Neu im Kino: „Annette“ Adam Driver in einem mörderischen Musical
Adam Driver und Marion Cotillard spielen ein Traumpaar in der Krise im Musical „Annette“. Der Film des Künstlers Leos Carax startet nun im Kino.
Adam Driver und Marion Cotillard spielen ein Traumpaar in der Krise im Musical „Annette“. Der Film des Künstlers Leos Carax startet nun im Kino.
Stuttgart - Von Anfang an ist klar, dass mit Henry McHenry (Adam Driver) etwas nicht stimmt: Wie er im Filmmusical „Annette“ als Stand-up-Comedian im Bademantel Zynismus und Verachtung übers Dasein und sein Publikum ausschüttet, wie er mit dem Motorrad durch Los Angeles rast, wie er seine Geliebte Ann (Marion Cotillard), eine erfolgreiche Operndiva, latent dominiert.
Die beiden heiraten, bekommen ein Kind und stehen als Traumpaar im medialen Fokus. Der wird zur Bedrohung, als mehrere Frauen Henry sexuelle Übergriffe vorwerfen. Er gerät in eine schwere Krise – und bald geht bei einem Segeltörn seine Frau über Bord. Sie verschwindet aber nicht etwa, sondern wirkt als Geist weiter durch ihre kleine Tochter Annette, die zauberhaft singt – aber wie eine Marionette aussieht.
Surreale Szenarien sind eine Spezialität des französischen Regisseurs Leos Carax. Bekannt wurde er mit „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (1991), einer erschütternden Romanze zwischen einem Obdachlosen und einer erblindenden Malerin in Paris. In „Holy Motors“ (2012) stellte er in experimenteller Kühnheit die Frage, ob das ganze Leben nicht nur eine Inszenierung sein könnte – er zeigte eine verbogene, manipulierte Realität aus stetig wechselnden Filmsets und die Verblendung des Publikums. Nichts ist so, wie es scheint – diese Prämisse passt auch zum aktuellen Musical.
Eine gewisse artifizielle Anmutung liegt in der Natur des Genres, das kommt Carax entgegen – immer wieder bricht er die Illusion filmischer Realität, indem er deren Kulissenhaftigkeit sichtbar macht. Besonders übersteigert tut er dies, als Ann und Henry auf ihrer Jacht in einen Sturm geraten: Sie stehen an Deck im künstlichen Regen, um sie herum tobt ein einmontiertes Unwetter, das jede Nussschale sofort verschlingen müsste.
Das Drehbuch und die Musik stammen vom US-Brüderduo Ron und Russell Mael, besser bekannt unter dem Bandnamen Sparks. Sie haben sich über die Jahre von Art-Rockern („This Town ain’t big enough for both of us“, 1974) zu Musicalkomponisten entwickelt („Lil’ Beethoven“, 2002). „Annette“ besteht aus einer stimmigen Reihung prägnanter Songs, beginnend mit fiebrigen Schwüren rasend Verliebter, die kaum voneinander lassen können („We love each other so much“). Die Handlung ist eher schmal, aber die dramatischen Wendungen sitzen.
Adam Driver ist sehr aktiv und derzeit auch in „House of Gucci“ im Kino zu sehen. Als Henry lässt er die dämonische Präsenz wieder aufblitzen, die er als „Star Wars“-Bösewicht Kylo Ren ausleben durfte. Cotillard gibt eine filigrane Künstlerin, der es kaum gelingt, aus Henrys Schatten zu treten. Beide singen selbst und das auch passabel. An Driver, in der zweiten Hälfte omnipräsent, hört man sich aber irgendwann satt – er ist eben doch kein hauptberuflicher Sänger.
Leos Carax führt sein Spiel mit der Illusion gekonnt zu Ende. Das Rätsel um das Marionetten-Mädchen löst er auf besonders elegante, hoch symbolische Weise. Beim Festival in Cannes hat er dafür zu Recht die Regie-Palme bekommen.
Annette. F 2021. Regie: Leos Carax. Mit Adam Driver, Marion Cotillard. 140 Minuten. Ab 12.