Neu im Kino: „Bugonia“ Emma Stone ist (k)ein Alien
Der Mensch ist ein böses Wesen, das zeigt der Regisseur Yorgos Lanthimos in seinem neuen Werk „Bugonia“. Und ziemlich böse ist auch sie: Emma Stone als Biomedizin-Unternehmerin.
Der Mensch ist ein böses Wesen, das zeigt der Regisseur Yorgos Lanthimos in seinem neuen Werk „Bugonia“. Und ziemlich böse ist auch sie: Emma Stone als Biomedizin-Unternehmerin.
Die Eliten sind schuld am Untergang der Arbeiterklasse! In Yorgos Lanthimos’ bitterböser Mystery-Science-Fiction-Sozial-Farce „Bugonia“ konzentriert sich die Macht der Herrschenden in einer einzigen Person. So glaubt es jedenfalls Teddy (Jesse Plemons), ein Vertreter des amerikanischen Prekariats. Michelle, sein Hassobjekt (grandios in der Hauptrolle: Emma Stone), ist aber auch wirklich ein Biest von einer CEO, einer Unternehmenschefin, die in Schuhen der Luxusmarke Louboutin über die polierten Steinböden ihres Biomedizin-Konzerns Auxolith stöckelt und ihrer Assistentin mit schneidender Freundlichkeit Benefits für ihre Untergebenen diktiert.
Vergiftete Benefits, versteht sich: Ab sofort müssten alle Angestellten Schlag 17.30 Uhr das Haus verlassen, um Zeit mit ihren Familien zu verbringen. Allerdings: Es sei denn, es gebe noch Arbeit zu erledigen. Die Quoten dürften auf gar keinen Fall leiden. Und der feste Feierabend sei kein Gesetz; er diene nur dazu, Druck von den Beschäftigten zu nehmen.
Teddy ist einer von jenen, die Michelles Laden am Laufen halten. Teddy kennt seine Chefin kaum, und doch hasst er sie inbrünstig. Für ihn ist Michelle kein Mensch, sondern Abgesandte einer Alien-Population aus der Galaxie Andromeda, gekommen, um die Menschheit zu unterjochen und zu töten. Auxolith ist wegen seiner Forschung an Neo-Nicotinoiden schuld am Bienensterben, wie der Hobby-Imker meint.
Außerdem hat das Unternehmen mit experimentellen Opioid-Substituten einigen Schaden angerichtet; Teddys Mutter (Alicia Silverstone) liegt nach der Behandlung mit den Medikamenten im Koma. Deshalb hat der streng zölibatär lebende Junggeselle mit seinem Cousin Don (Aidan Delbis) einen Entführungsplan geschmiedet, um Michelle eine Begegnung mit ihren Alienbossen auf deren Mutterschiff abzupressen. Teddy will den Rückzug der außerirdischen Imperatoren von der Erde erwirken, um so als Held den Planeten zu retten.
Wahnhafte Verschwörungstheoretiker wie Teddy gibt es überall in der Wirklichkeit. Sehr typisch hat sich der Abkömmling einer Suchtkranken und eines abwesenden Erzeugervaters eine Parallelrealität aus alternativen Fakten erschaffen, die verstörender kaum sein kann. Macht, Zwang und Kontrolle sind die Kernthemen in Lanthimos’ bisherigem Werk, in „Bugonia“ sind sie klar mit gegenwärtigen sozialen Spaltungsprozessen, exemplarisch in den USA, verbunden.
Über Michelle erfährt man nicht viel, was deren Menschenleben ausmacht. In ihrer Freizeit trainiert sie Kampfsport in ihrer aseptischen Villa und nutzt auch im Geschäftsleben verbale Judotechniken, um Mitarbeiter aufs Kreuz zu legen. Teddy ist das, was Bessergestellte in den USA herablassend als „White Trash“ bezeichnen; ein Mann, der im Chaos mehr vegetiert als lebt. Sein Job ist nicht mehr als der Handlangerdienst eines ungelernten Schulabbrechers.
Als Kind wurde Teddy von seinem damaligen Babysitter und heutigen Dorfsheriff missbraucht; Teddys einziger Freund Don ist ein geistig zurückgebliebenes Riesenbaby, das sich willig von ihm chemisch kastrieren lässt, um nicht den Verführungskünsten des weiblichen Aliens Michelle zu erliegen. Die filmische Realität der Figuren ist erschütternd hässlich, und obwohl Yorgos Lanthimos in der Schlussvolte des Films ins Fantastische schwenkt, verweist „Bugonia“ stärker auf das Hier und Jetzt, als uns Erdlingen genehm sein kann.
Obwohl Lanthimos für beide Seiten Mitgefühl erregt – sowohl für den Paranoiker Teddy und dessen Faktotum Don als auch für das von beiden schlimm gefolterte Entführungsopfer Michelle – ist keine Figur wirklich liebenswert. Voll Ekel betrachtet man Teddys Lebensumstände, den Müll in seinem Haus und in seinem Kopf, seine massive Gewaltbereitschaft. Voll Abscheu registriert man aber auch Michelles Menschenverachtung, ihre Arroganz, ihr machiavellistisches Arbeitsethos. Und trotzdem fällt es schwer, sich der Faszination dieser Hässlichkeit zu entziehen, weil Lanthimos seinen Zeitgenossen in bizarren Bildern den Spiegel vorhält: Seht her, so weit seit Ihr gekommen!
Wenn Teddy Michelle auf einem selbst gebastelten Elektrischen Stuhl kocht oder Michelle den depressiven Don allein mit Worten in den Suizid treibt, liegt es nahe, die Schrecknisse des Films mit den realen Grausamkeiten abzugleichen, die sich Menschen seit Anbeginn ihrer Zeit antun. Auch wenn Lanthimos mit keinem Wort aktuelle politische Verwerfungen anspricht, drängt sein Film die satirisch zugespitzte Frage auf, ob der Mensch seinen Planeten überhaupt verdient hat, wenn er so unbeirrbar Böses tut. Lanthimos Antwort darauf ist eindeutig und reizt zum Nachdenken darüber, ob nicht doch noch auf den letzten Metern eine Besserung gelingen sollte.
Bugonia. USA, Südkorea, Irland 2025. Regie: Yorgos Lanthimos. Mit Emma Stone, Jesse Plemons, Aidan Delbis. 120 Minuten. Ab 16 Jahren.