Neu im Kino Flucht in den Elfenbeinturm

Golshifteh Farahani (Mitte) als Azar Nafisi. Foto: Weltkino

In „Lolita lesen in Teheran“ schildert Eran Riklis, wie sich iranische Frauen unter Ajatollah Chomeini gedanklich in die westliche Literatur retteten.

Humbert Humbert ist pädophil und in die 12-jährige Dolores verliebt, seine „Lolita“, sein „Nymphchen“. Humbert Humbert ist krank; er ist aber auch nur ein rein fiktiver Charakter aus einem Roman von Vladimir Nabokov. Zur Zeit seiner Erstveröffentlichung um 1955 wurde „Lolita“ als pornografisch geächtet. Dabei bezieht man beim Lesen automatisch Opposition gegen Humbert und fühlt mit dem Opfer, und erfährt, dass der sexuell Deviante sich selbst belügt. Ein harter Stoff, für manche eine Zumutung. Für die iranische Literaturprofessorin Azar Nafisi (Golshifteh Farahani) bedeutet „Lolita“ zu lesen aber, über Themen wie Sexualität, Selbstbestimmung und Freiheit uneingeschränkt nachdenken zu können.

 

20 Jahre im Leben einer Familie der intellektuellen iranischen Oberschicht

Als im Jahr 1979 Schah Reza Pahlavi in der iranischen Revolution von Ajatollah Chomeini gestürzt wird, zieht Azar Nafisi mit ihrem Mann Bijan (Arash Marandi) von den USA zurück in ihre Heimat. Im Glauben, sie könne Teil einer demokratischen Veränderung sein, erzählt der israelische Filmemacher Eran Riklis in seinem Drama „Lolita lesen in Teheran“ auf Basis des gleichnamigen Erinnerungsbuches Nafisis. Doch schon bei der Einreise erlebt Azar die prüde Strenge der neuen Sittenwächter, die die Bücher und Kosmetik der Professorin filzen. Zunächst beginnt Azar an der Universität englische Literatur zu lehren, Bijan bekommt Aufträge als Architekt, dem äußeren Anschein nach geht es dem Paar gut in seiner großen Wohnung. Bis die neue fundamentalistische Moral in Azars Unterricht schwappt.

Authentische Ansichten vom Alltagsleben im Iran sind selten im europäischen Kino, schon das macht Eran Riklis Film sehenswert. Riklis nimmt die Erinnerungen Azar Nafisis zur Grundlage, um in vier mit den Titeln amerikanischer Romane überschriebenen Kapiteln und über einen Zeitraum von 20 Jahren das Leben einer Familie der intellektuellen iranischen Oberschicht zu begleiten. Azar erlebt, wie das Sozial- und Berufsleben der Frauen massiv eingeschränkt wird; erst durch die Schleierpflicht, später durch strenge Verhaltensgebote. Schon, dass sich Azar mit ihrem Kollegen aus der Theaterwissenschaft zum Spaziergang trifft, kann gefährlich werden. Auch, weil Azars sonst liberaler Mann durch die allgemein frauenfeindliche Atmosphäre im Land die Freundschaft der beiden mit Eifersucht betrachtet. Ein Wunder, dass Nazar im Seminar überhaupt noch Männer und Frauen gleichermaßen unterrichtet, wobei die Männer Nazars progressive Ansichten zu Nabokovs „Lolita“, Fitzgeralds „Der große Gatsby“ oder James’ „Daisy Miller“ mit religiösen Dogmen kontern. Die Gewalt ist allgegenwärtig auf dem Campus, weshalb Nazar an der Uni kündigt, um einige ihrer Schülerinnen zu Hause zu unterrichten. Eran Riklis Film vermittelt, wie es sich anfühlt, in einem sozialen Gefängnis zu leben, sich vor allem aber die gebildeten Frauen im Geheimen mit Hilfe der Literatur gedankliche Freiräume schaffen; Nazars Wohnzimmer wird zum rettenden Elfenbeinturm. Wie viel düsterer noch das Leben derjenigen sein muss, die sich weder ins innere Exil der eigenen Gedanken noch ins Ausland flüchten können, spart Eran Riklis allerdings aus.

Lolita lesen in Teheran. Italien, Israel 2024. Regie: Eran Riklis. Mit Golshifteh Farahani, Arash Marandi. 108 Minuten. Ab 12 Jahren.

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