Neubaustrecke Wendlingen-Ulm Diffiziler Brückenschlag über das Filstal

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Im Zuge der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm entsteht bei Mühlhausen im Täle die dritthöchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Damit das Bauwerk möglichst filigran wirkt, gehen die Bauingenieure an die Grenze des Machbaren.

Von der Westseite des Filstals aus entsteht die neue Eisenbahnbrücke für die Strecke nach Ulm. Foto: Horst Rudel 10 Bilder
Von der Westseite des Filstals aus entsteht die neue Eisenbahnbrücke für die Strecke nach Ulm. Foto: Horst Rudel

Mühlhausen im Täle - Ganze sieben Sekunden lang werden die Zugpassagiere einmal die Aussicht von Deutschlands dritthöchster Bahnbrücke ins obere Filstal genießen können. So lange brauchen die schnellsten Züge auf der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, um die 85 Meter hohe Stahlbetonkonstruktion zu passieren. Bis es frühestens 2022 soweit ist, müssen die Ingenieure an dem Bauwerk zwischen Mühlhausen im Täle und Wiesensteig (beides Landkreis Göppingen) einige Schwierigkeiten meistern. „Das ist ein extrem schlankes und statisch herausforderndes Bauwerk“, sagt Jörg Müller, der für die Bahn diesen Abschnitt des Albaufstiegs verantwortet. Zu dem gehören neben der Brücke auch der Boßler- und der Steinbühltunnel.

Die Lage direkt zwischen zwei Tunneln sei einzigartig im Netz der Deutschen Bahn, sagt Müller. Und sie macht den Bau von zwei parallel verlaufenden Brücken notwendig. Die Tunnel werden also in zwei Röhren gebaut, in denen je ein Gleis liegt. Der Abstand zwischen den beiden Schienensträngen wird dadurch aber so groß, dass eine einzelne Brücke zu breit geworden wäre. Also entstehen über dem Oberlauf der Fils zwei Überführungen, die im gleichbleibenden Abstand von gut 30 Meter das Tal passieren. Ehe die Züge auf dessen Ostseite im Steinbühltunnel verschwinden, überqueren sie in 20 Meter Höhe die A-8-Fahrstreifen Richtung Ulm.

Die Fundamente reichen bis zu 25 Meter tief

Nicht nur die steil aufragenden Talflanken, an denen die Widerlager der Brücke in den Hang gebaut werden müssen, machen das Unterfangen kompliziert. Die beiden 485 und 472 Meter langen Brücken ruhen gerade mal auf je sechs Pfeilern. Der Abstand zwischen den beiden mittleren Pfeilern beträgt 150 Meter. Sie bekommen an ihrem oberen Ende schräg abstehende Stützen, auf denen die Brücke auch aufliegt. Die Pfeiler ihrerseits ruhen auf bis zu 25 Meter tief in den Boden getriebene Pfähle.

Zu Hochzeiten sollen einmal 150 Menschen auf der Baustelle des 53-Millionen-Euro-Vorhabens arbeiten. Doch die können sich im Talgrund nicht nach Belieben ausbreiten. Die ausgewiesenen Wasserschutzgebiete sind ebenso tabu wie auch die Überschwemmungsflächen der Fils. Zudem muss der Artenschutz natürlich beachtet werden. Auf den Baustellenflächen wurden Zauneidechsen gefunden. Deswegen wurde neben der eigentlichen Brückentrasse ein Hang gerodet. Auf dem leben nun die zunächst eingefangenen und dort wieder ausgesetzten Tiere, bis die Brückenbauer das Tal wieder verlassen.

Alle vier Wochen soll ein Abschnitt betoniert werden

Doch davon sind die Fachleute noch ein gutes Stück entfernt. Im April soll erstmals ein Stück Brücke betoniert werden. Dazu ist in luftiger Höhe eine gewaltige, 800 Tonnen schwere Konstruktion installiert worden, die sogenannte Vorschubrüstung. Um sie an Ort und Stelle z bringen, wurde ein Kran gebraucht, der sonst eigentlich bei der Montage von Windkraftanlagen eingesetzt wird. Wenn die vorbereitenden Maßnahmen abgeschlossen sind, wird ein erster 50 Meter langer Brückenabschnitt gegossen. Ist der Beton ausgehärtet, schiebt sich die Vorschubrüstung weiter über das Tal und der Vorgang wiederholt sich. Insgesamt müssen zehn solcher Abschnitte gebaut werden, ehe die andere Talseite erreicht ist.„Wenn sich alles eingespielt hat, wollen wir alle vier Wochen einen Abschnitt betonieren“, sagt Igor Zaidman, der für den Brückenbau verantwortlich ist.

Zwischen den Brückenpfeilern ruht die Schalungskonstruktion auf Hilfsstützen, die nach dem Bau wieder verschwinden. Damit die gut 100 000 Fahrzeuge, die täglich die Brückenbaustelle auf der A 8 passieren, dies unbehelligt tun können, entsteht noch ein Schutzgerüst über die Autobahn. Dafür wird die Fernstraße gesperrt.

Besuch auf der Baustelle

Für eine Menge Verkehr sorgt auch die Baustelle selbst. Sämtlicher Beton muss von zwei Werken aus angefahren werden. Trotzdem sei das Verhältnis zu den umliegenden Gemeinden gut, betont der Abschnittsleiter Jörg Müller. Gemeinderäte aus der Umgebung seien regelmäßig zu Gast auf der Baustelle. Wer selbst einmal ein Blick hinter die Kulissen werfen möchte, kann an einer der wöchentlich drei Führungen teilnehmen. Die finden immer freitags um 14 Uhr sowie sonntags um 10 und 14 Uhr statt. Anmeldungen sind unter baustellenfuehrung@s21erleben.de oder per Telefon unter 0711/213 21 216 notwendig.