Neu in Sachsenheim „Der letzte meiner Art“ – junger Muslim eröffnet Metzgerei

Fatih Yilginc eröffnet eine Metzgerei in Großsachsenheim. Foto: Simon Granville

Selten werden heute noch Metzgereien eröffnet. Warum in Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) ausgerechnet ein junger Muslim das Wagnis eingeht und welche Marktlücke er entdeckt hat.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

Fatih Yilginc ist eine echte Rarität: Der 32-jährige Kleinsachsenheimer eröffnet dieser Tage eine Metzgerei - keine Filiale, sondern seine eigene kleine Firma in der Hauptstraße in Großsachsenheim. Das geht klar gegen den Trend derzeit. Ihn treibt aber etwas Besonderes an.

 

Überall bangen Kommunen um die letzten Bäcker und Metzger, auch in Großsachsenheim hat erst vor wenigen Jahren ein alteingesessener Metzger sein Ladengeschäft geschlossen. Oft sind fehlendes Fachpersonal, eine erdrückende Vorschriftenlast oder die Konkurrenz durch Supermärkte der Grund für den Abschied der Metzger.

Der „Rote Bulle“ soll eine Anlaufstelle für alle in Sachsenheim und Umgebung werden, sagt Metzgermeister Fatih Yilginc. Foto: Simon Granville

 „Ich fühle mich manchmal, wie der letzte meiner Art“, sagt Yilginc. Ob bei Bank oder Großhandel – überall hätten die Leute große Augen gemacht, als er in die Vorbereitung für seine Metzgerei ging.

Immer weniger Metzgereien im Landkreis

Gab es 2005 noch 145 Metzgereiverkaufsstellen im Landkreis, sind es aktuell nur noch 77. Tendenz klar sinkend. Bundesweit wurden letztes Jahr nach Daten des Fleischer-Verbands 894 Meisterbetriebe stillgelegt. Dem stehen nur 418 Neugründungen gegenüber.

Was treibt Yilginc also in diesem Umfeld an, in die Selbstständigkeit zu gehen? Ein eigener Laden sei schon immer sein Traum gewesen. In Löchgau erlernte er das Handwerk, schaute sich in der Folge viele Metzgereien, auch in Supermärkten, an und machte vor vier Jahren seinen Meister.

Mehr Freiheit als Selbstständiger

Ihn lockte die große Freiheit. In größeren Betrieben sei es nicht so leicht, Neues auszuprobieren. Neue Rezepte müssten immer erst von höheren Instanzen abgesegnet werden. „Einmal fragten mich mehrere Kunden, ob ich ihnen Cevape wie auf dem Balkan würzen könnte. Das war aber nicht möglich, weil es strikte Vorgaben in dem Betrieb gab“, erinnert sich der dreifache Familienvater.

Dass Yilginc als Muslim überhaupt den Weg zum Metzgermeister ging, ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem Schweinefleisch immer noch das am meisten konsumierte Fleisch ist. Er traf aber auf viel Unterstützung und konnte schließlich seinen Weg bis zum Meister auch ohne den Verzehr von Schweinefleisch gehen. Das Arbeiten mit Schweinefleisch ist ihm gestattet.

Die besten Würste weltweit

In seiner neuen Metzgerei „Roter Bulle“ will er sich auf hochwertiges Rind- und Lammfleisch fokussieren – alles von regionalen Erzeugern und frisch. Yilginc ist auf einer Mission: Er ist ein großer Fan deutscher Gerichte. „Wir haben weltweit die besten Würste“, sagt er voller Inbrunst.

Wenn er aber als Muslim einmal eine Currywurst aus Rindfleisch essen wolle, gebe es bislang kaum Anlaufstellen im Kreis Ludwigsburg. Er kenne nur zwei Imbisse, die so etwas anbieten. Rostbraten, Currywurst und anderes will er der türkischen Community näher bringen. „Es gibt Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben und noch nie eine Maultasche probiert haben“, erklärt der Metzgermeister.

Er möchte schwäbische Gerichte Menschen zugänglich machen, die kein Schweinefleisch essen.„Für mich persönlich ist ein guter Rostbraten das beste was es gibt“, sagt Yilginc.

Vielleicht wegen einer ähnlichen Liebe für heimische Gerichte hat sein Bruder vor einigen Monaten das Restaurant Holderbüschle in Sachsenheim übernommen. Der Metzgermeister spielt bei dem Projekt eine tragende Rolle. Deswegen und wegen der deutschen Bürokratie habe der Zeitplan zur Eröffnung seiner Metzgerei etwas gelitten. Nun sei aber alles fertig und in den nächsten Tagen will er eröffnen.

Yilginc sieht sich keineswegs allein als Metzger für die türkische Community. Er will alle Menschen vor Ort erreichen. Auch Schüler sollen sich bei ihm schon morgens ein belegtes Brötchen und mittags eine Wurst kaufen können. Dann wäre Fatih Yilgincs Traum zur Realität geworden.

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