bridgerton, ist frisch auf dem Londoner Heiratsmarkt.

 

Die Türen zum Palast schwingen auf, und Daphne und die anderen Debütantinnen in ihren pastellfarbenen Kleidern mit Empire-Taille treten hervor, aufgeregt, was die Königin wohl von ihnen halten mag. Die Kamera schwenkt, richtet sich auf Königin Charlotte. Sie trägt eine pompöse Robe in Weiß und Gold, auf dem Kopf eine graue Perücke. Und: Sie ist eine Woman of Color, eine schwarze Frau. Wie kann das sein, fragt sich der Zuschauer – und ist damit nicht allein. Die Serie, die bereits in den ersten Wochen einen Netflix-Rekord gebrochen hat und innerhalb von 28 Tagen von 82 Millionen Haushalten gestreamt wurde, löste bei Fans wie Experten eine komplexe Debatte aus.

Denn nicht nur die Darstellerin von Königin Charlotte, Golda Rosheuvel, ist eine Schwarze, sondern auch ein großer Teil der restlichen Besetzung. Den Adel um 1813 bildeten aber Menschen mit weißer Hautfarbe, eine historische Tatsache, wie sie die Zuschauer im Geschichtsunterricht gelernt haben.

Kritik von unerwarteter Seite

Colorblind Casting, farbenblinde Rollenbesetzung also, ist keine Erfindung von Shonda Rhimes, der Produzentin von „Bridgerton“ und Schöpferin der Krankenhaus-Serie „Grey’s Anatomy“. Am Theater und an der Oper ist es schon lange gang und gäbe, dass People of Color historische Rollen spielen – und zwar nicht nur die Aida. Auch in Film und Fernsehen gibt es die Tendenz zur farbenblinden Besetzung von Rollen. Vor „Bridgerton“ setzte „Hamilton“ das Thema Schwarze in weißen Rollen auf die Agenda. Die Broadway-Sensation aus dem Jahr 2015 erzählt die Gründungsgeschichte der USA als Hip-Hop-Musical, und die Darsteller sind Latinos und Schwarze.

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Doch auch schon lange zuvor wurden Rollen in Filmen nicht historisch korrekt besetzt: Sei es die US-amerikanisch-britische Schauspielerin Elizabeth Taylor, die 1963 die ägyptische Pharaonin Kleopatra spielte, sei es die eigentlich weiße Hofdame von Elisabeth der Ersten, Bess of Hardwick, die im Film „Maria Stuart“ (2018) mit der chinesischstämmigen Gemma Chan besetzt wurde.

Während Historiker die Glaubwürdigkeit solcher Besetzungen anzweifeln und von Anachronismus sprechen, klagen andere, farbenblinde Rollenbesetzungen seien rassistisch. August Wilson („Ma Rainey’s Black Bottom“), den viele für den wichtigsten afro-amerikanischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts halten, sagte 1996 in einer Rede: „Colorblind Casting ist eine abwegige Idee.“ Das Menschsein immer nur durch den Filter weißer Kultur zu analysieren, bedeute für Schwarze, „uns unsere eigene Menschlichkeit abzusprechen, unsere eigene Geschichte“. Viel mehr sollte, laut Wilson, in schwarzes Theater und in die Darstellung der Geschichte von People of Color investiert werden.

Jane Austen trifft Gossip Girl

Die Kulturjournalistin Diep Tran sagte im Gespräch mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“: „Colorblind Casting ist auf die gleiche Weise gefährlich wie der Satz: ‚Ich sehe keine Rasse’. Es leugnet die sehr realen strukturellen Hindernisse, die farbigen Schauspielern die gleichen Chancen verwehren wie weißen Schauspielern – niedrige Bezahlung in der Theaterbranche, ein Mangel an Rollen, die ethnisch spezifisch sind und die schwarze Schauspieler spielen können, und unbewusste Voreingenommenheit seitens weißer Theater und Casting-Direktoren.“

Verfechter des farbenblinden Castings hingegen sehen darin eine Chance, schwarze Schauspieler bei historischen Verfilmungen nicht länger auszuschließen – eine Normalisierung von etwas anderem als dem bisherigen weißen Standard. Die Macher von „Bridgerton“ jedenfalls verfolgten eine ähnliche Intention. „Mit ‚Bridgerton’ wollten wir ein Historienstück erschaffen, das es so noch nicht gegeben hat, und das ich schon immer mal sehen wollte“, erklärte Serienschöpfer Chris Van Dusen in einem Interview mit der Tageszeitung „USA Today“. „Wir wollten, dass diese Serie die Welt widerspiegelt, in der wir heute leben.“

Songs von Billie Eilish und Ariana Grande auf der Bratsche

Die Serie, die auf den Romanen der Autorin Julia Quinn basiert, hat also gar nicht den Anspruch, historisch korrekt zu sein. Anstatt mit Faktentreue zu punkten, will sie mit Vielfalt glänzen – als Gemisch aus Geschichte und Fantasie, in dem Songs von Billie Eilish und Ariana Grande auf der Bratsche gespielt werden. Pompöse Bälle, Intrigen, aufregende Bettgeschichten und eine zarte Liebesgeschichte zwischen Daphne Bridgerton und dem Herzog, das ist letztlich der Stoff, aus dem die Serie gemacht ist. Und das ist das, von dem die Zuschauer angetan sind. Oder wie der schöne Duke of Hastings, gespielt von Regé-Jean Page, im Interview mit Moderator Jimmy Fallon ganz richtig sagte, die Serie ist wie „Jane Austen trifft Gossip Girl mit 35 Shades of Grey.“

Farbenblindes Casting bei historischen Rollen

Hamilton

Vor „Bridgerton“ war es vor allem das Musical „Hamilton“ (2015), das das Thema Schwarze in weißen Rollen in den Fokus rückte. Hier wird die Gründungsgeschichte der USA von Latinos und Schwarzen dargestellt (Verfilmung beim Streamingdienst Disney+).

Maria Stuart
Die chinesischstämmige Gemma Chan stellt im Film „Maria Stuart“ (2018) die weiße Hofdame von Elisabeth der Ersten, Bess of Hardwick dar (DVD und Blu-ray von Universal Pictures oder auf Amazon Prime).

The Personal History of David Copperfield

Bei dieser Neuverfilmung des Dickens-Roman spielt der indischstämmige Dev Patel die Hauptrolle des britischen Waisenjungen (DVD von UK-LASGO oder auf Amazon Prime).

Cleopatra

Es geht auch anders herum: Die US-amerikanisch-britische Schauspielerin Elizabeth Taylor spielt 1963 die ägyptische Pharaonin Kleopatra (DVD von 20th Century Fox oder auf Amazon Prime).

Winnetou
Ein Beispiel aus Deutschland sind die populären Winnetou-Filme der 1960er Jahre. Der weiße Franzose Pierre Brice schlüpft in die Rolle des Indianerhäuptlings (DVD von LEONINE oder auf Amazon Prime und Netflix).

„Bridgerton“, USA 2020, läuft auf Netflix, ab 16 Jahren, 1 Staffel, 8 Folgen.

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