Neuanfang beim DOSB Was Christian Wulff dem deutschen Sport rät

Christian Wulff half mit, Kandidaten und Kandidatinnen für das Präsidentenamt beim DOSB zu finden. Foto: dpa/Christophe Gateau

Was braucht der deutsche Sport nach der Ära des DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann? Wir haben hochkarätige Expertinnen und Experten um ihre Meinung gebeten – im ersten Teil unter anderem Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Stuttgart - Erst der anonyme Brief, der ein „Klima der Angst“ innerhalb des Deutschen Olympischen Sportbundes anprangerte, dann die am Ende völlig missratene Aufarbeitung der Vorwürfe mit fragwürdigen Gutachten und viel Arbeit für die Anwälte: Wenn an diesem Samstag bei der Mitgliederversammlung in Weimar nach acht Jahren die Zeit von Alfons Hörmann als Präsident abläuft, gleicht der Dachverband des deutschen Sports nach Ansicht von Kritikerinnen und Kritikern wahlweise einem „Trümmerhaufen“ oder „Trauerspiel“, in dem es vornehmlich um persönliche Eitelkeiten ging.

 

Dabei wäre angesichts der Coronapandemie und des schwächelnden Leistungssports gerade jetzt eine starke Führung notwendig. Zur Wahl stehen Claudia Bokel und Thomas Weikert. Der Neuanfang ist so oder so garantiert. Aber reicht er aus? Was braucht der deutsche Sport? Welche Altlasten gibt es aufzuarbeiten? Wir haben hochkarätige Expertinnen und Experten um ihre Meinung gebeten – und deutliche Antworten erhalten.

„Wer viel Macht hat, hat auch viel Verantwortung“

Christian Wulff
(62), Ex-Bundespräsident und Leiter der DOSB- Findungskommission zur Nachfolge von Alfons Hörmann:

„Es ist völlig unbestritten, dass es beim DOSB eines Neuanfangs bedarf. Da es in den vergangenen Monaten eine Reihe von Arbeitsgruppen zu den Strukturen und Inhalten gab und dort sehr professionell gearbeitet wurde, bin ich optimistisch, dass dieser Neuanfang gelingt – umso enttäuschter wäre ich, wenn die Beteiligten nach der Mitgliederversammlung in Weimar wieder in alte Grabenkämpfe verfallen würden. Es kommt jetzt darauf an, aufeinander zuzugehen, nicht weiter übereinander herzufallen. Es braucht wieder mehr Vertrauen innerhalb des DOSB, es muss aber auch neues Vertrauen aufgebaut werden – zu den Athleten, zu den Vereinen, zur Politik und zu den Medien.

Der Kernauftrag des DOSB ist zuletzt immer wichtiger geworden. Neben der Impfung ist der Sport in der Coronapandemie die beste Prävention, zugleich leidet er selbst unter den Folgen der Krise, verliert an Mitgliedern. Wir brauchen den Sport und eine funktionierende Dachorganisation derzeit noch dringender als vor zehn oder 20 Jahren. Denn der Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist in Gefahr, die Akzeptanz von Werten geht verloren. Umso schärfer ist zu kritisieren, dass der DOSB seine Lobbyfunktion nicht deutlich besser erfüllt hat.

Statt voranzugehen, haben einige Funktionäre die Werte, die der Sport für sich selbst definiert hat, nicht immer gelebt. Eitelkeiten spielten eine zu große Rolle. Die Empörung darüber ist berechtigt. Als ehemaliger Bundespräsident weiß ich: Wer viel Macht hat, hat auch viel Verantwortung. Mir wurde in den letzten Wochen glaubwürdig vermittelt, dass der DOSB sich seiner Verantwortung jetzt bewusst sei.“

„Wir sind bestürzt und enttäuscht“

Karla Borger
(33), Beachvolleyballerin und Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland:

„Vieles von dem, was in den letzten Monaten beim DOSB passiert ist, stellt einen einzigen großen Vertrauensbruch dar. Wir Athletinnen und Athleten können nur hoffen, dass nicht weitere Dinge unter den Teppich gekehrt wurden, die irgendwann wieder auftauchen. Wir sind bestürzt und enttäuscht über die gezeigten Verhaltensweisen, die nicht angebracht sind und allen Werten des Sports völlig widersprechen. Alle Vorgänge müssen restlos aufgeklärt werden, das ist der DOSB auch uns Athletinnen und Athleten schuldig. Es braucht diese vollständige Aufarbeitung, denn nur so kann wieder Vertrauen entstehen. Dass ein personeller Neuanfang nötig ist, liegt auf der Hand.

Es wird interessant zu sehen sein, wer weitermachen will, wer wieder antritt, wer wiedergewählt wird. Fest steht für mich: Soll der Neubeginn gelingen, dürfen sich die Verantwortlichen künftig nicht mehr auf Nebenkriegsschauplätzen tummeln, die nur Kraft, Zeit und Geld kosten. Sie müssen stattdessen einfach nur ihre Aufgaben erledigen und sich dabei endlich wieder aufs Wesentliche konzentrieren – den Sport in all seinen Facetten.“

„Es darf nicht länger vor allem um persönliche Eitelkeiten gehen“

Bernhard Bauer
(71), früherer Präsident des Deutschen Handball-Bundes:

„Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es in Verbänden zu Meinungsverschiedenheiten kommen kann. Aber die Dinge, die nun aus dem DOSB an die Öffentlichkeit gelangt sind, hätte ich mir niemals vorstellen können. Da geht es teilweise um tiefste persönliche Verletzungen, die mich entsetzen. Führung muss auf Wahrhaftigkeit basieren, sie braucht offene Kommunikation, Transparenz, Solidarität – sie funktioniert nicht ohne Integrität, ohne Vertrauen, ohne Menschlichkeit. Die Athletinnen und Athleten sowie die Ehrenamtlichen, die so viel leisten, benötigen eine Verbandsspitze, die Vorbild ist. Die über Respekt, Fairness und Rücksichtnahme nicht nur redet, sondern diese Werte des Sports auch im Alltag lebt. Wer dies als Führungskraft nicht tut, verursacht großen Schaden für den Sport.

Aktuell ist die Glaubwürdigkeit völlig verloren gegangen, natürlich auch denjenigen gegenüber, an die der deutsche Sport ständig Forderungen stellt. Es hat im DOSB nicht nur an Selbstregulierung gefehlt, sondern auch an Leuten, die offen ihre Meinung gesagt haben. Angesichts dieses Organisationsversagens wird ein neuer Präsident oder eine neue Präsidentin allein nicht helfen. Es braucht einen totalen Neuanfang, auch im Präsidium. Viele Funktionäre sind zu lange im Verbandsgeschäft tätig und so längst Teil des Systems geworden. Nötig sind nun integre, absolut selbstlose Leute, die dem Sport dienen. Es darf nicht länger vor allem um persönliche Eitelkeiten gehen.“

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