Neue Akademie gegründet Streuobst-Pädagogik aus dem Schönbuch erobert die Welt

Kinder lernen spielerisch, was auf der Streuobstwiese alles kreucht und fleucht und dürfen eigene Projekte verwirklichen (Archivbild) Foto: /Stefanie Schlecht

Es geht darum, auf Streuobstwiesen über Streuobstwiesen zu lernen. Diese Form des Lernens, von Beate Holderied aus Weil im Schönbuch initiiert, kommt offensichtlich gut an. Nun gibt es sogar eine Internationale Streuobst-Pädagogik-Akademie.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich Beate Holderied aus Weil im Schönbuch dafür ein, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Wissen über Streuobstwiesen und deren Wert für Mensch und Natur zu vermitteln. Was mit dem Engagement eines einzelnen Menschen begann, hat sich zu einem großen Netzwerk entwickelt und gipfelt nun in die Gründung einer Internationalen Streuobst-Pädagogik-Akademie (ISA). Ihre Absolventen dürfen andere zu Streuobst-Pädagogen ausbilden.

 

Einen physischen Ort, ein Akademie-Haus, für die ISA gibt es aber nicht. So fand die Eröffnungsfeier am Donnerstag in den Räumen der Umweltakademie in Stuttgart statt. Die Umweltakademie, die zum baden-württembergischen Umweltministerium gehört, ist Kooperationspartnerin der ISA und unterstütz sie mit Wissen und Infrastruktur – beispielsweise Festsälen.

Warum Streuobstwiesen schützenswert sind

Thekla Walker (Grüne), die baden-württembergische Umweltministerin, gratulierte Holderied und ihrem Team. Streuobstwiesen zählten zur Kulturlandschaft Baden-Württembergs. „Sie weisen eine hohe Artenvielfalt auf, die wir erhalten wollen“, betonte die Ministerin. „Beate Holderied hat sich in ganz besonderem Maße in den letzten zwei Jahrzehnten für Streuobstwiesen eingesetzt, indem sie sie erlebbar und erfahrbar gemacht hat.“ Nach dem Motto: Was man kennt, schützt man eher.

Beate Holderied hat die Streuobst-Pädagogik ins Leben gerufen. /sts

Wie alles anfing und wie es sich entwickelt hat, darüber berichteten Holderied und Annegret Stötzer-Rapp. Die beiden sind die Geschäftsführerinnen der neu gegründeten Akademie, einer gemeinnützigen GmbH. Stötzer-Rapp saß für die Grünen im Herrenberger Gemeinderat und im Böblinger Kreistag. Sie zählt zu den ersten Streuobst-Pädagogen, die Holderied ausbildete.

Wie alles begann

Die Keimzelle liegt im Jahr 2003. Da schlug Holderied der Grund- und Hauptschule in Weil im Schönbuch, die ihre Tochter besuchte, vor, mit den Kindern auf die Streuobstwiese zu gehen. Gesagt, getan. Daraus etablierte sich das Klassenzimmer im Grünen. Was das bedeutet? „Wir gehen raus und riechen, schmecken, hören, fühlen“, sagte Holderied. „Wenn das Klettenlabkraut an einem kleben bleibt, kann man sich viel besser an den Namen erinnern.“ Die Kinder erleben die Streuobstwiesen zu jeder Jahreszeit. Sie lernen Tiere und Obstsorten zu identifizieren, zu mähen, zu ernten und die Früchte zu verarbeiten – um nur einige Ausschnitte zu nennen.

Feiern die Gründung: Michael Eick, Leiter der Umweltakademie, Beate Holderied, Thekla Walker, Annegret Stötzer-Rapp und Vize-Landrat Martin Wuttke. /Umweltakademie Stuttgart

„Es blieb aber nicht bei dem Projekt in Weil im Schönbuch“, fuhr Stötzer-Rapp fort. 2011 wurde die Böblinger Streuobst-Schule gegründet und Holderied bildete die ersten 30 Streuobst-Pädagogen aus, inzwischen seien es 1000 in ganz Deutschland. Ein Jahr später, 2012, wurde der Streuobst-Pädagogen-Verein mit Sitz in Weil im Schönbuch gegründet. Regionalgruppen des Vereins verteilen sich inzwischen über ganz Deutschland, und an 400 Schulen in 13 Landkreisen in Baden-Württemberg sind laut Holderied Streuobst-Pädagogen im Einsatz.

Kritiker und Unterstützer

Das klingt nach einem Weg, der stets nach oben geführt hat. Holderied ließ aber durchblicken, dass es nicht nur einfach war. Umwelt – beziehungsweise Streuobst-Pädagogik wurde belächelt, immer wieder fehlten Finanzierungsmöglichkeiten und: „Naturschutz und Obstbau standen sich vor 20 Jahren ziemlich unversöhnlich gegenüber.“ Das hat sich offenbar geändert und es gab auch immer Unterstützer. Wie das Landratsamt, das 2012 zu ihr gesagt habe: „Wir wollen, dass jedes Kind in den Schulen im Kreis einen Jahreszyklus auf den Streuobstwiesen miterlebt.“ Noch heute fördert der Landkreis Böblingen, zusammen mit der Kreissparkasse, den Unterricht auf der Streuobstwiese.

Nun gibt es sogar eine Akademie. Sie ist, trotz ihres Namens, vorerst nur bundesweit aktiv, das Internationale könnte aber noch kommen. Holderied nannte erste Kontakte nach Österreich und in die Schweiz. Außerdem sieht sie Potenzial im Elsass und in Südtirol. Von der Gründung der ISA verspricht sie sich eine Institutionalisierung ihres Konzepts. „Ich werde dieses Jahr 60 und war die einzige, die Streuobst-Pädagogen ausbildet.“ Den Namen „Streuobst-Pädagoge“ habe der Verein schützen lassen, als Qualitätsmerkmal. Es darf sich also nicht einfach jeder so nennen und eben auch nicht ausbilden.

Die Akademie soll nun dafür sorgen, dass weitere Ausbilderinnen und Ausbilder dazu kommen und Menschen als Streuobst-Pädagogen geschult werden. Die Qualifikation zum Ausbilder erfolgt nach einem, zusammen mit der Umweltakademie erarbeiteten, Curriculum. „Wir müssen Multiplikatoren heranziehen, die das weiterführen. Es soll weitergehen“, hofft Holderied. Und das tut es: Im Februar oder März sollen die ersten Absolventen der Akademie bereit sein, neue Streuobst-Pädagogen auszubilden.

Grundgedanken und Artenvielfalt

Leitbild der Akademie
Das Leitbild sieht unter anderem vor: Streuobstwiesen zu schützen und zu erhalten, dass diejenigen, die sie pflegen, Wertschätzung erfahren sollen, Verständnis für den Zusammenhang von Mensch und Umwelt zu schaffen und Kinder, aber auch alle anderen, durch eigenes Tun für Streuobstwiesen zu begeistern.

Streuobstwiesen
sind eine vom Menschen geschaffene Landschaft, die laut Bund für Umwelt und Naturschutz mehr als 5000 Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bietet. Sie verbinden demnach die Eigenschaft lichter Wälder mit den Eigenschaften blühender Wiesen

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