Neu im Kino Sozialfolter im Spielhaus

Paar im Stresstest: Aaryan (Himesh Patel) und Mia (Elizabeth Olsen). Foto: : Capelight Pictures

Eltern werden ist sehr schwer in Fleur Fortunés unheimlich komischer Zukunftsdystopie „The Assessment“: Ein Paar muss nervenaufreibende Tests einer mysteriösen Gutachterin bestehen.

Die Ressourcen sind knapp in der künstlichen Biosphäre einer nahen Zukunft. Von der alten, nach einem Klimaschock mutmaßlich verwüsteten Welt haben sich die Bewohner abgeschottet. Hier wird niemand krank dank einer Pille, sogar der Tod ist Geschichte. Pflanzen gedeihen nur noch in Gewächshäusern, nach einer Massenkeulung ihrer Haustiere suchen die Menschen Trost bei lebensechten Tier-Avataren. Ein Kind zu bekommen, grenzt an puren Luxus, doch Mia (Elizabeth Olsen) und Aaryan (Himesh Patel) wollen unbedingt ein Baby. So einfach wie heute geht das allerdings nicht vonstatten. Sex ist zwar erlaubt, die natürliche Schwangerschaft aber outgesourced. Föten wachsen jetzt ex-utero, und das auch nur, wenn eine namenlose Behörde nach einem Social-Scoring-System und eingehenden Tests die Elternkandidaten unter die Lupe genommen hat.

 

Vieles in Fleur Fortunés starkem Langfilm-Debüt „The Assessment“ wirkt unheimlich vertraut. Von Social Scoring und strenger Geburtenkontrolle können vor allem chinesische Staatsbürger ein Lied singen. KI-Avatare sind weltweit auf dem Vormarsch und dem Traum des endlos verlängerten Lebens jagen Anhänger der sogenannten „Longevity“-Bewegung hinterher. Die schon jetzt absehbaren Folgen des Klimawandels dämpfen die Vorfreude auf die Zukunft und bei manchen Paaren auch die Zuversicht, einem Kind diese Welt zumuten zu können.

Ist das Paar auch fortpflanzungsreif, fragt sich Gutachterin Virginia (Alicia Vikander) Foto: Capelight Pictures

Von daher wirkt der Plot von „The Assessment“ (Drehbuch: Dave Thomas, John Donnelly) alles andere als abwegig. Anstatt sich aber weiter mit den Bedingungen dieser Zukunft aufzuhalten, erzählt Regisseurin Fleur Fortuné, wie mit der Gutachterin Virginia (Alicia Vikander) unvorhersehbares Chaos in den Alltag von Mia und Aaryan einbricht. Dass sie ein staatlich verordnetes Auswahlverfahren durchlaufen müssen, ist den beiden zwar bewusst, nur mit Virginias kreativen Techniken haben sie nicht gerechnet.

„The Assessment“ kreuzt reizvoll die Zukunftsdystopie mit dem Home-Invasion-Thriller, in dem genretypisch ein Serienkiller oder sonstiger Psychopath in die Privatsphäre braver Bürger einbricht. Fleur Fortuné lässt aber die üblichen Genregrenzen bald hinter sich und schildert ein so gruseliges wie manchmal brüllend komisches Sozialexperiment, bei dem der Bau eines irrwitzig verschachtelten Spielhauses nur den Auftakt bildet für Mias und Aaryans nervenzerfetzenden Eltern-Qualifizierungsprozess.

Im Dunkeln bleibt jedoch die Staatsmacht, die diese Sozialfolter ersonnen hat, vage auch, warum sich die Bewohner der neuen Welt rigoros von der alten mitsamt ihrer Eltern losgesagt hat. Dass die den Klimakollaps mit ihrem Egoismus voran getrieben haben und die erwachsenen Kinder nun in der neuen Biosphäre einen selbst gewählten Sonderweg als Alternative proben, bleibt reine Mutmaßung. Trotz oder wegen solcher Unschärfen ist „The Assessment“ aber spannend, weil Fleur Fortuné eine außergewöhnliche Perspektive auf das Thema Elternschaft und soziale Verantwortung eröffnet. Ein Film, der besser warnt und wappnet als jeder noch so kluge Erziehungsratgeber.

The Assessment. Deutschland, USA, UK 2024. Regie. Fleur Fortuné. Mit Alicia Vikander, Himesh Patel. 114 Minuten. Ab 16 Jahren.

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