Frankfurt - Man stelle sich vor: eine Bausünde der Nachkriegszeit, ein Gebirgsmassiv des technokratischen Denkens, allen verhasst, aber scheinbar unabänderliche, in Waschbeton gegossene Realität, verschwindet von der Bildfläche und macht einem verwinkelten, romantischen Stück Stadt Platz, in dem die Gassen und Plätze Hinter dem Lämmchen und Hühnermarkt heißen. Was sich in Frankfurt zugetragen hat, ist ein mittleres Wunder – mindestens! Nicht nur, weil dieses überdimensionierte, mit der ganzen Traditionsverachtung der Moderne neben den Dom geklotzte Technische Rathaus aus dem Jahr 1972 tatsächlich abgerissen wurde, sondern weil die Stadtgesellschaft sich mit ihrem Wunsch nach einer Wiederkehr der Altstadt durchgesetzt hat.
Die Geburtswehen waren heftig. Kaum ein Stadterneuerungsprojekt stand in letzter Zeit so in der Kritik wie das Dom-Römer-Areal. Die einen wetterten gegen die Disney-Kulissen, die anderen gegen Flachdach-Apologeten. Zuletzt gingen die Wogen in diesem Jahr noch einmal so richtig hoch, als der Stuttgarter Architekturprofessor Stephan Trüby die Entstehung der neuen Frankfurter Altstadt auf neovölkische Umtriebe zurückführte: Die ultrarechte Ein-Mann-Fraktion BFF (Bürger für Frankfurt) habe mit ihrem Antrag, einige Bauten „stilecht“ zu errichten, den Anstoß zum Wiederaufbau des Quartiers gegeben, was nach Meinung des Autors übel nach Geschichtsrevisionismus und Identitätspolitik mit architektonischen Mitteln roch. Aber es war ein SPD-Mann, der in der Debatte ein „Recht auf Fachwerk“ reklamierte, und es war eine Mehrheit von CDU, Grünen, FDP und BFF, die letztlich für die Rekonstruktion eines halben Dutzends Altstadthäuschen votierte, so dass zutrifft, was der Frankfurter Architekt Till Schneider sagt, dessen Büro Schneider und Schumacher die Gesamtbaumaßnahme koordiniert hat: „Die neue Altstadt ist Ergebnis eines demokratischen Entscheidungsprozesses.“
Hände weg vom Stadtgrundriss!
Es muss in der Tat eine Art Phantomschmerz wirksam gewesen sein, dass die Frankfurter gegen den städtebaulichen Wettbewerbsentwurf von 2005 revoltierten. Damals hatte die Stadt zwar schon den Beschluss gefasst, das Technische Rathaus zu schleifen, wollte das Areal aber „am Stück“ an einen Investor verscherbeln, der es mit Investorenarchitektur bebauen wollte – wie es heutzutage halt so gemacht wird. Doch obwohl die Bombennächte des März 1944, als das Frankfurter Zentrum in Schutt und Asche gelegt wurde, mehr als ein halbes Jahrhundert zurücklagen und viele Bürger die Vorkriegsstadt gar nicht mehr aus eigener Anschauung kennen, scheint es doch so etwas wie ein „instinktives Richtig-Lesen der noch so überschriebenen Vergangenheit“ zu geben, wie der Architekturkritiker Dieter Bartetzko, Nietzsche zitierend, vermutete. Hände weg vom Stadtgrundriss!, war eine oft wiederholte, zwar nicht auf Frankfurt gemünzte, aber passende Mahnung des Stuttgarter Architekten Max Bächer. Dieses offenbar überzeitliche Stadtgedächtnis und der Umstand, dass die Öffentlichkeit die Nase voll hatte von der Trostlosigkeit natursteinbehängten Renditegebaues, führten zu einem Proteststurm, an dessen Ende sich das Frankfurter Mirakel ereignete: der Beschluss, die Altstadt Stück für Stück und Parzelle für Parzelle wieder aufzubauen.
Kein Zweifel, was seitdem für 272 Millionen Euro zwischen Dom und Römer errichtet wurde, ist eine museale Inszenierung. Insgesamt 35 Häuschen – 15 Rekonstruktionen und zwanzig historisierende Neubauten –, geplant von zwanzig Architekten und gruppiert um ein paar Straßenzüge zu Füßen des sandsteinroten St.-Bartholomäus-Doms, in dem einst die deutschen Kaiser gekrönt wurden: eine winzige Traditionsinsel, in der sich geschwungene Giebel, geschnitzte Konsolen, originale Spolien, Säulen und Portale, Figurenschmuck und Fachwerk zu einer Postkartenidylle vereinen, so allerliebst und proper, wie dieses Viertel nie war.
Bildstörungen an allen Ecken und Enden
Was fehlt, ist die Enge, der Gestank, der Lärm, der Dreck von früher, aber die sind nun einmal nicht rekonstruierbar. Und selbst wenn diese gute Stube in ein paar Jahren Patina angesetzt haben wird – auf Bildstörungen stößt man an allen Ecken und Enden. Mal befindet sich ein U-Bahn-Aufgang dort, wo ein Hauseingang sein sollte, mal erblickt man durch eine offene Tür den Aufzug dahinter, in manchem Hinterhof hat sich der eine oder andere stilfremde Balkon eingeschlichen, und die Brandmelder sind auch nicht zu übersehen. Leicht bizarre Züge nimmt die Sache an, wenn die Retro-Optik mit den Bauvorschriften anno 2018 zusammenstößt, wie beim Haus am Markt mit der Nummer 7, hinter dessen Butzenhäuschenfassade sich nur die vorgeschriebene Fluchttreppe für die benachbarte „Goldene Waage“, das Paradestück des Quartiers, befindet. Nicht zu vergessen, dass das komplette Dom-Römer-Areal auf der Tiefgarage des dahingeschiedenen Technischen Rathauses ruht – so weit, dass man sich von Parkplätzen getrennt hätte, ging die Liebe zur guten alten Zeit dann doch nicht.
Und natürlich ist auch die soziale Mischung alles andere als „originalgetreu“. Rund 200 Leute sollen künftig hier leben. Das ist zwar eine hohe Dichte, aber die Wohnungen sind teuer, der Quadratmeter kostet zwischen 4800 und 7000 Euro, wohlhabende Bewohner bleiben im Dom-Römer folglich unter sich. In seiner Sozialstruktur ist Alt-Frankfurt daher sehr Neu-Frankfurt. In „niedriger Häuser dumpfen Gemächern“, von denen Goethe sprach, dessen Tante am Hühnermarkt wohnte, müssen jetzt besser verdienende Eigentümer und Mieter mit den beengten Verhältnissen zurechtkommen, welch ein Luxus! Und mit den Touristenscharen, die das Viertel überrennen werden. Immerhin achtet das Quartiersmanagement darauf, dass sich in den Erdgeschosszonen keine Systemgastronomie und keine Souvenirshops einnisten, doch zwischen Spielzeugläden, Hutsalons und Dessousgeschäften wünschte man sich wenigstens ein oder zwei türkische Dönershops wie am Bahnhof, damit man sich nicht vorkommt wie im ZDF-Herzkino.
Die Kleinteiligkeit ist echt
Und doch wäre es verfehlt, dieses Stück Stadtreparatur als Hokuspokus abzutun. Denn die Kleinteiligkeit des Ensembles ist nicht vorgetäuscht wie am Frankfurter Römerberg, wo in den achtziger Jahren ja schon einmal ein bisschen Altstadt auferstanden war – was im Getümmel der aktuellen Debatten völlig in Vergessenheit geriet –, nur dass die lauschigen Fachwerkfassaden dort einer Neubauzeile vorgeblendet wurden. In der neuen Altstadt tun die Häuser dagegen nicht nur so als ob sie einzelne Häuser wären, es sind de facto einzelne Häuser auf einzelnen Parzellen, und dies in so hoher Material- und Ausführungsqualität, dass daneben die moderne Architektur der Schirn-Kunsthalle mit ihren Travertintapeten auf einmal bemitleidenswert klapprig wirkt.
Zukunftweisend ist an diesem Stadtbauexperiment überdies die städtische Dichte, die unter Nachhaltigkeitsaspekten besonders heute wieder als erstrebenswert, aber letztlich unwiederbringlich gilt, weil Abstandsnormen und der ganze baugesetzliche Overkill der Jetztzeit sie verhinderten. Hier wurde sie gewagt und – mit ein paar Verrenkungen – auch gewonnen. Daraus folgt, dass das auch an anderer Stelle geht, ohne dass dabei immer historische Kulissen nachgebaut werden müssen. „Wir würden uns eigentlich nur wünschen, Quartiere mit einem so hohem Anspruch an die architektonische und stadträumliche Qualität auch anderswo planen zu dürfen“, sagt Till Schneider, wahrlich kein Anwalt des Traditionalismus in der Architektur, über seine Erfahrungen mit dem Projekt Neue Altstadt.
Und schließlich zeichnet sich in dieser Wiederherstellung eines verlorenen Stadtraums eine programmatische Abkehr von der rein funktional und verkehrsgerecht geplanten Stadt der Nachkriegszeit hin zu urbanen Strukturen ab, zu Plätzen, Höfen, Wegebeziehungen, so wie es Ulm mit seiner Neuen Mitte und moderner Architektur vor Jahren schon vorgemacht und Frankfurt nun ebenfalls hingekriegt hat, hier unter Einsatz einer vollen Dröhnung Nostalgie. Von Frankfurt lernen heißt sein Möglichkeitsdenken aktivieren lernen, den Aufbruch wagen. Dann kann politischer Wille Betonmonster besiegen, ob in Gestalt Technischer Rathäuser oder – aufgemerkt, Stuttgart! – in Form von Stadtautobahnen.