Neuartiges Doppelhaus Japanische Wohnkultur über Böblingens Dächern
Die beiden Architekten Randolph und Philip Hinrichsmeyer haben auf der Böblinger Waldburg ein japanisch inspiriertes Doppelhaus gebaut – für den Eigenbedarf.
Die beiden Architekten Randolph und Philip Hinrichsmeyer haben auf der Böblinger Waldburg ein japanisch inspiriertes Doppelhaus gebaut – für den Eigenbedarf.
Wer hier wohnt, ist oben angekommen. In der Böblinger Waldburgstraße reihen sich Villen an noble Bungalows, die Grundstücke sind großzügig geschnitten, um nicht zu sagen mondän. Doch zwischen all dem Stein gewordenen Wohlstand der Wirtschaftswunderjahre ragt seit einem Jahr ein Doppelhaus empor, das sich von allen anderen unterscheidet. Pechschwarz, monolithisch und in perfekter Symmetrie auf den Hangrücken gesetzt. Eigentlich kein Wunder, dass darin zwei Architekten wohnen: Randolph und Philip Hinrichsmeyer, Vater und Sohn, Gründer und Nachfolger. Und jetzt (wieder) Nachbarn.
Kann das gut gehen? „Gute Frage“, sagt der Senior und lacht. „Aber wir verstehen uns wirklich gut, beruflich wie privat.“ Er bewohnt seit Kurzem die von der Straße aus gesehen rechte Doppelhaushälfte von „WB78“, wie die beiden ihre Forschungshäuser intern getauft haben. „Die Planungen haben schon vor über fünf Jahren begonnen“, sagt Randolph Hinrichsmeyer. Das Filetgrundstück mit 1100 Quadratmetern wurde ihnen angeboten – und sie mussten nicht lang überlegen. „Ursprünglich hatten wir drei Wohneinheiten geplant und es gab auch Interessenten. Allerdings wollte keiner das Mittelhaus, alle nur die Randhäuser“, sagt der Senior. Also strichen sie das unbeliebte Sandwichhaus. Das Ergebnis sind zwei symmetrische Doppelhaushälften mit je rund 250 Quadratmetern Wohnfläche auf drei Vollgeschossen plus verkürztem Keller.
Scheinbar verliebten sie sich während der Planungsphase so sehr in die schwarzen Kuben, dass sie selbst dort einzogen. Erst die Eltern, seit Kurzem auch der Sohn mit Partnerin. Das gefällt auch den beiden Vierbeinern: Eltern-Labrador Kafka und der aus Portugal stammende Mischling Siggi von Philip Hinrichsmeyer tollen auf dem Gras. „Natürlich ist die Lage einzigartig“, sagt der. Von seiner Dachterrasse späht er bis auf den Holzgerlinger First, Böblingen liegt ihm zu Füßen. Gefühlt ragt nur der Wasserturm noch höher über die Wipfel.
Bei dem Bauprojekt stand für die Architekten mit Büros in Stuttgart und Böblingen ein Prinzip im Vordergrund: „Reduce to the max“, auf das Maximum reduzieren. „Bei den Häusern ist der Rohbau zugleich der Ausbau“, sagt Philip Hinrichsmeyer. Die Wände und Decken aus Sichtbeton sind nach innen nicht verputzt und der Beton lediglich abgeschliffen. Hinrichsmeyer: „Wir haben versucht, im Wesentlichen mit drei Baustoffen auszukommen: Beton, Holz und Glas.“
Es ist gelungen. Im Inneren entsteht trotz der Betonwände eine luftige Behaglichkeit. Die sehr große Fensterfront lässt viel Licht und viel Ausblick ins Innere. Die weiß lasierten Fichtenwände wirken warm, Astlöcher und Riefen machen sie lebendig. „Das folgt dem japanischen Prinzip des Wabi-Sabi“, sagt Philip Hinrichsmeyer. Es ist dies ein Konzept, das die Schönheit des Unvollkommenen, Vergänglichen und Unperfekten betont. Die durchgängig schwarzen Einbauteile wie Türen, Treppengeländer und Griffe bilden dazu einen Kontrast. Das Beleuchtungskonzept hebt aber auch das wieder etwas auf: LED-Spots an Decken, Boden und unter den Treppengeländern tauchen die Räume in warm-weißes Licht. Verblüffend: Die Reduktion geht bis zur Statik. Eine Zwischenwand aus Fichte trägt die Last der oberen Geschosse. Philip Hinrichsmeyer: „Zwei Baufirmen haben sich dem statischen Prinzip verweigert, doch eine dritte aus Böblingen hat daran geglaubt und es gebaut.“
Mit der Reduktion sieht er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Nachhaltigkeit durch regionale Baustoffe (Fichtenholz aus dem Schwarzwald) sowie eine vergleichsweise kurze Bauzeit. „Wir haben auf einen Bodenbelag ebenso verzichtet wie auf Putz, Trockenbau-Elemente oder Wandfarbe.“Die Häuser kommen nahezu ohne Kunststoffe aus. Doch das Prinzip verlangt eine detaillierte Vorplanung: Strom- und Wasserleitungen müssen schon in den Rohbau-Wänden mitgedacht werden. Denn auch das Energie- und Wasserkonzept ist ausgeklügelt.
Auf ein konventionelles Dach haben die Bauherren verzichtet, stattdessen wurde das Dach von vornherein mit Einbau-Solarpanelen geplant. Das trägt der Ästhetik zu und stört nicht die Formensprache des Satteldachs. Die neuartigen Zellen liefern auf jeder Hälfte rund zehn Kilowatt Strom in der Spitze – das deckt locker den Energiebedarf und reiche außerdem für das Laden der E-Autos in der vorgelagerten Garage. Darin versteckt: die Luft-Wärme-Pumpe hinter Holzlamellen. Das Regenwasser vom Dach speist zwei jeweils 11 000 Liter fassende Zisternen vor dem Haus und wird für Toilette und Waschmaschine verwendet. Geheizt (und gekühlt!) wird über einen im Beton verlegten Wasserkreislauf. Das Doppelhaus entspricht KfW-40-Standard.
Mitgedacht haben die Architekten außerdem Barrierefreiheit und Schaltbarkeit, wie sie es nennen. Nur darin unterscheiden sich die Häuser innen dann doch etwas: Bei Hinrichsmeyer senior ist bereits ein Aufzugschacht eingebaut, in den später ein Lift kommen kann. Darauf verzichtete der Sohn, wenngleich er sein Haus mit wenigen baulichen Veränderungen in drei Wohnungen unterteilen könnte, „so lässt es sich flexibel nutzen und dem aktuellen Wohnbedarf anpassen.“ Am Ende lüften sie auch das Geheimnis der schwarzen Außenfarbe, die ja streng genommen keine ist. „Das funktioniert über ein ursprünglich japanisches Verfahren der Holzimprägnierung namens Shou Sugi Ban“, sagt Randolph Hinrichsmeyer. Das Holz wird oberflächlich abgeflammt und anschließend nur noch geölt. Somit bleibt es vor der Witterung geschützt und lange haltbar. Das versprechen sich beide auch von ihrer architektonischen Idee. Sie trägt den Gedanken des Bauhaus ins Jahr 2025 – rund hundert Jahre, nachdem diese Kunstschule in Dessau zur Blüte gelangte.
Ausfahrt im Kreis
Am Samstag 28. Juni, lädt die Architektenkammer Baden-Württemberg zum Tag der Architektur. Im Kreis Böblingen wird eine Besichtigungstour angeboten.
Objekte
Besichtigt werden ein Vereinshaus in Maichingen, die Straßenmeisterei in Magstadt sowie das Zentrum des Landesverbands für Obst- und Gartenbau in Magstadt. Weitere Informationen zur Anmeldung unter www.bb.akw.de