Neu bei Netflix und Joyn Zwei Serien bringen den Tanz groß heraus

Michelle Williams und Sam Rockwell als Muscial-Traumpaar in der Joyn-Serie „Fosse/Verdon“ (links); Kylie Jefferson als Ballettschülerin Neveah in der Netflix-Serie „Tiny pretty Things“. Foto: Joyn/Pari Dukovic; Netflix/Sophie Giraud 17 Bilder
Michelle Williams und Sam Rockwell als Muscial-Traumpaar in der Joyn-Serie „Fosse/Verdon“ (links); Kylie Jefferson als Ballettschülerin Neveah in der Netflix-Serie „Tiny pretty Things“. Foto: Joyn/Pari Dukovic; Netflix/Sophie Giraud

Schweiß oder kein Schweiß? Diese Frage beantworten zwei Serien, die den Tanz groß herausbringen, ganz unterschiedlich. „Fosse/Verdon“ und „Tiny pretty Things“ bitten nebenbei zur Zeitreise durch menschliches Miteinander.

Kultur: Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - Die Songs aus dem Soundtrack dieser Miniserie würde man sehr gern mitsummen. „Big Spender“ etwa, Shirley MacLaines Hit aus dem Musical „Sweet Charity“ oder „Mein Herr“, Liza Minellis „Cabaret“-Glanznummer. Doch da ist dieser quecksilbrige Regisseur mit dem sich lichtenden Haar, der ständig dazwischenfunkt. „Wir stellen neu auf“, unterbricht er den Gesang der Tänzerinnen. „Es funktioniert noch nicht, ich habe noch eine Änderung“, setzt er Sekunden später die Szene auf Anfang.

Bob Fosse heißt der Suchende. Nervös ist er, da offen für eine ganz neue Sicht auf das Musical; und der Schauspieler Sam Rockwell trifft Fosses fiebrige Unruhe bestens. Mitten hinein in die Probenarbeit für seine erste Musical-Verfilmung 1969 katapultiert uns die achtteilige Serie „Fosse/Verdon“, die nun auf Joyn Primetime zu sehen ist. Sie basiert auf der 2013 veröffentlichten Biografie von Sam Wesson und ist sehenswert, weil sie von der ersten Szene an genau das umsetzt, was der Titel verspricht: Der Erfolg Fosses ist ohne die Frau an seiner Seite, die Tänzerin und Sängerin Gwen Verdon, nicht zu denken. Der Star aus Fosses Broadway-Inszenierung „Sweet Charity“ hat genau verstanden, worauf es auch an einem Filmset ankommt: auf jede einzelne Figur. Die Schauspielerin Michelle Williams spielt eine Künstlerin, die in sich ruht, weil sie weiß, was sie will.

Dreharbeiten in den Münchner Bavaria-Studios

Ohne Verdons Input kommt Fosse bei den Dreharbeiten für „Cabaret“ in den Münchner Bavaria-Studios nicht voran. Erst als sie anreist, läuft alles rund. Verdon macht aus Statisten, die Fosse kurzerhand in einem Bordell castet, Persönlichkeiten, denen sie eine eigene Geschichte ins Gesicht schminkt. Ihre Arbeit ist beseelt von einem Geist, mit dem John Cranko kurz zuvor in Stuttgart das Handlungsballett neu erdacht hatte. Auch für Verdon gibt es keine kleinen Rollen, jede Geste zählt. Und so befreit das Duo Fosse/Verdon mit einer neuen Authentizität den Musicalfilm aus dem Kokon der Künstlichkeit. „Ich will deinen Schweiß sehen“, sagt Fosse zu einer Tänzerin. Eine andere, die er aus einer Formation aussortiert, tröstet er: „Ich finde eine andere Aufgabe für dich.“

Wie ungewöhnlich diese Achtsamkeit ist, wird klar beim Zeitsprung, den die Netflix-Serie „Tiny pretty Things“ möglich macht. Auch hier steht der Tanz im Mittelpunkt, mitten hinein in die Gegenwart unserer Leistungsgesellschaft katapultieren uns die zehn Episoden um die Schüler einer angesagten Ballettakademie in Chicago. Unter ihnen herrscht eine so gnadenlose Konkurrenzsituation, dass man sich wundert, was im menschlichen Miteinander so grundsätzlich schieflaufen konnte in den vergangenen fünfzig Jahren seit Fosse/Verdon.

Wer tanzt das Solo?

Für die „Tiny pretty Things“ dreht sich alles um die Frage: Wer tanzt das Solo in dem neuen Ballett, das Ramon Costa mit ihnen erarbeiten wird? Wer ist dabei, wen sortiert der Star-Choreograf aus? Dass die Schüler, allen voran die ehrgeizige Bette, für solche Chancen über Leichen gehen, macht schon die Eingangsszene klar: Ein Mädchen, das abends auf der Dachterrasse überm Abgrund übt, landet in der Tiefe. Seither liegt Cassie, die beste Schülerin, wie man später erfährt, im Koma. War der Sturz ein Mordversuch oder ein dummer Unfall? Für die dunkelhäutige Neveah vor allem eine glückliche Fügung, denn sie kann dank eines Stipendiums Cassies Platz übernehmen. Fortan wird sie nicht nur Spitzenschuhe, sondern auch Ellbogen einsetzen. Denn sie ist talentiert, Neid und Drohbriefe sind im neuen Umfeld fast eine natürliche Folge. Fast unglaublich, mit welcher Coolness die junge Schauspielerin Kylie Jefferson sich in diesem Haifischbecken behaupten darf.

Die auf einem Jugendroman basierende Serie spielt in Chicago, Story, Charaktere und Institutionen sind fiktiv – zum Glück, denn sie machen die denkbar schlechteste Werbung für die Ballettschule, ja für das Ballett überhaupt. Geschickt zwischen Highschool-Drama, Krimi und Psychothriller mit „Black Swan“-Anleihen hat Regisseur Michael MacLannan „Tiny pretty Things“ platziert, der Spannungsfaktor ist hoch. Doch selbst schöne Ballettmomente aus dem Studio, tolle Tanzszenen vor der Skyline von Chicago, ein nach den Regeln der Diversität bunt angelegtes Personentableau, in dem religiöse und sexuelle Freiheit intensiv ausgelebt werden, können nicht darüber hinwegtrösten, dass hier vor allem Klischees regieren. Der Ballettmeister zum Beispiel ist ein Despot, der nicht mit seinen Schülern, sondern gegen sie arbeitet.

Deprimierendes Frauenbild

Essstörungen, Verletzungen, die nicht behandelt, sondern mit Tabletten weggedrückt werden, eine vergiftete Atmosphäre, allgegenwärtige Konkurrenz und Selbstoptimierung runden das Tableau ab. Besonders deprimierend ist die Rolle, die hier im Post-Metoo-Zeitalter Frauen zugewiesen wird. Die Leiterin der Ballettakademie etwa schert sich mit Blick auf Sponsorengelder mehr um den Ruf ihrer Schule als um das Wohl ihrer Schutzbefohlenen. Dass die Ex-Tänzerin sich die Cortison-Depots selbst in die kaputten Füße spritzt, passt da ins Bild. Der angesagte Choreograf darf einer Tänzerin bei der Probe zwischen Beine und auf Brüste fassen; sie ist zwar, wie sich später herausstellt, mit ihm liiert, irritierend bleibt die Szene dennoch. Und vor allem sind da die Mütter, die, von Ehrgeiz zerfressen, denkbar schlecht wegkommen: Eine Tiger-Mom packt kurzerhand für ihre Tochter die Koffer, als sie nicht das erhoffte Solo erhält – eine Karriere in der zweiten Reihe oder gar in der Gruppe ist für sie ausgeschlossen. „Es will niemand sehen, wie du schwitzt“, giftet ein kleines, hübsches Ding das andere an. Heute zählt der Erfolg. Welche Leichen den Weg dorthin pflastern, interessiert keinen.

Streaming: „Fosse/Verdon“, acht Folgen abrufbar auf Joyn Primetime; „Tiny little Things“, zehn Folgen auf Netflix.




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