Zwei Länder und drei Standorte. Auch nach der Fusion von Südwestfunk und Süddeutschem Rundfunk 1998 blieben dem neu gebildeten Südwestrundfunk (SWR) drei Hauptstandorte erhalten: Stuttgart, Mainz und Baden-Baden. Bis heute ist der Standort Baden-Baden – nach Arbeitsplätzen – nahezu gleich groß wie Stuttgart. In der Kurstadt wird nun zum Jahreswechsel ein neues Medienzentrum eröffnet. Bei dem Neubau soll auf Gelder aus dem allgemeinen Haushalt des Senders SWR verzichtet werden. Die Art der Refinanzierung weckt derweil Spekulationen.
Größter Arbeitgeber in Baden-Baden
In Baden-Baden, mit seinen rund 55 000 Einwohnern, ist der SWR der mit Abstand größte Arbeitgeber. Auf dem hügeligen SWR-Areal, wenige Hundert Meter oberhalb der berühmten Lichtentaler Allee, arbeiten in den während Jahrzehnten entstandenen Gebäuden derzeit etwa 1845 feste und freie Mitarbeiter in Programm, Produktion, Verwaltung und Technik – in Halbhöhenlage, oben „auf der Funkhöhe“, wie man diese vor Ort zuweilen nennt. Nur der Intendant residiert überwiegend in Stuttgart.
Der Standort Baden-Baden hat Tradition. Dass der Sender einst in der Stadt ansiedelte, ist vor allem den Franzosen zu verdanken – Baden-Baden war von Juli 1945 an das Hauptquartier der alliierten Besatzungsmacht. Zur Fläche, die seither im Besitz des Senders ist, gehört auch ein etwa 49 000 Quadratmeter großes Areal unweit der heutigen Sendergebäude. Die Fläche „Am Tannenhof“ ist angesichts der Grundstückspreise recht wertvoll. Der Verkauf soll ein Teil der Baukosten decken.
Zwei Wettbewerbe ausgelobt
2015 hatte der Sender zwei städtebauliche Wettbewerbe ausgelobt. Östlich der Hans-Bredow-Straße sollte auf einem Grundstück von etwa 8000 Quadratmetern ein neues Medienzentrum entstehen, in höhengestaffelten Pavillons. Das im Besitz des Senders befindliche Areal „Am Tannenhof“ sollte indes veräußert und mit hochwertiger Wohnbebauung neu gestaltet werden. Der Bodenrichtwert in dieser Gegend von Baden-Baden liegt bei mindestens 420 Euro pro Quadratmeter, so könnten beim Verkauf des Geländes an Investoren mehr als 20 Millionen Euro an Erlösen erzielt werden.
Inzwischen ist der Bau weit fortgeschritten. Erst im Juni waren die Rundfunk- und Verwaltungsräte des SWR vor Ort zu einer Besichtigung – zum Jahreswechsel soll das Areal fertiggestellt sei. Die beiden Wettbewerbe hatten einst ohne Problem die Gremien des Stadtrats der Kurstadt passiert. Doch nun ist auch die Kubatur des Gebäudes erkennbar. Der Baden-Badener Stadtrat und FDP-Fraktionsvorsitzende Rolf Pilarski, einer der wenigen, der den Sender eher kritisch beäugt, nennt es ein Gebäude für gehobene Ansprüche. „Bürgerlich gesprochen wird das ein Palast“, sagt er.
Baukosten sind gestiegen
Die Baukosten sind zwischenzeitlich deutlich gestiegen. 2015 rechnete man noch mit rund 50 Millionen Euro. Der SWR räumt nun in einer aktuellen Stellungnahme ein, dass die neueste Prognose sich auf 59,3 Millionen Euro belaufe, wie eine Sprecherin mitteilt. Auch ein unverhältnismäßig großer Aufwand zur Erstellung des Baugrunds spielt eine Rolle. In der Hanglage mussten mit vielen Einzelsprengungen 42 000 Kubikmeter Gestein entfernt werden – rund 1800 Lkw-Ladungen wurden abgefahren, wie der SWR-Projektleiter Marcus Menzel voriges Jahr mitteilte.
„Die bauen mit komfortablem Geld, die Erstellungskosten sind deutlich über dem Standard“, sagt der Experte Reinhard Domke, Freier Architekt in Bad Herrenalb, beim Blick auf Wettbewerbsunterlagen und auf die geplante Geschossflächenzahl. 14 000 Quadratmeter entstehen im Gebäudetrakt. Die von Domke errechneten Erstellungskosten je Quadratmeter Nutzfläche sind nach Einschätzung des Architekten, der früher selbst an der Erstellung mehrerer vergleichbarer Geschäfts- und Verwaltungsgebäude beteiligt war, recht hoch.
Drei Säulen der Finanzierung
Die SWR-Gremien hatten 2015 festgelegt, dass die Finanzierung des Neubaus durch Verkaufserlöse, die Umwidmung von Sanierungsrückstellungen sowie geringere Betriebskosten für das neue Medienzentrum finanziert werden sollten. Mittel aus dem Haushalt oder aus Gebührengeldern sollen demnach nicht fließen. Die Gegenfinanzierung „sei ausreichend, die Wirtschaftlichkeit nach wie vor gegeben“, heißt es. Das 2015 aufgestellte Finanzierungsmodell bleibe „auskömmlich“, so die SWR-Sprecherin.
Auch von den Aufsichtsgremien ist keine Kritik zu hören. Der SWR habe „immer sehr gut aufgeklärt und transparent die Kosten offengelegt“, sagt etwa Cindy Holmberg, SWR-Verwaltungsrätin und gewählte Landtagsabgeordnete der Grünen aus Metzingen (Wahlkreis Hechingen-Münsingen). Sie zeigt sich überzeugt, dass es mit den drei Säulen zur Refinanzierung klappe.
Arbeitsabläufe sollen optimiert werden
Standort
Am SWR-Standort Baden-Baden arbeiten etwa 1845 feste und freie Mitarbeiter in Programm, Produktion, Verwaltung und Technik. Dort befinden sich die Direktionen für Fernsehen und Hörfunk, 70 Prozent des Gemeinschaftsanteils im SWR-Fernsehen entstehen dort. Die Programme von SWR2 und SWR3 werden dort ebenfalls produziert.
Medienzentrum
Das neue Medienzentrum, das künftig die drei Mediensparten Hörfunk, Fernsehen und Online in einem Bau vereint, wird SWR-intern als „die neue Mitte“ des Sendeareals bezeichnet – und soll die Arbeitsabläufe in Hörfunk, Fernsehen und Online verbessern. Auch eine neue Betriebskantine wird es dort geben. Der Entwurf des Komplexes stammt vom Architekturbüro Wurm + Wurm aus Bühl, das als Fachbüro auch die Umsetzungs begleitet.