Auch wenn die Vorstellung der Cranko-Schüler nicht unter idealen Bedingungen vorbereitet werden konnte, ließ ihre Perfektion auf der Bühne nichts ahnen von kleinen Ballettsälen mit zu niedrigen Decken, von fehlender Infrastruktur. Tänzer sind unter den Bühnenkünstlern die geduldigsten, ihre Karriere ist zu kurz für Rebellion.
Und doch kann, wer in diesen Tagen mit Tadeusz Matacz, dem Direktor der Cranko-Schule, das neue Haus besichtigt, die Freudenschreie fast hören, die seine künftigen Bewohner beim Einzug ausstoßen werden: Acht Ballettsäle so groß und hoch, dass junge Talente wahrlich über sich hinauswachsen können; eine Mensa mit Terrasse; Zweierzimmer mit eigener Dusche; Aufenthaltsräume mit atemberaubendem Stadtblick; Platz für Physiotherapie und Fitness mit modernen Geräten! Nur an einer Stelle wird der Jubel ausbleiben: Vor der langen Treppe, die als Hauptachse die verschiedenen Ebenen der Schule verbindet. „Kinder bewegen sich heute generell viel weniger als früher“, sagt Tadeusz Matacz streng. Aufzugfahren ist für seine Schüler deshalb tabu.
Bühne mit Riesenmöglichkeiten
Drei Mal die Woche sei er derzeit auf der Baustelle, sagt Matacz. Wer den Direktor durchs neue Haus begleitet, erschließt sich über die zehn Stockwerke auch ein Stück Stuttgarter Topografie zwischen Urbanstraße, wo der Eingang zur Probebühne liegt, und Werastraße, von der aus man direkt in Schule und Internat gelangt. Sichtbeton, Glas, graue Kunstharzböden: Trotz Abdeckfolien und dem vielen Arbeitsmaterial, das der momentan auf Hochtouren laufende Innenausbau erfordert, ahnt man bereits den kühlen Charakter, den die Münchner Architekten Burger Rudacs für den Bau anstreben.
Tadeusz Matacz plant und verhandelt gerade, damit der Geist der alten Schule auch am neuen Standort wirken kann. Die Räume in der Urbanstraße hatte John Cranko 1971 selbst eingeweiht. Nun sollen Originalkostüme und Fotografien, die von seinen großen Erfolgen erzählen, im neuen Gebäude die Geschichte der Institution, die in ihr arbeitet, lebendig machen. Dazu gehört auch, dass Matacz die vier großen Ballettsäle nach den Stars von Crankos Ballett „Initialen R. B. M. E.“ benennen will, also nach Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen. Die kleineren sollen die Namen berühmter Lehrer, Direktoren und Ballettmeister tragen: Petr Pestov, Anne Woolliams, Heinz Clauß und Georgette Tsinguirides werden hier verewigt.
Die Front des Gebäudes an der Urbanstraße ist eine wuchtige Betonwand. Wie ein Schlitz aus Glas wirkt darin der Eingang, durch den die Zuschauer über ein Foyer mit Gastrotheke zur Probebühne gelangen werden. Die Weite der riesigen Bühne, an einer Seite von einer Tribüne mit 194 Sitzplätzen begrenzt, verblüfft. „Dieser Raum sollte Reid-Anderson-Saal heißen“, sagt Tadeusz Matacz und erinnert daran, wie hart der ehemalige Intendant des Stuttgarter Balletts kämpfte, um die Arbeitsbedingungen für Kompanie und Schule zu verbessern. „Wir haben hier 900 Quadratmeter, das entspricht der Fläche der Bühne im Opernhaus“, sagt Tadeusz Matacz. „Ausschlaggebend für die Planung war das größte Bühnenbild, über welches das Stuttgarter Ballett verfügt, und das ist die Treppe für Christian Spucks ,Lulu’“. Angeliefert werden die Kulissen über eine Laderampe am Rand des Gebäudes, aufbewahrt in einem geräumigen Lager neben der Bühne.
„Diese Bühne bietet Riesenmöglichkeiten“, sagt Matacz, dessen Schüler bislang nur zweimal im Jahr im Opernhaus auftreten. „Hier könnten wir ihre Familien und Theatermitarbeiter bereits zu den Proben einladen“, so Matacz, der nach dem Einzug der Schule gemeinsam mit dem Stuttgarter Ballett ein Konzept für die Nutzung der Bühne entwickeln will.
Im ersten Stock können die Zuschauer über eine ovale Öffnung ins Foyer hinabschauen und über eine Terrasse ins Freie gelangen. Um den Bühnenkubus sind auf zwei Stockwerken Garderoben für die Tänzer, Räume für Technik und Ballettmeister angesiedelt. Dass die letzteren doch noch Fenster erhielten, konnte Matacz in einem „langen Kampf“ durchsetzen. Auch auf den Stockwerken weiter oben spielt die Architektur mit geschlossenen, dunklen Bereichen und grandios inszenierten Ausblicken auf die Stadt. Große Fensterfronten öffnen in den Ballettsälen das Gebäude auf einen Grünstreifen, hinter dem die Paul-Löbe-Staffel liegt.
Beete um Kräuter zu pflanzen
Von der Fluchttreppe allerdings, die direkt unter den Fenstern vorbeiführt, sind die Ballettsäle einsehbar wie eine Bühne. Verständlich, dass ein Direktor hier gern mehr Diskretion für die ihm anvertrauten Schüler hätte – und keinen öffentlichen Weg durchs Schulgelände, wie von Stadtpolitikern gefordert. Nicht nur um ungebetene Zuschauer geht es. „Gebt den Schülern eine Möglichkeit, sich draußen aufzuhalten“, wünscht sich Matacz. „Sie brauchen einen geschützten Freiraum, wir wollen hier Beete anlegen, Kräuter pflanzen, Bienen züchten, auf der Wiese spielen“, träumt der Schulleiter von einem blühenden Garten rund um das historische Pumpenhaus.
Welche Standards gibt es für eine Ballettschule? Wie groß sollen die Spiegel in den Studios sein, wie hoch die Raumtemperatur? Das Gebäude für die John-Cranko-Schule ist der erste Neubau für eine solche Einrichtung in Deutschland; alle anderen Schulen wurden in bereits bestehende Gemäuer integriert. Entsprechend schwierig und langwierig ist die Lösung mancher Probleme. Die Spiegel etwa sind größer als das bisher geltende Höchstmaß, aber auch entsprechend dick und schwer herzustellen.
In den Ballettsälen sind die Springböden schon eingebaut, auch die Befestigungen für die Ballettstangen ragen aus den Wänden. In einer Garderobe und in einem Internatszimmer deuten helle Mustereinbauten an, wie es sich hier einmal arbeiten und leben lassen wird. Nach der kompletten Fertigstellung soll das Gebäude nach und nach in den Probebetrieb gehen, bevor die Schule im Herbst endgültig umziehen wird. Mit 80 Plätzen sollen im neuen Internat doppelt so viele Schüler wie bisher unterkommen, externe Wohngemeinschaften können aufgelöst werden. Von derzeit insgesamt 135 Ballettschülern soll die Zahl im neuen Gebäude stark anwachsen. „Noch mehr Schüler bedeutet auch mehr Lehrer“, sagt Tadeusz Matacz nüchtern. Schon jetzt ist klar, dass das zehnmal größere Schulgebäude deutlich höhere Betriebskosten haben wird.
Geld, das gut angelegt ist – schließlich geht es um die Zukunft junger Menschen und darum, die John-Cranko-Schule an der Weltspitze zu halten. Auch wenn sein Arbeitsplatz in Zukunft zehn Stockwerke haben wird, bleibt Matacz mit den Füßen am Boden und sagt: „Am Ende des Tages zählt die Leistung auf der Bühne.“