Stadtkind Stuttgart

Neu in Stuttgart: Galerie Kernweine Fotografie, Magazine und Kaffee

Von Martin Elbert 

Am Freitag eröffnet die Galerie Kernweine und bereichert kulturell die Achse Tübingerstraße. Hier sollen nationale und internationale Fotokünstler eine Plattform finden. Shop und Café beleben die Räume zusätzlich.

Die Galerie Kernweine eröffnet am Freitag. Foto: Florentine Möhrle 12 Bilder
Die Galerie Kernweine eröffnet am Freitag. Foto: Florentine Möhrle

Stuttgart - Die Tübinger Straße kommt nicht, sie ist voll da. Die Achse Mitte-Süd oder, je nach Blickwinkel, auch Süd-Mitte, dieser vielzitierte „Fahrradhighway“, wird derzeit besiedelt wie einst Farmville auf Facebook. Ohne Felder, dafür von Gastronomie, Kultur und Kreativen. In dem Block zwischen der Fangelsbacher Straße und dem Marienplatz haben in den vergangenen anderthalb Jahren das Café Misch Misch, die Bars Sattlerei und Karlsvorstadt sowie die Weinhandlung Wein-Moment eröffnet. Und aus Richtung Marienplatz winkt schon wieder die nächste neue Cocktailbar, die bald in einer ehemaligen Shisha-Lounge die Verwandlung der einst verpönten Tübinger in eine innerstädtische Perle weiter vorantreibt.

Eine Galerie für die Tübinger Straße 

Zuvor eröffnet an diesem Freitag in dem ikonischen Kern-Weine-Gebäude, Ecke Tübinger/Cotta-Straße, das ambitionierte Projekt Galerie Kernweine. Den hundert Jahre alten Namen fand man gut und hat ihn kurzerhand übernommen. Der Galerie-Untertitel lautet „Foto und Raum“ und ist die programmatische wie konzeptionelle Ausrichtung zugleich. Der Schwerpunkt liegt auf Fotografie und damit dieser Ort täglich belebt ist, dockt im Vordergebäude der gk-Laden an und im Hinterhof das gk-Café & Bar.

Dass die Tübinger gerade heiß ist, war für die Wahl der Location zweitrangig, meint Florentine „Pilvi“ Möhrle, die sich um das Projekt und die Künstler kümmert. „Aber das ist natürlich schön für uns. Die Tübinger Straße erwacht immer mehr zum Leben und wir sind mittendrin.“ Gegründet wurde die Galerie Kernweine von Tino Kraft, Oliver Kröning, Dennis und Mick Orel und im Team befindet sich ein fester Stamm aus Mitarbeitern der Kulturbranche. „Das Projekt Fotografie-Galerie war schon lange ein Gedanke in unseren Köpfen, da wir selbst als Fotografen oder mit Fotografie und visuellen Medien arbeiten,“ erklärt Florentine Möhrle. Dank den Kernweine-Räumlichkeiten wurde der Gedanke Realität.

Ein kluger Ort zum Bleiben 

Die (nüchterne) Realität erforderte zunächst sehr viel Arbeit, sowohl handwerkliche („Es sah davor so wüst aus.“) als auch administrative. Man wollte eigentlich schon im Sommer 2017 eröffnen, aber der Genehmigungsprozess als Galerie mit Café/Bar und Laden zog sich in die Länge. Wie so oft, diese berühmten verschiedenen Dinge, seien es zum Beispiel der Brandschutz oder die Fluchtwege.

Der getätigte Aufwand ist bei der Ortsbegehung deutlich sichtbar und hat sich, so der erste Eindruck, gelohnt. Der gk-Laden mit Eingang an der Cotta-Straße ist schnörkellose Coolness in Schwarz-Weiß. Der Fokus liegt hier auf limitierten Foto-Editionen von nationalen und internationalen Fotokünstlern, außerdem bietet man Bücher, Magazine und passenden Eyecatcher-Krimskrams. Dieser Teil der Galerie war vor rund zwanzig Jahren übrigens eine Bar. Florentine Möhrle berichtet von Toiletten in Orange, die sie vorgefunden haben. Yep, Orange war in den 1990ern eine sehr angesagte Farbe in der hiesigen Bar- und Club-Szene. 

Keine 100 Gin- und Kaffee-Sorten 

Durch einen schmalen, mit schwarzem Teppich bezogenen Gang gelangt man in das lichtdurchflutete Erdgeschoss des Galeriebereichs so wie in das gk-Café, in dem gerade noch zwei Handwerker die hohe Bar aus Beton feinschleifen. Ausgleichenden Kontrast zum vorherrschenden Betongrau bietet das Mobiliar. Aus dem alten Bad Berg-Bestand konnten die Galeristen eine Essensvitrine sowie einige Stühle retten. 

„Das Café wird ein Ort, an dem man gern viel Zeit verbringen wird, in gut sortierten Magazinen blättert und sich über die direkt einsehbaren Ausstellungen unterhalten kann,“ erklärt Florentine Möhrle das Bar-Konzept. Das Gastro-Angebot sei zugespitzt und auf Qualität fokussiert. „Wir werden keine 100 Gin- oder Kaffee-Sorten anbieten, dafür aber richtig gute.“

Vom Café spickelt man rüber ins in Erdgeschoss der Galerie, wo bei unserem Besuch bereits die Werke von Constantin Schlachter zu sehen sind. Der junge Franzose (25) ist seit zwei Jahren international sehr gefragt und wird mit einer Einzelausstellung die Galerie Kernweine eröffnen. Die Werke seiner Strecke „La Trajectoire du Gyrovague“ werden auf den zwei Ebenen der Galerie ausgestellt.

Galerie mit beeindruckendem Gewölbekeller 

Denn eine Treppe führt hinunter in einen verwinkelten Gewölbekeller, der in mühseliger Arbeit freigelegt, aufpoliert und auf technisch neuesten Stand gebracht wurde. „Sehr fotogen“, nennt Florentine Möhrle die beeindruckenden, zukünftigen Galerieräume, die noch mit Bildern und Schaukästen bestückt werden müssen. In der Tat. Eine zweite Treppe am anderen Ende führt wieder raus in den Innenhof und man steht direkt vor dem Eingang des Cafés.

Die Debüt-Vernissage an diesem Freitag wird von der Pariser Klangkünstlerin FATÄK mit eigens für diesen Anlass komponierter elektronischer Musik begleitet. Schlachter und die Galerie veröffentlichen außerdem eine Editions-Box mit einem Bildband der ausgestellten Serie. Die Schlachter-Ausstellung wird circa drei Monate zu sehen sein. Die nächsten Künstler sind schon terminiert. Workshops und Veranstaltungsformate zum Thema Fotografie und visuelle Medien sollen die Galerie weiter bereichern genauso wie vom Team kuratierte, limitierte Editionen.

Hemmschwellen abbauen, Dialog schaffen 

Das Gesamtkonzept hat zum Ziel, dass die Galerie Kernweine als offener Raum wahrgenommen wird, im Gegensatz zu den vielen „stillen“ Galerien dieser Stadt. „Hemmschwellen, die klassische Galerien für den einen oder anderen mit sich bringen, werden abgebaut und es entsteht eine Plattform für Künstler und Interessierte, auf der Dialoge stattfinden können.“ Man kennt das, wenn man vor einer Galerie steht, vielleicht gerne die ausgestellten Werke anschauen möchte, aber sich nicht hinein traut, weil außer einem gelangweilten, sich hinter einem Laptop aus Cupertino verschanzenden Aufpasser kein Mensch im Raum ist.

Das will die Galerie Kernweine unbedingt vermeiden und ergänzt ab diesem Wochenende das angesagte Tübinger-Viertel nicht nur um eine kulturelle Komponente, sondern schließt auch eine Lücke in der Stuttgarter Galerie-Szene. „Ein offener Raum zu diesen Themen fehlte in dieser Form in Stuttgart.“

Galerie Kernweine: Cotta-Straße 4 bis 6, Eröffnung am Freitag, 24.11. www.galerie-kernweine.com