Neu im Kino Erst wenn sie weg sind, werden die Eltern vermisst
In seiner Tragikomödie „Father Mother Sister Brother“ setzt Jim Jarmusch der Familie ein bittersüßes Denkmal.
In seiner Tragikomödie „Father Mother Sister Brother“ setzt Jim Jarmusch der Familie ein bittersüßes Denkmal.
„Du bist gar nicht älter geworden“, lobt der Vater das Äußere seiner Tochter Emily, die er schon geraume Zeit nicht mehr gesehen hat. Ihrem Bruder Jeff (Adam Driver) schmeichelt er, er sei immer sein Lieblingssohn gewesen. „Ich bin ja auch dein einziger“, kontert der trocken. Das kann ja heiter werden, denkt man angesichts dieses ungemütlich verklemmten Wiedersehens einer durch den Tod der Mutter um ihr emotionales Zentrum beraubten Kleinfamilie, die der Amerikaner Jim Jarmusch in der ersten von drei Episoden seiner Tragikomödie „Father Mother Sister Brother“ beim Teetrinken und Plaudern beobachtet.
Jarmusch ist berühmt für seine kauzigen, trotzdem ziemlich durchschnittlichen Charakterköpfe, für stilisierte Bilder der Alltäglichkeit, für die Darstellung von Menschen, die einander wenig bis nichts zu sagen haben und es trotzdem tun. Wie witzig das sein kann, zeigt Jarmuschs 2025 bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnetes neuestes Werk nach langer Schaffenspause seit der Zombie-Horrorkomödie „The Dead don’t die“ aus dem Jahr 2019. Jeff und Emily (Mayim Bialik) besuchen ihren Vater (Tom Waits) in dessen abgelegenem Haus in New Jersey, wenige Monate nach dem Tod der Mutter. In der Vergangenheit hatte der Vater wegen Geldnöten seine Kinder angepumpt; eine Lüge, wie Jarmusch nur dem Publikum enthüllt.
In der zweiten Episode des als Triptychon angelegten Films treffen die Schwestern Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) auf ihre herrische Mutter (Charlotte Rampling) zur jährlichen Tee-Party in deren Haus in Dublin. Während der überbrave Single Timothea einem Job als Konservatorin nachgeht, feilt die lesbische Lilith an einer Karriere als Influencerin.
Im dritten Teil treffen die Zwillinge Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) in Paris aufeinander, nachdem die Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Beim Betrachten alter Fotos lassen die beiden ihre Kindheit Revue passieren.
So unterschiedlich die Länder, sozialen Hintergründe und Biografien, so ähnlich verhalten sich Familien, wenn sie durch das Erwachsensein der Kinder auseinander gerissen werden, erzählt Jarmusch. Spätestens mit deren Auszug setzt ein Entfremdungsprozess ein, der die während der Erziehungsphase auf Gedeih und Verderb zusammen geschweißte Einheit aus Vater-Mutter-Kindern wieder in von einander isolierte Individuen zersprengt. So sitzen in den ersten beiden Episoden des Films einander fremd gewordene Menschen mit Doppelleben am Tisch, irritiert von der eigenen Rolle in einem absurden Schauspiel der Selbstverleugnung. Nur im dritten Teil entdecken die Zwillinge Skye und Billy die authentische Bedeutung der Familie wieder – tragischerweise erst durch den Verlust ihrer Eltern.
Jarmuschs Erkenntnisse zur Familiendynamik sind nicht neu, aber mit bittersüßem Witz auf den Punkt gebracht. Bei aller Vereinzelung und trotz aller Lügen sieht Jarmusch das Verbindende, die alte vertraute Zuneigung, die sich in den roten Kleidungsstücken seines Ensembles als Leitmotiv durch den Film zieht. Das Vergehen von Zeit, den gleichförmigen Flow symbolisieren Teenager auf Skateboards; eine komische Redensart über einen Onkel, die niemand wirklich versteht, spukt als Running Gag durch die Szenen. „Father Mother Sister Brother“ ist kein Film für Schenkelklopfer und befreiendes Lachen; aber ein weises Werk, in dem sich jeder schmunzelnd ein bisschen selbst begegnen kann.
Father Mother Sister Brother. USA, Irland, Frankreich 2025. Regie: Jim Jarmusch. Mit Tom Waits, Mayim Bialik. 110 Minuten. Ab 12 Jahren.