Neue Abgasnorm Euro 7 Bekämpft die EU die Autoindustrie?

Mit speziell umgebauten Autos bereite sich Bosch seit Langem auf die neue Abgasnorm Euro 7 vor. Doch auch dieses Unternehmen klagt über die nach wie vor unklar definierten Anforderungen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Die Autobranche hat beim Dieselskandal ihren Kredit verspielt. Nun schlägt Brüssels Strenge in Willkür um. Ein Kommentar von Klaus Köster.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Klaus Köster (kö)

Bevor von einem neuen Fahrzeugmodell das erste Exemplar auf die Straßen rollen darf, muss es viele Hürden genommen haben. Dazu gehören auch Abgastests, bei denen auf den Prüfständen eine Fahrt mit genau vorgegebenem Ablauf nachgeahmt wird. Weil diese vorgegebene Fahrt früher nur wenig mit der Wirklichkeit auf den Straßen zu tun hatte, fielen die Abgaswerte völlig unrealistisch aus. Weil zudem die Abgasreinigung bei niedrigen Temperaturen oft abgeschaltet wurde, kann es kaum verwundern, dass die Luft in den Städten jahrelang viel dreckiger blieb als angesichts scheinbar niedriger Laborabgaswerte zu erwarten gewesen wäre.

 

Unter Druck fand Branche zur Ehrlichkeit

Erst unter massivem Druck der Politik fand die Branche zur Ehrlichkeit. Für die heute gültige Abgasnorm Euro 6d werden auch die Abgase gemessen, die tatsächlich in die Atemluft gelangen. Selbst die massiv verschärften Grenzwerte werden heute meist weit unterboten, so dass man sich fragt, warum die Industrie das Hirnschmalz ihrer Ingenieurinnen und Ingenieure so lange missbrauchte, um die Regeln trickreich zu umgehen, statt sie gleich einzuhalten.

In der Politik haben viele aus dem Skandal bis heute die Lehre gezogen, dass die Branche mit maximalem Druck zur Vernunft gebracht werden muss. Doch worin besteht diese Vernunft? Die EU-Kommission will nun die Abgasnorm Euro 7 durchsetzen, wonach die Autos künftig auch in völlig unrealistischen Fahrsituationen die Grenzwerte einhalten müssen. Vollgas im ersten Gang, Kavalierstart mit voll beladenem Auto auf Tempo 150 – der Fantasie, wie die Grenzwerte künftig mutwillig überschritten werden können, sind keine Grenzen gesetzt.

Wer einmal lügt ...

Nach vielen Jahren demütigen Schweigens sind aus der Autobranche nun erstmals wieder Klagen über zu hohe Anforderungen zu vernehmen. Doch weite Teile der Politik sind noch immer industrietaub, sobald es ums Auto geht. Dabei führt die Branche dieses Mal substanzielle Gründe an: Wenn willkürliche Fahrsituationen zugelassen werden, können die Autobauer selbst beim Einsatz aufwendigster Technik nicht sicher sein, dass die Werte nicht doch gerissen werden und sie hohe Strafen zahlen müssen. Auch sind die Umwelteffekte im Normalbetrieb fraglich.

Um etwa – wie gefordert – auch in den ersten 90 Sekunden nach dem Start sehr niedrige Stickoxidwerte zu produzieren, sind Katalysatorheizung, extrastarke Batterie und die entsprechende Lichtmaschine nötig, die ihrerseits Gewicht, Verbrauch und nicht zuletzt den Preis erhöhen. Doch für viele, die in den Metropolen arbeiten, ist der Diesel noch immer die beste Möglichkeit, auf bezahlbare Weise zum oft weit entfernten Arbeitsplatz zu gelangen – zumal kleine, bezahlbare E-Autos bisher nicht zu haben sind. Wer Schicht arbeitet, kann zudem oft weder Bus und Bahn noch das Homeoffice nutzen.

Affront gegenüber Beschäftigten

Auch die Beschäftigten der Autoindustrie müssen sich mit Füßen getreten fühlen, wenn die EU mit willkürlichen Vorgaben das ohnehin beschlossene Aus für den Diesel forcieren will, aus dessen Erlösen aber neben den Löhnen Zigtausender Beschäftigter auch die massiven Investitionen ins E-Autos finanziert werden. So wichtig es war, dass die EU die Autoindustrie mit massivem Druck auf den Pfad der ökologischen Ehrlichkeit gezwungen hat, so groß ist nun die Gefahr, dass sie nun ihrerseits die Realität auf der Straße nicht mehr zum Maßstab für die Umweltfreundlichkeit der Fahrzeuge macht.

Die EU führt mit der Autoindustrie seit Langen Jahren einen wichtigen Kampf für Klimaschutz und saubere Luft. Nun muss sie aufpassen, dass sie das Ziel des Umweltschutzes nicht aus dem Auge verliert und stattdessen die Autobranche mit all ihren Beschäftigten ins Visier nimmt.

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