Karlsruhe - Wenn heutzutage irgendwo die Wettbewerbswürfel fallen, kommt meistens – ein Würfel dabei heraus. Oder jedenfalls etwas Kubisches, Kantiges, flugs Vermarktbares, Identitätsloses. Die Gewerbegebiete und Büroviertel landauf, landab sind voll von solchen austauschbaren Kommerzkisten. Zu den Architekten, die nicht vergessen haben, dass es ein Bauen jenseits dieses Kapitalanlage-Funktionalismus gibt, gehören die Stuttgarter Lederer, Ragnarsdottir, Oei. Wenn die Sterne günstig stehen und auch noch ein Bauherr im Spiel ist, der für sich selbst baut und sich mit seinem Projekt darstellen will, dann entsteht Architektur, die mehr ist als Hochbau. Die gesichtsloseste Gegend erhält dann wieder ein Gesicht, aus einem Nicht-Ort wird ein Ort.
Auf einem Geländezwickel zwischen A5 und Durlacher Allee, die an dieser Stelle aber auch nur eine vielspurige Rennstrecke zwischen Karlsruhe und dem Nobelvorort Durlach ist, hat sich das Unternehmen dm von den Stuttgarter Architekten seine neue Verwaltungszentrale errichten lassen. Verkehrslärm, Abgase, Niemandsland – man kann sich einladendere Adressen vorstellen als diesen Acker an der Peripherie. Einen Vorteil bot der Standort jedoch: Platz genug, um die zuvor über das Stadtgebiet verstreuten Beschäftigten der Drogeriemarkt-Kette, in Karlsruhe immerhin fast zweitausend Leute, unter einem Dach zusammenzubringen.
Im Geist der Anthroposophie
Der Bau von Lederer, Ragnarsdottir, Oei, die 2013 als Gewinner aus einem Gutachterverfahren hervorgingen, reagiert genau auf diese Bedingungen: Nach außen eine feste Burg, deren massive Mauern Schutz gegen Emissionen aller Art bieten, und ein Landmark-Gebäude mit Türmen und Erkern, das dem zwischenstädtischen Einerlei Gestalt und Unverwechselbarkeit gibt. Nach innen ein verzweigter Komplex mit zahlreichen ruhigen, bepflanzten Höfen, die nicht nur der natürlichen Belichtung der Büros, sondern auch der Pausenerholung und dem sozialen Miteinander der Angestellten dienen.
Es ist eine Architektur mit Herkunft. Ihre Wurzeln hat sie in den Backsteinkastellen des Expressionismus, Peter Behrens’ Verwaltungsbau der Hoechst AG in Frankfurt-Höchst etwa. Davon künden sowohl die robusten Fassaden aus recycelten Ziegeln als auch – im Kontrast zur herrschenden Kistenkonfektion – exzentrisch erscheinende Formen wie der geflügelte Erker über dem Haupteingang oder die aus den gerundeten Körpern herausgedrehten Fensterkästen, ein Motiv, das die Stuttgarter Architekten häufig einsetzen. Zugleich huldigt das Haus dem Karlsruher Ortsheiligen Egon Eiermann. Die filigranen Sonnenschutz-Balkon-Stahlgerüste, die sich als zweite Fassadenschicht vor die Bauten des einstigen Professors der TU Karlsruhe legen – die Gebäude des IBM-Campus in Stuttgart-Vaihingen zum Beispiel – tauchen als Zitat am dm-Hauptquartier wieder auf, wo sie dem massigen Gemäuer Struktur, Frische und Leichtigkeit verleihen.
Der Grundriss der Drogeriezentrale, der aussieht wie ein verwackelter Gitterrost, erinnert derweil an die horizontal ausgelegten Netzstrukturen der Architektengruppe Team 10 aus den sechziger Jahren. Aber in Karlsruhe scheint ein Erdbeben die Anlage durchgeschüttelt zu haben. Was wie eine spleenige Architektenlaune wirkt, hat seinen Grund jedoch in dem Bestreben, dem Ganzen durch Brechung der Perspektiven zumindest optisch seine Ausdehnung zu nehmen. Zugleich hat das Gewackel weltanschauliche Gründe. Der dm-Patriarch Götz Werner ist überzeugter Anthroposoph, und der Geometrie des rechten Winkels können die Anhänger Rudolf Steiners ja bekanntlich wenig abgewinnen. Darum verläuft auch die sogenannte Magistrale, die den Bau als Mittelachse im Inneren durchzieht, nicht schnurgerade, sondern mäandert gemächlich dahin, ein breiter Weg, belegt mit Solnhofener Platten, an dem wie an einer städtischen Straße Foyer, Cafeteria, die Gartenhöfe und die Kantine liegen.
Freundlicher Riese
Viel Licht, helles Holz und Pastellfarben schaffen ein angenehmes Arbeitsumfeld, ganz im Sinne der auf Wertschätzung der Mitarbeiter angelegten Unternehmensphilosophie. Die bei dm gepflegte flache Firmenhierarchie findet ihren baulichen Ausdruck in der auf vier Geschosse beschränkten Gebäudehöhe, die nach Osten noch um ein Geschoss abnimmt, um sich dem Maßstab der angrenzenden Wohnbebauung anzupassen.
Nach Westen, zur A5, ist dem Komplex ein Parkhaus vorgelagert. Ursprünglich sollte auch dieses von Lederer, Ragnarsdottir, Oei geplant werden, aus Kostengründen wurde es aber dann doch nur eins von der Stange. Geblieben ist von dem Entwurf allein die Fassade mit den großen Fensterbögen und der aufgeschüttete „grüne Hügel“ über der Garage, auf dem ein paar alte Apfelsorten gedeihen. Zusammen bilden Verwaltungsbau und Parkhaus einen so wirksamen Lärmschutzwall, dass es sich auf der Terrasse vor der Kantine ungestört plaudern lässt und die Nachbarschaft neuerdings besser schlafen kann – nur einen Steinwurf entfernt von der Autobahn. Ein freundlicher Riese, dieser dm-Koloss.