Neubau der John Cranko Schule Auf Tuchfühlung mit Stuttgart
Burger Rudacs Architekten staffeln den voluminösen Neubau verträglich in den Hang. Die Betonskulptur trumpft im Innern mit einer belebten Raumfolge und reizvollen Aus- und Durchblicken auf.
Burger Rudacs Architekten staffeln den voluminösen Neubau verträglich in den Hang. Die Betonskulptur trumpft im Innern mit einer belebten Raumfolge und reizvollen Aus- und Durchblicken auf.
Stuttgart - Stuttgart und seine Stäffele. Ihre Topografie, die steilen Treppenwege sind Alleinstellungsmerkmale der Landeshauptstadt, ein Kapital, aus dem sie viel zu wenig Profit schlägt. Da muss schon jemand aus dem topfebenen München kommen, um sich von Stuttgarts Halbhöhen beflügeln zu lassen. Sie seien davon, wie die Gründerzeithäuser hier den Hang hinauf hüpften, ganz „berauscht“ gewesen, erzählen die Architekten Stefan Burger und Birgit Rudacs. Ihre Begeisterung hatten sie 2011 in einen Wettbewerbsentwurf für den Neubau der John Cranko Schule (JCS) einfließen lassen, mit dem sie renommierte nationale und internationale Konkurrenten ausstachen. Nun, fünf Jahre nach Baubeginn, ist der vom Stuttgarter Ballett und der Schule lang ersehnte Bau fertig gestellt.
Erst die Stadt, dann das Haus – dieses häufig verletzte Gebot haben Burger Rudacs Architekten vorbildlich befolgt. Ihr Neubau verwandelt das herausfordernde Filetgrundstück in eine Trumpfkarte. Vom Urbansplatz bis zur Werastraße hinauf reicht es, macht einen Höhensprung von 21 Metern. Auf dieser heiklen Hang-Partie galt es, ein immenses Raumprogramm unterzubringen – und dazu ein unterirdisches denkmalgeschütztes Wasserwerk zu berücksichtigen.
Das Ergebnis: eine bestechende Symbiose von Form und Funktion. Jeder, der hier lebe und arbeite, wolle letztlich tanzen, sagen die Architekten. So fügen sie die Funktionen Internat, Schule und Probebühne zu einem Ganzen und sortieren sie richtig in den Stadtraum ein. Die JCS ist daher ein Haus mit zwei Adressen: Die neue Probebühne der Württembergischen Staatstheater mit 200 Zuschauerplätzen bekommt den Platz unten am Hang, dicht dran an Stuttgarts Kulturmeile mit dem Opernhaus, dem Sitz des Stuttgarter Balletts – dem Ziel des Tanznachwuchses.
17,5 Meter hoch ragt am Urbansplatz die nur vom Eingangsschlitz aufgebrochene Betonfassade auf, hinter der sich die Bühnen-Black-Box tief in den Hang hinein gräbt. Der nah an die Straßenkante gesetzte Bau, dessen 60 Millionen Euro Gesamtbaukosten von Stadt und Land finanziert wurden, gibt sich hier klar als öffentliche Institution zu erkennen. Oben an der Werastraße ist das Internat angesiedelt; die Lochfassade lehnt sich hier an die Wohnbebauung an. Hinter den bodentiefen Fenstern liegen die 40 Internats-Doppelzimmer, Gemeinschaftsküchen und Aufenthaltsräume. Zwischen diesen beiden Adressen formen sich kubische Baukörper zur Treppe – zum Riesen-Stäffele.
Mit rund 60 000 Kubikmeter Raum hat die Sichtbetonskulptur ein enormes Volumen. Die Staffelung aber bricht die Masse auf, nimmt ihr die Wuchtigkeit und verleiht ihr einen Rhythmus. Kantig-geometrisch, betonlastig ist der Terrassenbau, aber keineswegs abweisend oder streng. Wer die zehn Geschosse durchwandert, erfährt einen belebten Wechsel von introvertierten und extrovertierten Räumen und wird überschüttet mit reizvollen Durch- und Ausblicken auf die Stadt. Hier ein Patio, da ein Balkon, dazu die großen Dachterrassen. Diese John Cranko Schule geht auf Tuchfühlung mit Stuttgart! Oben geht der Aussichtsreigen mit einem Himmels-Panorama los: Im Internatstrakt ist der Speisesaal per Glasfront mit einem Patio verbunden. Der wird von einem kreisrunden Dachausschnitt gekrönt, eine Reverenz an James Stirling und die Rotunde der Neuen Staatsgalerie, so die Architekten. Der Innenhof ist dem obersten der in den Hang gesetzten Kuben aufgesetzt, von denen jeder einen großen und kleinen Ballettsaal aufnimmt.
Weil die Säle leicht zueinander versetzt sind, zaubern die Architekten an der Schnittstelle einen kleinen Innenhof aus dem Hut. Die kleineren Säle verfügen über breite Fensterfronten – die Tänzer trainieren mit Blick ins Grüne. In den großen Sälen lassen Seiten- und Dachoberlichter Tageslicht herein. Dunkle Holz-Aluminium-Profile fassen die um eine Wandstärke zurückgesetzten Fensteröffnungen, so erhalten sowohl das Geschehen in den Sälen als auch die Stadtansichten einen eleganten Rahmen. Dem Sichtbeton stehen Wandbekleidungen aus mikroperforiertem, in Grautönen gebeiztem Kiefernfurnier wärmend zur Seite.
Die Ballettsaal-Einheiten liegen südlich einer Treppen-Magistrale, nördlich zieht sich die Bürospange entlang. Garderoben für die Solisten, Ballettmeister und Kompaniemitglieder, Physiotherapieräume, ein Fitnessraum – endlich ist die international renommierte Tänzerschmiede adäquat ausgestattet. Schon sehr lange auf der Wunschliste von Kompanie und Schule: die Probebühne. Selbst deren wenig attraktiv am zugeparkten Straßenraum gelegenes Foyer hat seinen Blick-Kick: Über einen elliptischen Luftraum ist es mit dem darüber liegenden Geschoss verbunden. Über dieses Rangfoyer gelangen die Zuschauer auf einen Pausenbalkon ins Freie.
Und, sieh an, die Schule hat ihr eigenes Stäffele: Eine Außentreppe führt nah an den kleinen Sälen nach oben. Fluchttreppe sowie Grünzone sollten laut Wettbewerbsausschreibung öffentlich sein; angesichts der Einsehbarkeit der Säle haben die Württembergischen Staatstheater davon Abstand genommen. Den Wunsch nach mehr Diskretion gilt es zu respektieren, auch wenn Stuttgart damit ein reizvoller öffentlicher Ort verloren geht.
Die Bühne ist ein exaktes Abbild der Bühne im Opernhaus – damit kann die Kompanie endlich unter originalgetreuen Vorstellungs-Konditionen proben. Dicker Wermutstropfen: Der Zuschauerraum ist mit den Stühlen ausgestattet, die bei der Sanierung des Schauspielhauses aus Komfortgründen wieder aussortiert wurden. Diese Zweitverwertung hätte man sich besser verkniffen – die Sessel sind ein Störfaktor in dem konsequent durchkomponierten Haus.
Die neue JCS, die nahe WLB-Erweiterung: zwei herausragende Kulturadressen mehr nahe der B14. Zwei weitere Gründe, die verkehrsumtoste Schneise in einen Boulevard zu verwandeln. Wie lange wird das noch dauern? Fürs Erste hat die John Cranko Schule das Zuhause, das ihrer tänzerischen Exzellenz entspricht.