Das sei ja jetzt auch erst der Anfang, sagte Landrat Roland Bernhard am Donnerstag bei einem Pressetermin mit Sozialminister Manfred Lucha (Grüne). Auf längere Sicht wolle man auch Schutzwohnungen im Kreis bereitstellen, betonte er wieder einmal. Es ist eben diese offene Zeitangabe – „auf längere Sicht“ –, die jüngst von Seiten des Ortsverbandes Courage kritisiert wurde. Der Vorwurf: Im Landkreis gebe es genug leer stehende Gebäude, die schon längst für diesen Zweck genutzt werden könnten.
Neues Gebäude ist barrierefrei
Eine gewisse Ungeduld bei verschiedenen Akteuren ist nicht verwunderlich. Schließlich gibt es seit 2011 kein Frauen- und Kinderschutzhaus mehr im Kreis. „Es war ein langer Weg“, meinte Bernhard am Donnerstag. Lucha hatte im Rahmen seiner Sommertour durch das Land Halt gemacht beim Waldhaus in Hildrizhausen, um sich bezüglich des neuen Bauvorhabens auf den neuesten Stand bringen zu lassen.
Anlässlich seines Besuches hatten sich sämtliche Parteien, die an der Planung des neuen Kinder- und Jugendschutzhauses beteiligt sind, im Café Fuchsbau des Waldheims in Hildrizhausen zusammengefunden. Dabei ging es auch um zentrale Anforderungen an das zukünftige Schutzhaus. So betonte Annette Leitner-Sautter vom Waldheim, die das Projekt Frauen- und Kinderschutzhaus betreut, wie wichtig und richtig es sei, dass das neue Gebäude barrierefrei sei.
„Es darf nicht sein, dass Frauen mit körperlichen Einschränkungen der Zugang zu einem Frauenhaus aufgrund fehlender Barrierefreiheit verwehrt bleibt“, sagte sie. Das Waldhaus wird zukünftig auch der Träger des neuen Frauen- und Kinderschutzhauses sein – in enger Zusammenarbeit mit dem Verein „Frauen helfen Frauen“.
„Nicht jede Frau möchte stationäre Unterbringung“
Wichtig sei auch der Zusatz ‚Kinder‘ im Titel des Frauen- und Kinderschutzhauses, wie Stephanie Dieterle vom Waldhaus erklärte. Denn oftmals werde unterschätzt, welch große Auswirkungen häusliche Gewalt auf Kinder habe. Das neue Gebäude werde baulich so geplant, dass auch Jungen bis zum Alter von 14 Jahren darin aufgenommen werden können. In vielen Einrichtungen liege die Altersgrenze bei zwölf Jahren – was Frauen mit älteren Söhnen oft in eine kaum lösbare Lage bringe.
Im oberen Stockwerk soll die Intensivbetreuung untergebracht werden, unten die Regelbetreuung. „Es gibt auch zwei getrennte Teams“, sagte Dieterle. So wolle man eine geeignete Verzahnung von ambulant und stationär schaffen. „Nicht jede Frau möchte stationäre Unterbringung. Jeder Fall ist individuell“, sagte Marie Beddies von Amila. Für die Kinder werde es eigene Ansprechpartner geben.
Zu insgesamt 75 Prozent wird das Projekt aus Landesmitteln finanziert
Ein wichtiger Punkt, der bei den Planungen für den Neubau zu bedenken war: Ein geeignetes Sicherheitskonzept. In Zeiten von GPS und Digitalisierung wird es immer schwerer, Sicherheit zu gewährleisten. Stephanie Dieterle vom Waldhaus betonte, dass der Schutz der Bewohner höchste Priorität habe.
Manfred Lucha lobte die Versammelten für ihr unermüdliches Engagement. Er sprach davon, dass Tage wie dieser ein Bekenntnis zur Demokratie darstellen würden. Noch immer würden fast jeden Tag Frauen und Kinder allein ihres Geschlechts wegen getötet werden. „Gewalt gegen Frauen ist immer auch ein Hinweis darauf, dass eine Demokratie noch nicht so funktioniert, wie sie sollte.“ Der Schutz für von Gewalt betroffenen Frauen sei eine Aufgabe, bei der man absolut nicht sparen dürfe.
Dass der Neubau nun stattfinden kann, hat der Landkreis einer Entscheidung des Landtages zu verdanken. Zu insgesamt 75 Prozent – 3,8 Millionen Euro – wird das Projekt aus Landesmitteln finanziert. Das bedeutete für den Landkreis sozusagen die letzte Rettung, nachdem damals eine Finanzierung über den Bund gescheitert war, weil sich die Entscheidung auf Bundesebene über zwei Jahre verzögerte und die Förderfrist Ende 2024 verstrichen war.
Das neue Frauenhaus in Herrenberg
Kosten
Mitte November gab das Land bekannt, den Neubau des neuen Frauen-und Kinderschutzhauses in Herrenberg mit rund 3,8 Millionen Euro zu fördern. Die Projektkosten belaufen sich auf insgesamt 6,1 Millionen Euro, wovon 5,05 Millionen Euro auf die Nutzung des Gebäudes als Frauen- und Kinderschutzhaus entfallen und damit förderfähig sind.