Eventmanager Ralf Imdahl setzte im November 2011 auf einen Neustart mit Rockmusik und Livebands. Zwei Jahre später kam das Aus. Foto:
Kehrt das Seestudio zurück? Die Stadt Böblingen hat Pläne für die einstige Kultdisco. Geht es nach den Fans, kommt dafür nur ein Musikstil in Frage. Aber sind sie die Zielgruppe?
Eddie Langner
09.12.2025 - 16:54 Uhr
Die Stadt Böblingen sucht einen Pächter mit überzeugendem Konzept für das Seestudio. Wie Netz-Reaktionen auf die Berichterstattung zeigen, haben die einstigen Stammgäste auch schon eine sehr konkrete Vorstellung davon, welcher Musikstil dort künftig laufen soll. Ob sie überhaupt die Zielgruppe sind, muss sich allerdings noch zeigen.
Für Rock- und Metalfans war das 1967 als Tanzcafé eröffnete Seestudio zusammen mit der Rockfabrik in Ludwigsburg über Jahrzehnte hinweg der Szenetreff schlechthin. Allerdings ging es ab den Nullerjahren stetig bergab. 2004 kam der erste Pächterwechsel, 2011 übernahm der Eventmanager Ralf Imdahl. Wegen mangelnden Brandschutzes musste er den stark sanierungsbedürftige Laden zwei Jahre später schon wieder schließen. Nach sechs Jahren Stillstand eröffneten Ivana und Tobias Häcker 2019 den auf Hip-Hop ausgerichteten Seasideclub, 2023 erfolgte die Geschäftsaufgabe.
Wie sehr frühere Stammgäste „ihr“ Seestudio vermissen, zeigt sich an den Kommentaren auf der Facebook-Seite dieser Zeitung. „Einfach wieder wie früher machen in den 90ern“, schreibt dort zum Beispiel ein Mann jenseits der 40 in einem Kommentar, der mit der sprachlich sehr freien Forderung „Rock Partys müssen Back...“ endet. „Wenn, dann Rock wie früher. Was anderes will doch keiner“, ist ein 49-Jähriger derselben Meinung.
„Einfach wie früher“, wünscht sich auch der in Grafenau aufgewachsene Heiko Buhl die „tolle Zeit“ Ende der 80er und 90er zurück. Damals sei das Seestudio ein Treff für junge und alte Rockmusikfans gewesen. So ein Treff fehle heute einfach in Böblingen, findet der bald 53-Jährige. „Da war ich mittwochs, freitags und samstags. Ich hab so gern auf die Rockmusik getanzt“, schwelgt eine treue Besucherin, die damals wohl jedes Mal bis zu 45 Minuten Anfahrtsweg in Kauf genommen hat.
Von 2019 bis 2023 war im Seestudio unter dem Namen Seasideclub Hip-Hop angesagt. Foto: Böblingen/sts
Offenbar weckt das Seestudio vor allem bei jenen Menschen nostalgische Gefühle, die heute auf Ü-30-, womöglich sogar auf Ü-60-Partys gehen würden. „Seestudio war in den 70ern DIE DISCO“, schreibt zum Beispiel ein weiblicher Stammgast von lange zurückliegenden Zeiten, als Menschen von der Alb bis zum Bodensee nach Böblingen kamen, um im Seestudio zu Donna Summer oder den Bee Gees zu tanzen. Leute in ihrem Alter hätten hier heute keine Möglichkeiten mehr, zu „guter alter Motown-Musik“ die Hüften zu bewegen, beklagt sie.
Die Rockmusik-Fraktion ist auf Facebook eindeutig in der Mehrheit
Auf Facebook ist die Rockmusik-Fraktion eindeutig in der Mehrheit. Es gibt aber auch andere Stimmen. „Ich wäre für etwas Neues“, spricht sich der Böblinger Schnellimbiss-Betreiber Serhat Tunc für ein Angebot aus, das unter der Woche mit „mit Speisen und angenehmer Atmosphäre“ überzeuge und „am Wochenende ein Ort für die Jugend“ sein könnte – damit die zum Feiern nicht mehr nach Stuttgart fahren müsse und „stolz auf unser Böblingen“ sein könne.
Ein Meinungsbeitrag auf Instagram geht in dieselbe Richtung. Man müsse mehr aus Böblingen machen, weil es sonst immer mehr verkomme, fordert der Kommentar an dem Standort am Oberen See einen „coolen Club“ oder eine „Bar mit Outdoor- Stühlen im Sommer“. Das Seaside habe da schon viel richtig gemacht, allerdings habe die Stadt ja die Außengastronomie verboten. Wie die Stadtverwaltung damals betont hatte, wäre dies bei einem Nachtclub in einem Wohngebiet allerdings auch schwierig gewesen.
Nun darf die Stadt selbst entscheiden, wie es mit dem Seestudio weitergeht. Man prüfe derzeit mehrere Interessenten für die zukünftige Nutzung, teilt die Verwaltung mit. Man werde alle eingereichten Konzepte „ergebnisoffen bewerten, um eine Lösung zu finden, die sowohl wirtschaftlich tragfähig ist als auch der gewünschten Stadtortentwicklung entspricht“. Klar sei aber auch: „Die Stadt Böblingen schreibt keine inhaltlichen Vorgaben bezüglich der Ideen und Konzepte vor“, so ein Pressesprecher.