Neu im Kino Dokufilm über Wanderkinos
In dem Dokumentarfilm „Kultourhelden“ porträtiert Wolfram Hannemann zwei mobile Filmvorführer kurz vor der Rente. Und er erzählt vom Ende der Ära des Wanderkinos..
In dem Dokumentarfilm „Kultourhelden“ porträtiert Wolfram Hannemann zwei mobile Filmvorführer kurz vor der Rente. Und er erzählt vom Ende der Ära des Wanderkinos..
Stuttgart - Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland mehr als 500 Wanderkinos. Sie gehörten zur Jahrmarktkultur. Gespielt wurden komische Filme, die Eintrittspreise waren für jedermann erschwinglich. Heute ist in deutschen Landen eine karge Zahl von Wanderkinos übrig geblieben. Wolfram Hannemann widmet sich in seinem Dokumentarfilm „Kultourhelden“ der Geschichte von Klaus Friedrich und Gerhard Göbelt, die noch heute noch regelmäßig Kultur aufs Land bringen.
„Die freiwillige Feuerwehr für Männer, das Kino für Frauen“, so einfach ist das Fazit eines Hausmeisters im ländlichen Raum in Sachen Freizeitangebote in seinem Ort. Vermutlich tut er, wenn er so vor der Kamera spricht, Kirchengemeinden, Schulen und Vereinen unrecht, die sich redlich mühen. Doch Wahrnehmungen sind bekanntlich subjektiv. Gerade schließt der Mann eine Gemeindehalle auf. Heute ist Kinotag.
Vier Vorstellungen wird es geben, gezeigt werden „Filme, die auch in den Kinos gut laufen“, sagt Klaus Friedrich vom Mobilen Kino. Wie auch Gerhard Göbelt vom Moki Ludwigsburg würde der Esslinger nie Filme zeigen, die er selbst nicht kennt. Jahrelang haben sie gemeinsam Wanderkino gemacht, sich dann getrennt. Streit hat es wegen der erwünschten Eigenständigkeit nie gegeben, versichern sie.
Zur Blütezeit der Wanderkinos in Deutschland wurden deutschlandweit Millionen Zuschauer erreicht: Kino war auf Jahrmärkten der größte Magnet. Heute freuen sich die beiden „Kultourhelden“, wenn bei Open-Air-Veranstaltungen 200 Zuschauer kommen. Gerhard Göbelt sagt: „Gespielt wird immer, außer es besteht Gefahr für Leib und Leben.“ Station wird in Innenhöfen und auf frisch gemähten Wiesen gemacht. Und so ist der Dokumentarfilm auch ein Roadmovie durch Baden-Württemberg: durchs Lenninger Tal, durch den Schlossgarten in Oppenweiler oder auch den Innenhof der Alten Seegrasspinnerei in Nürtingen.
Was für ein Verhältnis hatte Göbelt als Kind zu bewegten Bildern? „Gar keins“, erzählt er im Film. Erst als Jugendlicher habe er das Kino für sich entdeckt. So richtig los ging es im Studium an der Pädagogischen Hochschule. „Ich hab die Filmauswahl getroffen, Filme vorgeführt und das Kinderprogramm pädagogisch betreut“, erzählt Göbelt.
Dann sitzt er mit Friedrich vor der Kamera von Wolfram Hannemann, und die beiden überlegen, wie sie sich in Sachen Kino eigentlich getroffen haben. Die Szene hat etwas Heiteres, denn jeder hat andere Erinnerungen. Doch sie werden sich einig: 1989 begann ihr Job beim gemeinnützigen Verein Kinomobil Baden-Württemberg. Filmkunst sollte in kinolose Gemeinden gebracht werden. Dabei ist es auch geblieben, nachdem sich Friedrich und Göbelt – beide Jahrgang 1956, beide studierte Pädagogen – selbstständig machten. Und so packen sie noch immer an jedem Kinotag das Equipment zusammen, hieven es ins Auto, bauen mit Helfern große Leinwände auf, zurren die Leinwände zwischen Bäumen fest, verwahren die Technik regensicher im Auto, schauen zum Himmel und hoffen auf gutes Wetter.
Klaus Friedrichs Kinoleidenschaft ist vermutlich familiär bedingt. „Meine Oma hatte ein Stummfilmkino, ein anderer Verwandter ein Karussell“, sagt er. Im Kino Central in Esslingen verbrachte er unzählige Filmstunden. Als Herberge zum Hammel wurde das Gebäude des ältesten erhaltenen Kinos Baden-Württemberg im 17. Jahrhundert zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Das Central am Esslinger Rossmarkt erlitt das gleiche Schicksal wie viele kleinere Kinos – das private TV, aber vor allem die Nachfrage des Publikums nach großen Multiplexkinos hat ihnen den Garaus gemacht.
Ironie des Schicksals: Ausgerechnet das größte Multiplexkino in Süddeutschland, der Ufa-Palast in Stuttgart, musste seine Pforten in der Coronakrise schließen. In ihren persönlichen Kinogeschichten spiegelt sich auch die Historie des Equipments: Das 35-Millimeter-Filmformat wurde auf digitale Produktionsmethoden umgestellt, neue Projektoren mussten angeschafft werden. Nicht geändert hat sich das Gebaren der Verleiher. „Wir bekommen keinen Film zum offiziellen Kinostart, erst ein paar Wochen später, das hat sich auch durch die Digitalisierung nicht geändert“, sagt Klaus Friedrich. So müssten sie „erst mal zusehen, wie andere Kinos Geld verdienen“. Trotzdem zeigen sich Friedrich und Göbelt im Film überzeugt: „Das Wanderkino stirbt nicht aus.“
Auch wenn bei ihnen „Casablanca“ ein ziemlicher Flop gewesen ist, wie sie anschaulich erzählen, die Nachfrage nach den mobilen Kinos ist vorhanden. Nur wer wird sie betreiben? Klaus Friedrich und Gerhard Göbelt nähern sich dem Rentenalter, mögliche Nachfolger sind nicht in Sicht. Hannemann jedenfalls setzt den Menschen und einer ganzen Ära ein schönes Denkmal.
Hinter der Kamera und im Kino
Umsteiger
Auch im Zeitalter der vielen Filmschulen gibt es das noch: Wolfram Hannemann ist als Filmemacher Autodidakt. Der einst festangestellte EDV-Spezialist folgte seiner Liebe zum Kino, kündigte, baute einen Online-Handel für Laserdiscs auf, den Vorläufer der DVD, und arbeitete nebenbei als Filmkritiker – auch für unsere Zeitung.
Filmfokus
Hannemanns erster Kurzfilm galt dem Widescreen-Festival in Bradford, sein erster Langfilm widmete sich der aussterbenden Spezies der Print-Filmkritiker.
Kino
„Kultourhelden“ hat am 18. August um 18 Uhr im Atelier am Bollwerk Premiere.