Neubau der Volksbank in Wendlingen Einzahlen aufs Konto der Nachhaltigkeit

In den höchsten der drei Bauteile kommt unten eine Polizeiwache rein. Foto: Ines Rudel

Der Wendlinger Neubau der Volksbank Mittlerer Neckar soll Null-Energie-Standard erreichen. Die Einweihung ist für Anfang 2025 geplant.

Einen Vorteil hat der Wendlinger Neubau der Volksbank: Bei einem Banküberfall ist die Polizei schon da. Nämlich im Erdgeschoss und ersten Stock des Bauteils Nummer eins. Die künftige Wache hat aber auch ohne Banküberfall einen Vorteil, nämlich den direkten Blick auf den Wendlinger Bahnhofsbereich – ein günstiger Effekt für die städtische Sicherheit.

 

Die Beamten sind nicht die einzigen Dauergäste im neuen Bank-Domizil, das Anfang 2025 eingeweiht werden soll. Im selben Trakt des dreigliedrigen Komplexes werden die Obergeschosse fünf bis sieben fremdvermietet. Aber in erster Linie baut die Volksbank für sich selbst – und mit hohen ökologischen Maßstäben für die Zukunft: Die vier-, fünf- und achtgeschossigen Quader, entworfen vom Stuttgarter Büro Muffler Architekten, sollen mindestens Null-Energie-Standard erreichen – aufs Jahr gerechnet. Heißt: In der Jahresbilanz soll das Gebäude mindestens so viel Energie ins Stromnetz einspeisen, wie es ihm entnimmt; ein Nullsummenspiel also, wie es dem Geldinstitut in ökonomischen Dingen fremd ist, nicht aber in ökologischen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Photovoltaik (PV), die recht tricky dem Neubau implementiert wird. Nicht nur die Südfassade ist deshalb mit Solarpanelen gespickt, sondern ungewöhnlicherweise auch die Nordfassade und selbstverständlich das Dach, dieses allerdings mit den Panelen in Ost-West-Ausrichtung, wie Christian Luft vom Bau-Beratungsunternehmen Drees und Sommer erklärt: „Wir zielen damit nicht auf den maximalen Energieertrag, sondern auf Netzglättung.“ Was bedeutet: Solarstrom, der nicht im Gebäude selbst verbraucht wird, fließt dann ins Netz, wenn es nicht ohnehin durch PV-Einspeisungen überlastet ist; also vor- und nachmittags statt in den Mittagsstunden. Deshalb blicken die Dachpanele gen Osten und Westen, Sonnenauf- und untergang. In gewisser Weise gibt es nicht zu wenig, sondern zu viel erneuerbaren Öko-Strom: nicht für den steigenden Verbrauch, die Energiewende und die Umwelt, wohl aber für die deutschen Netze in ihrem derzeitigen Zustand. „Große Photovoltaikanlagen“, sagt Christian Luft, „müssen deshalb über Mittag abgestellt werden. Der Netzausbau in Deutschland kommt da nicht hinterher.“

„Die Stromspeicher stehen auf Rädern in der Tiefgarage“

Über die Fassaden dürften im Wendlinger Neubau in der Spitze 170 bis 180 Kilowatt Solarstrom erzeugt werden, auf dem Dach bis zu 95 Kilowatt. Und warum die überschüssige Energie nicht einfach speichern? „Die Speicher stehen auf Rädern in der Tiefgarage“, sagt Luft und meint die dort abgestellten E-Autos und E-Fahrräder. Sie werden mit dem Rest-Strom geladen. Das sei ökologisch und wirtschaftlich sinnvoller als der Einbau teurer stationärer Speichertechnik.

Schöne Aussicht im doppelten Sinn

Mit dem Blick in die energetische Zukunft weitet sich auf dem Dach auch jener ins Albvorland: eine schöne Aussicht im doppelten Sinn. Einzahlen aufs Konto der Nachhaltigkeit wird die Volksbank aber nicht nur mit Photovoltaik, sondern auch mit den Baumaterialien, etwa recyceltem Beton oder dem verbauten Holz, das zu über 80 Prozent aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. Und – vor allem – mit Geothermie. Im Untergeschoss schlägt das „Herz des Gebäudes“, sagt Luft: eine 500-Kilowatt-Wärmepumpe, die mit Erdwärme betrieben wird und sowohl heizt als auch kühlt. 59 Bohrungen in eine Tiefe von jeweils 140 Metern unter der Erdoberfläche sind zu diesem Zweck durchgeführt worden. Erhitztes oder abgekühltes Wasser transportiert Wärme oder Kälte via Rohrleitungen durch die Betondecken, die auf diese Weise thermisch aktiviert werden, also mit ihrer Masse die jeweilige Temperatur speichern und so den wesentlichen Regulierungseffekt bewirken. Zur Feinabstimmung hängen über den Schreibtischen sogenannte Heizkühlsegel als individuell regelbare Heizung oder Klimatisierung. Die Abluft wird in den Etagen über zentrale Sammler abgesaugt, erläutert Jakob Völkl, Projektleiter der Baufirma Züblin. Architekt Tano Muffler versichert, dass das anspruchsvolle Nullenergie-Ziel zu einer kreativen „Synergie von Technik und Gestaltung“ geführt habe.

Stammplätze am Schreibtisch sind passé

Rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt das neue Domizil. Die Volksbank will dort ihre internen Abteilungen zentralisieren, damit Abläufe und Kommunikation verbessern. Vor Ort sein können aber nur maximal 250 Kolleginnen und Kollegen. Mehr Arbeitsplätze sind nicht vorgesehen. Die Anwesenheitsquote von 70 Prozent entspreche der Summe aus Homeoffice und Fehlzeiten, sagt Stefan Gerlach, Bereichsleiter Organisation bei der Volksbank. Die, die leibhaftig ins Büro kommen, haben einen kurzen Weg vom Bahnhof – die Nähe zum ÖPNV ist natürlich auch ein Öko-Plus – und dann viel räumliche Abwechslung. Stammplätze am Schreibtisch sind passé, über eine Desksharing-App muss Tag für Tag der Sitz am Bildschirm gebucht werden: überwiegend in offen gestalteten Bereichen, aber mit ein paar Rückzugsräumen. „Die Belegschaft war über eine Arbeitsgruppe in die Planung einbezogen“, versichert Gerlach.

Wachstum einer genossenschaftlichen Bank

Fusion
 Die Volksbank, eine Genossenschaftsbank, ist durch Fusionen ihrer kleineren Institute zu größeren Einheiten zusammengewachsen. Die wichtigste Fusion in unserer Gegend war der 2020 erfolgte Zusammenschluss der Volksbanken Esslingen und Kirchheim-Nürtingen zur Volksbank Mittlerer Neckar.

Neubau 
Der Neubau steht in keinem direkten Zusammenhang mit der Fusion. Aber „es ist schön, dass wir jetzt auch räumlich zusammenkommen“, sagt Organisationsleiter Stefan Gerlach.

Bilanz
 Für das Geschäftsjahr 2023 zieht die Volksbank eine positive Bilanz. Die Bilanzsumme stieg im Vergleich zu 2022 um 1,2 Prozent auf 5,8 Milliarden Euro. Das Kundengesamtvolumen, das Einlagen und Kredite umfasst, wuchs um 3,4 Prozent auf 12,6 Milliarden Euro. Der Jahresüberschuss von 8,4 Millionen Euro liegt 9,4 Prozent über dem von 2022. An die Mitglieder werden vier Prozent Dividende ausgezahlt.

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