Neu im Kino Was taugt der Film „Nouvelle Vague“?
Der Regisseur Richard Linklater erzählt in „Nouvelle Vague“, wie ein großmäuliger Regisseur namens Jean-Luc Godard 1960 in Paris einen der besten Filme aller Zeiten dreht – formidable!
Der Regisseur Richard Linklater erzählt in „Nouvelle Vague“, wie ein großmäuliger Regisseur namens Jean-Luc Godard 1960 in Paris einen der besten Filme aller Zeiten dreht – formidable!
„Peng!“ – Von einem Schuss in die Nieren getroffen, taumelt der Pariser Ganove Michel am helllichten Tag eine Straße entlang, eine Hand in die blutende Flanke gestemmt, die vermeintlich rettende Kreuzung vor sich fest im Blick. Michels Knie schlenkern immer stärker, hinter ihm hastet seine amerikanische Freundin Patricia über das Pflaster. Kurz vor der Kreuzung geht Michel zu Boden, ein letztes Mal saugt er an seiner Zigarette, stößt eine Rauchwolke aus. „Tu es vraiment dégueulasse!“, haucht er der über ihn gebeugten Patricia zu, „du bist wirklich zum Kotzen“. Dann wischt er sich über die Augen und stirbt. „Qu’est-ce que c’est, ‚dégueulasse‘?“ fragt Patricia und fährt mit dem Daumennagel die Kontur ihrer Lippen entlang.
„Alles, was du brauchst, um einen Film zu machen, ist ein Mädchen und eine Knarre“, behauptet der Filmemacher Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck) in Richard Linklaters Kino-Hommage „Nouvelle Vague“. Eine steile These! Doch viel mehr gibt es in Godards Meilenstein „Außer Atem“ von 1960 wirklich nicht, was den flott hingeworfenen Plot in Gang setzen könnte.
Und trotzdem gilt die Geschichte über den Gauner und Polizistenmörder Michel (Jean-Paul Belmondo), der mit der Studentin Patricia (Jean Seberg) ein paar rastlose Tage in Paris und auf der Flucht verbringt, ehe er von Patricia an die Polizei verraten wird, als eine der besten Kinoerzählungen aller Zeiten. Der US-amerikanische Regisseur Richard Linklater zeichnet in seinem neuen Werk „Nouvelle Vague“ nun detailgetreu nach, wie dieser ästhetisch radikale, abgründig witzige und philosophisch herausfordernde Film einst entstanden ist – und trifft genau die Atmosphäre jener Tage.
Ende der 1950er Jahre zerfetzen junge Filmkritiker wie Jean-Luc Godard die in Konventionen erstarrte französische Kinoproduktion in den „Cahiers du Cinema“. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gieren die Jungen nach neuer Musik, neuer Mode, neuer Kunst. François Truffaut (hier im Film: Adrien Rouyard), ein Kollege Godards, hat gerade in Cannes Furore gemacht mit seinem Kindheitsdrama „Sie küssten und sie schlugen ihn“ über einen emotional vernachlässigten Pennäler. Nun will auch Godard vom Schreibtisch hinter die Kamera wechseln, nicht mehr nur andere kritisieren, sondern selbst ein Werk schaffen, das seinen hehren Ansprüchen genügt.
Mit Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst) gewinnt Godard einen Produzenten, mit Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) verpflichtet er einen spielfreudigen Laienboxer. Nur Jean Seberg (Zoey Deutch), von Godard für den so wichtigen Part des Mädchens vorgesehen, ziert sich.
Liebevoll, aber auch mit bissigem Witz porträtiert Richard Linklater die ewig in Schwarz gekleideten, permanent Tabak paffenden jungen Wilden der französischen Filmavantgarde namens Nouvelle Vague, aus deren Mitte sich Godard als selbstgewisses, leicht schnöseliges Mastermind und Großmaul hervor tut. „Außer Atem“, erzählt Linklater historisch korrekt und stilecht in grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern, entsteht ohne Plan und Struktur, aus reiner Improvisation in den Straßen, Mansarden und Kneipen von Paris, mit einer Handkamera, geringsten Mitteln und gewagten Methoden.
Mal wirft Godard seinem Star Belmondo bloß einen Satz hin und ignoriert Seberg tagelang. Mal prügelt er sich mit de Beauregard, weil der ihn an die Kandare nehmen will, das knappe Budget und die ungenutzt verstreichende Drehzeit vor Augen. Mal raucht Godard nur oder flippert an Spielautomaten herum. Bis ihn einzelne Geistesblitze beflügeln. In seinen guten Momenten schießt er Idee um Idee aus sich heraus, trifft rasche Entscheidungen, pfeift auf die Einsprüche seiner praxiserfahrenen Crew, arbeitet ohne künstliches Licht, ohne Maske – bis Jean Seberg mault, sie wolle Make-up, sonst gehe sie nicht vor die Kamera.
Linklater enthüllt Godards Dreistigkeit und Arroganz, dessen überbordendes Selbstvertrauen in die eigene chaotische Methode. Er lässt den Mut und den anarchischen Spaß dieser Generation von Filmschaffenden wieder aufleben, die dem Kommerz und den starren Strukturen des Filmmarktes den Mittelfinger zeigten. Wer Godards Werk kennt, wird von Linklaters Hommage begeistert sein; wer „Außer Atem“ nie gesehen hat, wird ihn danach hoffentlich unbedingt sehen wollen. In Zeiten von KI-generiertem Kitsch und stromlinienförmiger Massenproduktion wirkt ein bewusst ungefilterter, roher Film wie „Außer Atem“ wieder sensationell, wenn man sich auf ihn einlässt. Linklater beharrt, dass es freche Schnösel und mutige Chaoten wie Godard braucht, um etwas von nachhaltigem Einfluss zu erschaffen. Spätestens, wenn man sowohl „Außer Atem“ als auch Linklaters Liebeserklärung an ihn gesehen hat, muss man ihm recht geben.
Nouvelle Vague. Frankreich 2025. Regie: Richard Linklater. Mit Guillaume Marbeck, Zoey Deutch. 105 Minuten. Ab 12 Jahren.