Neuanfang in Stuttgart Mit Kaffeemaschine geflüchtet: Ukrainisches Paar verwirklicht Traum von Café

Ihre Flucht traten Olena und Vadym mit der Kaffeemaschine im Gepäck an. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Flucht, Hoffnung und ein Traum: Olena und Vadym bringen ihre Kaffeemaschine aus der Ukraine mit nach Stuttgart – und eröffnen ihr eigenes Café in Feuerbach.

Als Olena und Vadym aus der Ukraine fliehen, haben sie vor allem eines im Gepäck: den Traum vom eigenen Café. Drei Jahre, zahlreiche Immobilienbesichtigungen und unzählige Geschäftspläne später eröffnen sie im Januar 2026 schließlich das Kaffee-Eck in Feuerbach – und starten damit in ein neues Leben.

 

Das Kaffee-Eck: Ein Ort zum Wohlfühlen und Ankommen

Die Sonne fällt durch die Fenster des Kaffee-Ecks in der Kapfenburgstraße. Bunte Poster und lange Holztische treffen auf freigelegte, restaurierte Metzgerfliesen an den Wänden. „Die haben wir selbst freigelegt und restauriert“, erzählt Inhaberin Olena stolz, während im Hintergrund die silberne Siebträgermaschine leise surrt und aromatischer Espresso in die Tassen fließt.

Die Kaffeemaschine als Symbol für Vergangenheit und Zukunft

Die Siebträgermaschine ist für Olena und Vadym mehr als nur ein Arbeitsgerät – sie steht für ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als in ihrer Heimatstadt Charkiw mit Beginn des Krieges ihr Café schließen musste, wurde schnell klar, dass sie nicht bleiben konnten. Ihre Flucht traten sie mit der Kaffeemaschine im Gepäck an.

„Sie stand in unserem alten Café. So hatten wir zumindest die Grundausstattung für unsere Zukunft dabei. Viel mehr hatten wir nicht: die Kaffeemaschine, die Mühle und unseren Traum“, erzählen die beiden. Heute, drei Jahre später, leben sie diesen Traum in Feuerbach.

„Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich Menschen wohlfühlen, an dem es freundlich und herzlich ist. Ein eigenes Café zu haben, ist unser größter Wunsch“, sagt die 27-jährige Olena, die einen Masterabschluss in Hospitality Management besitzt.

Flucht nach Deutschland: Neustart in Ludwigsburg

Ihre Reise führt sie zunächst von Charkiw mit dem Auto nach Ludwigsburg. „Wir waren vorher noch nie hier, aber wir hatten gehört, dass es dort relativ unkompliziert Wohnungen für Geflüchtete gibt“, berichtet Olena. In Ludwigsburg haben sie Glück: Sie finden schnell eine Unterkunft und können beginnen, an ihrem Traum zu arbeiten. Nach einem Integrationskurs folgen erste Geschäftspläne – die sie immer wieder überarbeiten. „Wir haben den Plan geschrieben, neu geschrieben, wieder neu geschrieben“, erzählen sie lachend.

Herausforderung Immobiliensuche: 1,5 Jahre bis zum passenden Café

Die größte Hürde ist die Suche nach geeigneten Räumen. Rund anderthalb Jahre lang besichtigen Olena und Vadym verschiedenste Immobilien. „Am Ende hatten wir einen Suchradius von 70 Kilometern. Entweder war es zu teuer, es fehlten Genehmigungen – oder sogar ein WC“, berichten sie.

Zu ihren Besonderheiten gehören Cappuccino mit Pinienkernen oder ein Sanddorn-Passionsfrucht-Tee aus selbstgemachtem Püree. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Warum Feuerbach? Die perfekte Lage für ihr Café

Schließlich entdecken sie die Räume in der Kapfenburgstraße in Stuttgart-Feuerbach. „Uns hat sofort gefallen, wie hell es hier ist. Außerdem wollten wir bewusst keinen Standort an einer großen Hauptstraße. Unser Café soll ein ruhiger Ort zum Arbeiten und Entspannen sein.“ Das Konzept geht auf: Das Café wirkt unaufgeregt, stilvoll und einladend.

Besondere Kaffeespezialitäten und hausgemachte Kuchen

Auch die Speisekarte spiegelt ihre Philosophie wider: Klassiker wie Cappuccino treffen auf kreative Eigenkreationen. Zu den Besonderheiten gehören etwa Cappuccino mit Pinienkernen oder ein Sanddorn-Passionsfrucht-Tee aus selbstgemachtem Püree.

„Wir testen noch viel und schauen, was bei den Gästen gut ankommt“, erklären sie. Der Kaffee selbst ist bereits ein Erfolg. Die Bohnen lassen sie eigens in Schorndorf rösten.

„Es ist eine mittlere Röstung mit Noten von Kirsche, Grapefruit und Karamell“, sagt Vadym, der als Kaffeeexperte des Duos gilt. Die Aufgaben sind klar verteilt: „Er macht den Kaffee, ich backe den Kuchen“, sagt Olena. Etwa 40 Prozent der Kuchen sind hausgemacht – darunter Bananenbrot, Käsekuchen und Apfelkuchen nach dem Rezept ihrer Mutter.

Familie in der Ukraine: Hoffnung auf ein Wiedersehen

Olenas Familie lebt weiterhin in der Ukraine. „Mein Vater ist Oberarzt und sagt, er kann die Menschen nicht im Stich lassen“, erzählt sie. Umso größer ist der Wunsch, dass ihre Eltern sie bald im Café besuchen können.

Zukunftspläne: Bleiberecht und viele zufriedene Gäste

Für die Zukunft haben Olena und Vadym klare Ziele: „Wir wünschen uns ein Visum, damit wir bleiben können – und natürlich, dass wir viel Kaffee verkaufen.“ Letzteres scheint bereits zu funktionieren. Schon nach wenigen Monaten hat sich das Kaffee-Eck eine treue Stammkundschaft aufgebaut. Viele Gäste kommen täglich, um die besondere Atmosphäre, die Herzlichkeit der Gastgeber und den Kaffee aus der glänzenden Siebträgermaschine zu genießen.

Das Kaffee-Eck, Kapfenburgstr. 48, Stuttgart-Feuerbach, Di–Fr 9–18, Sa+So 10–18 Uhr

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