Neu im Kino: „Paris Murder Mystery“ Die Geister, die sie ruft
In „Paris Murder Mystery“ spielt Jodie Foster eine einsame Psychoanalytikerin auf Mordermittlung – mehr Totenbeschwörung als Krimi.
In „Paris Murder Mystery“ spielt Jodie Foster eine einsame Psychoanalytikerin auf Mordermittlung – mehr Totenbeschwörung als Krimi.
Gott, wie langweilig müssen die Probleme anderer Leute sein, wenn man tagein, tagaus nichts anderes hört! Nicht immer kann Lilian Steiner (Jodie Foster) verbergen, dass sie wie auf Autopilot in ihrer Pariser Praxis für Psychoanalyse Menschen auf die Couch legt. Die Sitzungen schnurren stets nach Schema F ab: Patienten kommen, legen sich hin, Lilian nimmt auf einem Sessel Platz und knipst ihren uralten Mini-Disc-Recorder an. Während das Gerät lauscht, döst Lilian vor sich hin. Zum Schluss landen ein paar Scheine in einem hübschen Kästchen auf ihrem Schreibtisch.
Dass Lilian mit ihren Gedanken nicht wirklich bei der Sache ist, merkt allerdings bald die Frau eines Patienten, den Lilian von seiner Nikotinsucht kurieren sollte. Weil der Mann erst durch die Intervention einer Hypnosetherapeutin endlich von der Qualmerei lässt, droht die Frau, Lilian wegen Betrugs zu verklagen. Aus der Bahn katapultiert Lilian aber endgültig die Nachricht vom unerwarteten Suizid ihrer Patientin Paula (Virginie Efira), auch deshalb, weil Paula an einem Medikament gestorben sein soll, das Lilian ihr verschrieben hatte.
Jodie Foster hat schon viele, teils Oscar-prämierte Rollen gespielt; eine Kinderprostituierte in „Taxi Driver“ (1976), eine von einer Gruppenvergewaltigung traumatisierte Arbeiterin in „Angeklagt“ (1988). In „Das Schweigen der Lämmer“ gab sie 1991 eine junge FBI-Agentin – und immer wieder extrem wehrhafte, starke Frauen wie in „Panic Room“ (2002), „Die Fremde in mir“ (2007) oder im wunderbaren Quartett mit Kate Winslett, Christoph Waltz und John C. Reilly in „Der Gott des Gemetzels“ (2011).
In der Tragikomödie „Paris Murder Mystery“ der Französin Rebecca Zlotowski ist die mittlerweile 63-jährige nun als Amerikanerin in Paris zu sehen; eine emotional unterkühlte, passive, von ihren eigenen Bedürfnissen abgeschnittene Psychoanalytikerin; eine einsame, geschiedene Frau und von ihrem erwachsenen Sohn entfremdete Mutter. Besonders an der Rolle ist nicht nur ihr psychologisch dichtes Profil, sondern viel mehr, dass die in Los Angeles aufgewachsene Foster in einer Hauptrolle mit einem französischen Team arbeitet – sowohl in englischer als auch französischer Sprache, die Foster seit ihrer Schulzeit an einer bilingualen Highschool fließend beherrscht.
Der deutsche Verleihtitel des Films verspricht einen launigen Whodunit in Miss-Marple-Manier vor romantischer Kulisse – Vielleicht in Anlehnung an die heitere Stadt-Komödie „Midnight in Paris“ (2011) von Woody Allen über einen Drehbuchautor, der sich in nächtlichen Ausflügen in die Zeit der Roaring Twenties zurückversetzt, und an Allens turbulente Thriller-Komödie „Manhattan Murder Mystery“ (1993). Aber obwohl „Paris Murder Mystery“ ähnliche Motive wie diese beiden aufgreift, hat Rebecca Zlotowski ganz anderes im Sinn, wie der passendere französische Titel „Vie Privée“ verrät.
Als Psychoanalytikerin schnüffelt Lilian zwar professionell im Privatleben anderer herum, Paulas Suizid kann sie trotzdem nicht als Folge psychischen Leids anerkennen, weshalb sie ein mögliches, aber spekulatives Mordszenario entwickelt. Ihr Verdacht fällt auf Paulas Ehemann Simon (Mathieu Amalric), der sich Lilian gegenüber extrem aggressiv verhält, als sie auf Einladung von Paulas Tochter bei deren jüdischer Totenwache erscheint.
Als auf Spannung getrimmter Krimi funktioniert „Paris Murder Mystery“ kaum, weil von vornherein im Raum steht, dass Paula eben doch freiwillig ihrem Leben ein Ende gesetzt hat und Lilian als ihre Psychoanalytikerin Verantwortung dafür trägt. Viel interessanter als die Frage nach dem Wer-war’s sind aber die Probleme in Lilians Privatsphäre und ihre mysteriöse Verbindung zu Paulas Vergangenheit, die Lilian mit Hilfe jener dubiosen Hypnosetherapeutin zu ergründen versucht, die ihr zuvor den nikotinsüchtigen Patienten abspenstig gemacht hatte.
Rebecca Zlotowski inszeniert Lilians Streifzüge durch das herbstliche Paris fernab touristischer Hotspots als Wanderungen durch eine von der Realität entrückte Seelenlandschaft in warmen Sepia- und kühlen Blautönen. Ein bisschen gruselig sind die Rückführungen Lilians unter Hypnose in die deutsche Besatzungszeit der 1940er Jahre, in der Lilian eine lesbische Beziehung zur verstorbenen Paula führt und sich vor einem SS-Mann fürchtet, der ihrem Sohn Julien (Vincent Lacoste) bis aufs Haar gleicht.
Zlotowski stürzt sich Hals über Kopf in die Geistergeschichte und vergisst darüber den Krimi; das im Titel beschworene Mysterium ist ihr näher als die genretypische Aufklärung eines unnatürlichen Todes. Kein wirklich aufregender Trip – wegen der großartigen Jodie Foster und des insgesamt brillanten Ensembles aber ein sehr schöner.
Paris Murder Mystery. Frankreich 2026. Regie: Rebecca Zlotowski. Mit Jodie Foster, Daniel Auteuil, Virginie Efira. 107 Minuten. Ab 12 Jahren. Der Film startet am 16. April.