Neu im Kino Was taugt der Kinofilm „22 Bahnen“?

Luna Wedler als Tilda mit ihrer Schwester im Schwimmbad Foto: Gordon Timpen/Constantin Film

Caroline Wahls Romandebüt „22 Bahnen“ war ein riesiger Erfolg. Findet die Filmregisseurin Mia Maariel Meyer nun im Kino die richtigen Bilder dafür?

Wenn Tilda in das Blau des örtlichen Freibads springt, hat sie Ruhe. Zweiundzwanzig Bahnen schwimmt sie, ehe sie zurück muss in die Welt jenseits des Wassers, zu ihrer Mutter (Laura Tonke), die meist beduselt bis besoffen ihre Tage auf dem Sofa verpennt, und zur kleinen Schwester Ida (Zoë Baier), die Tilda (Luna Wedler) abgöttisch liebt und umsorgt.

 

Und zur Uni, wo Tilda Mathe studiert, was sie zufrieden macht; Schwimmen verschafft Ruhe, Mathe schafft Struktur.

Hier leuchtet alles Blau

Die Farbe Blau ist überall in Mia Maariel Meyers Coming-of-Age-Drama „22 Bahnen“ nach dem gleichnamigen Romandebüt von Caroline Wahl. Das Wasser im Pool leuchtet türkis, die Wohnzimmerwände bei Tilda schimmern in düsterem Petrol, das knallige Königsblau von Tildas Badeanzug überstrahlt den gleichfarbigen, mit Gänseblümchen übersäten Einteiler ihrer kleinen Schwester. Selbst am Arbeitsplatz an der Supermarktkasse zieht Tilda Dosen eines Energydrinkherstellers mit ikonischem Logo in Metallic-Blau über den Scanner.

Weil es so allgegenwärtig ist, fällt dieses Blau nicht immer sofort auf. Wie der Alkoholismus der Mutter, der für die Schwestern schon derartig normal ist, dass deren routinierter Umgang mit der Krankheit wehtut beim Zugucken.

Die Mutter versagt

Das Blau tröstet und beruhigt aber auch, als Symbol für Tildas kurze Fluchten aus dieser Familienhölle und vor einer nebulösen, alten Schuld. „22 Bahnen“ könnte ein typisch deprimierendes Sozialdrama sein aufgrund der harten Themen. Den Kampf der jungen Protagonistin Tilda um Unabhängigkeit von der Sucht ihrer Mutter und den daraus resultierenden Zwängen inszeniert die Regisseurin Mia Maariel Meyer aber spannungsreich und mit Gespür für die hier wieder meist mit der Farbe Blau assoziierten Hoffnungsschimmer, die sich selbst im größten Chaos zeigen, wenn man nur genau genug hinsieht.

Tildas Zuhause ist klassisch zerrüttet. Die beiden Mädchen wachsen ohne Vater auf, die Mutter hat unterm Druck der Sucht die Fürsorge und Erziehung ihrer Kinder längst aufgegeben. Ihre Resignation wechselt ab mit Wutausbrüchen und hilflosen Versuchen, die Liebe der beiden zurückzugewinnen. Laura Tonke zieht alle Register und zeichnet die Mutter als Wrack ohne Impulskontrolle und Empathie für die Bedürfnisse anderer. Kein Wunder, dass ihre Älteste ihr gegenüber erkaltet, denkt man, und würde die Mutter am liebsten persönlich am Kragen packen und schütteln.

Soll Tilda nach Berlin ziehen?

Den sehr harschen Blick auf die Kranke kann man allerdings auch herzlos nennen. Dafür wird Tildas Zerrissenheit zwischen ihren mathematischen Ambitionen und dem Verantwortungsgefühl für ihre Schwester in Luna Wedlers Spiel konkret nachvollziehbar.

Als Tilda in der Uni das Angebot bekommt, sich auf eine Doktorandenstelle in Berlin zu bewerben, hält sie ihren Professor hin, aus lauter Angst, Ida bei der Mutter allein zu lassen. Wie begründet diese Sorgen sind, zeigen mehrere Episoden häuslicher Vernachlässigung und die konsequente Weigerung der Mutter, ihre Sucht zu akzeptieren und sich einer Therapie zu stellen. Tilda meint aber auch in der Fürsorge für Ida eine eigene Schuld tilgen zu müssen, an die sie durch die Bekanntschaft mit Viktor (Jannis Niewöhner), einem anderen Freibad-Schwimmer, erinnert wird.

Die Freundin Marlene hat sich anders entschieden

Spannend wird das besonders, weil Mia Maariel Meyer die Ursachen dieses Schuldkomplexes nur stückchenweise in zur Haupthandlung parallel geführten Flashbacks enthüllt, die auf ein dramatisches Ereignis in Tildas Vergangenheit schließen lassen.

Wie sehr sich Tilda mit ihrem Rückzug ins Private selbst quält, macht die Regisseurin anhand der Gegenüberstellung Tildas mit ihrer besten Freundin Marlene (Zoe Fürmann) sichtbar, die sich in der Großstadt von ihrem Teenagerleben emanzipiert hat und nur noch selten auf Besuch kommt. Die sozialen Verbindungen und Rückkopplungen sind gut beobachtet und lassen die Figuren lebendig erscheinen. Im deutschen Kino sind solche Qualitäten sonst leider eher eine Seltenheit. Der Plot konstruiert keine Katastrophe herbei und auch kein spezifisches Milieu, in dem Suff und emotionale Verwahrlosung exklusiv gedeihen.

Ein paar Schwimmzüge helfen schon

Allerdings spielen auch die Ursachen der Sucht keine Rolle. Tildas Mutter leidet an einer Volkskrankheit; Tildas Kampf dagegen wirkt echt, in jeder Minute nachvollziehbar. Als Waffe dient ihr der eigene furztrockene Humor, der sich unter anderem in Tildas Fantasien über die Kunden an ihrer Kasse manifestiert. Manchmal helfen auch die kleinen Dinge aus großem Schlamassel, zeigt dieser Film. Und wenn es bloß ein paar Schwimmzüge im Freibad sind.

22 Bahnen. Deutschland 2025. Regie: Mia Maariel Meyer. Mit Luna Wedler, Jannis Niewöhner, Zoë Baier, Zoe Fürmann. 102 Minuten. Ab 12 Jahren.

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