InterviewNeue Abteilung bei Daimler „Unser Auftrag: den Konzern revolutionieren“

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Mit dem FC Think! Tank leistet sich Daimler eine neue Abteilung, die wie ein Start-up im Konzern funktioniert. Christian Nitschke erklärt, wie das „Speedboot“ dem „Tanker“ mit Schnelligkeit und neuen Ideen die Richtung weisen will.

Christian Nitschke residiert mit seinem FC Think Tank! im Wizemann. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Christian Nitschke residiert mit seinem FC Think Tank! im Wizemann. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Christian Nitschke (42) leitet seit Februar 2016 den FC Think! Tank, der bei Daimler in der Finanz-Abteilung angesiedelt ist und im Stuttgarter Kreativareal Im Wizemann residiert. Er will den Konzern von innen heraus revolutionieren.

Herr Nitschke, wie kam es zur Gründung des FC Think! Tanks: Sind Sie eines Tages aufgestanden und haben beschlossen, die Strukturen bei Daimler zu verändern?

Nein, die Idee kam Ende 2015 von Bodo Uebber, dem Finanzvorstand der Daimler AG. In einem Strategie-Programm hatte er die Frage gestellt, wie man den Finanzbereich für die Zukunft fit machen kann. Die Antwort lautete: Wir brauchen ein Speedboot, das dem Tanker Daimler mit Schnelligkeit, Agilität und neuen Ideen die Richtung weisen kann. Ein kleines Team, das in einem Standort außerhalb der üblichen Daimler-Büros einen Neustart wagt.

Warum war es so wichtig, einen Raum außerhalb von Daimler zu finden?

Wir wollten außerhalb des Werksgeländes arbeiten, um die Mitarbeiter aus ihrem gewohnten Umfeld herauszuholen und Platz für zusätzliche Kreativität zu schaffen. Losgelöst vom Arbeitsalltag und der Routine, die damit einhergeht.

Wie schwierig ist es, als Speedboot einem Tanker wie Daimler zu begegnen: Ist das nicht ein aussichtsloser Kampf in der Kategorie David gegen Goliath?

Wir arbeiten im Auftrag und auf Wunsch des Unternehmens, von einem Kampf kann nicht die Rede sein. Es ist eher eine Herkulesaufgabe, die aber große Unterstützung aus dem Unternehmen erfährt. Letztlich geht es um Innovation im Finanzbereich: Wir wollen Katalysator sein, um Projekte voranzutreiben. Durch die vielen Veränderungen, die überall im Konzern passieren, ergeben sich neue Mittel und Wege, Dinge anders zu machen. Neben uns gibt es noch viele andere Einheiten bei Daimler, mit denen wir gemeinsam daran arbeiten.

Die Automobilindustrie steckt in einer Krise, auch Daimler musste Autos zurückrufen. Hat man in solch einer Situation überhaupt die Muße, einen Konzern mit den Mitteln eines Start-ups zu verändern?

Die aktuelle Situation des Unternehmens hat keine Auswirkungen auf unsere Arbeit im FC Think! Tank. Der Spirit, unseren Konzern weiterzuentwickeln, ist ungebrochen.

Wie muss man sich Ihre Arbeit im Alltag vorstellen?

Wir sind keine Einheit, die alleine, sondern immer gemeinsam mit den Kollegen an Ideen arbeitet: Wir versuchen, Voraussetzungen und Hilfestellungen zu schaffen, um Probleme zu lösen und Prozesse zu beschleunigen. In den zwei Jahren, die es uns nun gibt, haben wir 250 Projekte betreut. Wir begleiten die Kollegen von der ersten Idee bis zum Piloten, bieten zum Beispiel Raum, um sich zu Digitalthemen auszutauschen, laden externe Redner ein und mehr. Dabei sind wir nicht mehr nur auf den Finanzbereich beschränkt. Auch andere Abteilungen der Konzernverwaltung nutzen unser Ökosystem.

Wie schwer ist es, auf die neue Konkurrenz im Silicon Valley zu reagieren?

Wir dürfen nicht nur nach morgen schauen, sondern nach übermorgen. Und so handeln wir auch, denn längst haben wir große Unternehmen auf der Datenseite als Wettbewerber. Da muss man tatsächlich schnell sein. Im Frühjahr war ich bei Google im Silicon Valley zu Besuch und habe gemerkt, dass unsere Arbeitsweisen gar nicht so verschieden sind. Da hat sich bei uns inzwischen einiges getan, mit vielen kleinen Innovationszellen im Konzern.

Wo steht der FC Think! Tank in fünf Jahren?

Wir wollen kein Konzern im Konzern werden. Wir wollen weiterhin schnell, agil und klein bleiben und trotzdem unsere Leistungen auch für andere Fachbereiche anbieten. Wo wir in fünf Jahren stehen, kann ich Ihnen aber in unserem agilen Umfeld nicht beantworten – Fünfjahrespläne haben wir bewusst nicht aufgestellt.

Werden Sie sich auch für externe Firmen öffnen?

Nein, das ist nicht geplant. Unser Auftrag lautet, den Konzern von innen heraus zu revolutionieren.