Neu im Kino: „King’s Land“ Brutaler Western mit Mads Mikkelsen
Im Historien-Western „King’s Land“ (Kinostart: 6. Juni) verkörpert Mads Mikkelsen einen Hauptmann, der im 18. Jahrhundert die dänische Heide erobern will.
Im Historien-Western „King’s Land“ (Kinostart: 6. Juni) verkörpert Mads Mikkelsen einen Hauptmann, der im 18. Jahrhundert die dänische Heide erobern will.
Einen abgetragenen Uniformrock mitsamt Orden, eine schlichte Perücke und eine Kiste mit Knollen – mehr hat Hauptmann Ludvig Kahlen (Mads Mikkelsen) nicht, um den König zu beeindrucken. 1755 herrschen strenge Hierarchien; wer arm geboren wird, hat kaum Chancen, aufzusteigen. Doch genau das versucht Kahlen, als er sich am Hof mit dem Himmelfahrtskommando bewirbt, er könne im Alleingang das wüste Jütland frucht- und bewohnbar machen. Einen solch unmöglichen Plan könnte sich auch ein armer Tropf in einem Märchen ausdenken. Doch der König bewilligt dem Junggesellen eine große Parzelle Heideland. Gelingt es Kahlen tatsächlich, dort etwas anzubauen, bekommt er zum Dank einen Adelstitel und Siedler für seine Kolonie.
Mads Mikkelsen hat schon viele Charakterköpfe und Dickschädel gegeben; vom Drogendealer in Nicolas Winding Refns „Pusher“ (1996) zu Beginn seiner Karriere bis zum Terroristen-Bankier Le Chiffre im James-Bond-Abenteuer „Casino Royale“ (2006), außerdem einen Wikinger-Krieger („Walhalla Rising“, 2009) und den wohl berühmtesten Serienkiller der Filmgeschichte („Hannibal“, 2013–2014), dazwischen einen Kindergärtner unter Missbrauchsverdacht in „Die Jagd“ (2012) und den tragisch sturen Rechthaber „Michael Kohlhaas“ (2013). Mikkelsens Rollenportfolio ist beachtlich vielseitig und interessant.
In Nikolaj Arcels Historien-Western „King’s Land“ gibt er nun einen Mann, der zäh entschlossen und gegen jeden Spott von außen immun das Schlachtfeld gegen den Acker tauscht, um sich zu beweisen.
Die struppige Landschaft und das harsche Wetter sind dabei nicht Kahlens einzige Widersacher. Mit dem Provinzadeligen Frederik De Schinkel (Simon Bennebjerg) stellt Arcel seinem Protagonisten einen Erzfeind gegenüber, den man von Minute eins an leidenschaftlich verabscheuen muss. De Schinkel beansprucht die Ödnis auch für sich, bloß, weil Kahlens Land direkt an seines grenzt. Einem anderen will er den Erfolg nicht gönnen, die Heide möglicherweise doch zu erobern.
Arcel zeichnet De Schinkel als arroganten Emporkömmling, der das offenbar erkaufte „De“ in seinem Namen penetrant betont und den einfachen Hauptmann im Rahmen einer Abendgesellschaft brüskiert, als er ihm ein lächerlich toupiertes Haarteil aufzwingt, im Tausch gegen Kahlens vermeintlich verlauste, schlichte Perücke.
Wegen solcher Details ist „King’s Land“ süffig und schön anzusehen. Besonders die erste Hälfte verwendet Arcel darauf, Kahlen und De Schinkel in ihrer Unterschiedlichkeit zu porträtieren, wobei De Schinkel wesentlich eindimensionaler als sadistischer Schnösel gezeichnet wird, der nach der Manier absolutistischer Fürsten alles raubt, was er will; Ländereien, Ernten, Frauen.
Die Epoche der Aufklärung, die weltgeschichtlich und vor allem philosophisch als Ansatzpunkt moderner Gesellschaften gilt, fasziniert den Filmemacher allerdings vornehmlich aufgrund ihrer brutalen Abseiten. Kahlen nimmt zwei vor De Schinkels Sadismus geflüchtete Landarbeiter und das Sinti-Mädchen Anmai Mus (Melina Hagberg) bei sich auf. Als De Schinkel die Arbeiter auf Kahlens Hof aufspürt, lässt er den Mann bestialisch foltern und töten – den schrecklichen Anblick erspart Arcel, Drehbuchautor der drei düsteren Adler-Olsen-Verfilmungen „Erbarmen“, „Erlösung“ und „Verachtung“, seinem Publikum nicht.
Als Gegengewicht zur ausführlich beschriebenen Barbarei darf Kahlen eine ruppig-romantische Beziehung zu Ann Barbara (Amanda Collin), der Witwe des ermordeten Landarbeiters, knüpfen. Mit ihr und der vom Rest der Landbevölkerung geächteten Mus gründet er eine Art Familie. Weil Kahlen aber auch für Helene (Kristine Kujath Thorp), die Cousine und gedemütigte Verlobte De Schinkels, schwärmt, entpuppt er sich als zwiespältiger Held.
Im Wunsch, von der feinen Gesellschaft geachtet zu werden, bekennt er sich nicht immer zu Ann Barbara und Ziehtochter Mus. Und obwohl Kahlen wie Ann Barbara, Mus und Helene ein Opfer der sozialen Verhältnisse ist, beweist er selbst ein Talent für eiskalte Grausamkeit. Die Fixierung auf blutrünstig ausgemalte Gewalt und der im zweiten Teil sentimental gewendete Plot nehmen der eigentlich hochspannenden Anlage viel von ihrem Reiz. Statt sich ernsthaft mit der Gesellschaftsordnung des 18. Jahrhunderts auseinanderzusetzen, inszeniert Arcel einen konventionellen Rache-Western in der visuell attraktiven Szenerie des gediegenen Historienfilms. In Erinnerung bleibt vor allem Mads Mikkelsen als widerspenstiger Hauptmann Kahlen, gezähmt vom Leben in böser Zeit.
King’s Land. Dänemark, Schweden, Norwegen, Deutschland. Regie: Nikolaj Arcel. Mit Mads Mikkelsen, Amanda Collin, Simon Bennebjerg. 128 Minuten. Ab 16 Jahren.
Stoff
„Bastarden“ lautet der viel passendere, dänische Originaltitel des Films: Kahlen ist der uneheliche Sohn eines Adeligen und einer Magd. Die soziale Zurücksetzung motiviert sein Handeln. Der Film fußt auf dem Roman „Kaptajnen og Ann Barbara“ der Dänin Ida Jessen, die sich von historischen Quellen, aber keinen konkreten Persönlichkeiten inspirieren ließ.
Experte
Nikolaj Arcel kennt sich aus mit historischen Themen. Mit „Die Königin und der Leibarzt“ ging er 2013 ins Rennen um den Oscar für den besten ausländischen Film. 2017 wendet er sich der Fantastik zu, verfilmt in Hollywood Stephen Kings „Der dunkle Turm“ mit Idris Elba und Matthew McConaughey. Besonderen Sinn für düstere Sujets beweist er auch als Drehbuchautor bei den Verfilmungen dreier Romane von Thrillerautor Jussi Adler-Olsen.