Sharbel Istiefou strahlt – und er hat auch allen Grund dazu. Der 36-jährige Syrer hat im August seine Umschulung zum Mechatroniker mit Auszeichnung bestanden, seit September hat er einen unbefristeten Job bei der Firma Wöhrle in Steinenbronn, und auch privat läuft es rund bei dem jungen Mann: noch im Februar heiratet er seine Verlobte. Dass Sharbel Istiefou heute glücklich ist, ohne Angst am Morgen aufwachen kann und vielleicht tatsächlich wieder so etwas wie eine Perspektive im Leben hat, hätte er sich vor sieben Jahren nicht träumen lassen. Im Jahr 2015 sah das Leben des Erdölingenieurs sehr düster aus.
Mit einem Schleuser gelangte er per Lastwagen nach Mazedonien
Damals ließ Sharbel Istiefou alles zurück in seinem Heimatort in der Nähe von al-Hasaka im Nordosten Syriens. Er flüchtete, während hinter ihm die Bomben einschlugen, ohne Hab und Gut. Er lief einfach los. Fast ein Jahr lang war Sharbel Istiefou zu Fuß unterwegs. Durch die Türkei nach Griechenland. Der heute 36-Jährige nahm, wie Tausende die zweifelhafte Hilfe eines Schleusers an. Umgerechnet etwa 3000 Euro bezahlte er. Mit dem was er tragen konnte und immerhin seinem Leben gelangte er nach Mazedonien. Weiter ging es für ihn teils mit dem Zug und zu Fuß der Balkanroute entlang über Serbien, Kroatien und Slowenien nach Österreich. „Ich habe viele schlimme Dinge gesehen“, erzählt Sharbel Istiefou. Er senkt den Kopf. „Ich hatte eigentlich nie vor Syrien zu verlassen“, sagt der 36-Jährige. „Doch der Krieg macht alles kaputt.“
Istiefou schaffte es bis nach Deutschland und landete schließlich in einer Flüchtlingsunterkunft in Reutlingen. Gut ausgebildet war der Syrer, trotzdem: in Deutschland geht nichts ohne Aufenthaltsgenehmigung. Aber er bekam sie und wahrscheinlich ist es so: Das Streben nach Glück trieb ihn an. Ohne jegliche deutsche Sprachkenntnisse startete er direkt mit der Schule. „Sprache und Bildung sind der Schlüssel zur schnellen Integration“, das weiß er. In kürzester Zeit war er beim Sprachniveau C1; versteht und spricht also gut Deutsch. Sein syrisches Abitur sowie sein Bachelor für Erdölengineering werden anerkannt, trotzdem war es extrem schwer, auf diesem Gebiet in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Also zurück auf die Schulbank – er macht eine Ausbildung zum Mechatroniker, die er mit Auszeichnung abschloss.
Seit vergangenen September ist er nun bei dem mittelständischen Unternehmen Firma Wöhrle Stromversorgungssysteme in Steinenbronn angestellt. Dort ist er in der Produktion tätig und baut USV-Anlagen für Flugsicherungssysteme, Windkraftanlagen und Krankenhäuser, (USV steht für: Unterbrechungsfreie Stromversorgung). Er fühle sich wohl in der Firma, sagt der 36-Jährige. Und auch seine Vorgesetzten sind sehr zufrieden mit ihm. Noch nie hat der junge Syrer einen Tag in der Ausbildung oder auf der Arbeit gefehlt. Er sei sehr verlässlich und habe einen starken Willen.
Vor Kurzem ist Sharbel Istiefou nach Steinenbronn gezogen. Seine Verlobte, die auch in Syrien geboren wurde und derzeit noch in Nürtingen wohnt, wird ihm nach der kirchlichen Hochzeit dorthin folgen.
Schon als Kind war er Fan der Deutschen Fußballnationalmannschaft
Sharbel Istiefou muss nicht lange nachdenken, wenn er gefragt wird, was ihm an Deutschland am besten gefalle. Wohl alle Kriegsflüchtlinge sagen dasselbe. „Dass man hier in Sicherheit leben kann“, antwortet der Christ, der der syrisch-orthodoxen Kirche angehört. Und er führt aus, was hierzulande so selbstverständlich ist, dass man gar nicht darüber nachdenkt: „Man kann hier mit 40 noch studieren, das ist toll, so etwas gibt es in Syrien nicht“, sagt er.
Und wer im Schwabenland landet, der wird auch mit der schwäbischen Küche konfrontiert. Der 36-Jährige gerät ins Schwärmen, als er von Spätzle mit Soße spricht. Doch nicht nur das deutsche Essen hat es dem Syrer angetan – er ist von Kindesbeinen an Fan der Deutschen Fußballnationalmannschaft und habe viele Trikots gehabt. Besonders beeindruckt hat ihn als Kind der Ballkünstler Lothar Matthäus. Den kannte man offenbar auch in Syrien.
„In Deutschland kann man alles schaffen“
Heimweh habe er nicht, erklärt der 36-Jährige. Er ist in Deutschland angekommen. Vom kommenden Jahr an kann er sogar unbefristet bleiben. Aber eines fehlte ihm dann doch in der ersten Zeit: seine Oud, ein Musikinstrument ähnlich einer Gitarre. Sie musste er in Syrien zurücklassen, als er zu Fuß losmarschierte. Vieles hat sich zum Guten gewendet: Istiefous Eltern und fünf seiner sechs Schwestern leben ebenfalls in Deutschland. Nur der Opa, ein Onkel und eine Schwester seien in Syrien geblieben. Und was gefällt ihm an Deutschland nicht? Er überlegt kurz: „Da gibt es nichts“, sagt er. „Wenn man will, kann man hier alles Schaffen.“ Sogar sich eine neue Oud kaufen, auf der er jetzt wieder ohne Angst spielen kann.