Neue Amazon-Serie: „Doom Patrol“ Eine ganz besondere Gurkentruppe

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Die Superheldenserie „Doom Patrol“ bei Amazon Prime bemüht sich gar nicht erst um den Anschein des Seriösen und Normalen. Die Hauptfiguren besitzen eher Schäden als Kräfte. Und die Welt um sie her gerät immer wieder gründlich aus den Fugen.

Eher zweifelhafte Helden (v. li): Rita Farr (April Bowlby), Larry Trainor (Matt Bomer), Cliff Steele (Riley Shanahan) und Crazy Jane (Diane Guerrero) Foto: Warner Bros./Jace Downs 15 Bilder
Eher zweifelhafte Helden (v. li): Rita Farr (April Bowlby), Larry Trainor (Matt Bomer), Cliff Steele (Riley Shanahan) und Crazy Jane (Diane Guerrero) Foto: Warner Bros./Jace Downs

Stuttgart - Der Typ mit der Salatschleuder auf dem Kopf?“ Diese Nachfrage gilt keinem besoffenen Partyclown, auch keinem Opfer eines Küchenunfalls. Sie weist auf einen Superhelden, der einen Spezialhelm zur Verstärkung seiner rücksichtslos eingesetzten Geisteskräfte trägt. Aber Respektlosigkeit ist Geschäftsgrundlage der neuen, etwas anderen Superheldenserie „Doom Patrol“, deren erste Staffel – fünfzehn einstündige Folgen – nun komplett beim Streamingdienst Amazon Prime Video abgerufen werden kann.

„Noch mehr Fernseh-Superhelden. Genau das, was die Welt jetzt braucht. Seid ehrlich, Ihr würdet euch am liebsten vor Freude erhängen“, mault uns gleich zu Beginn der ersten Folge der Erzähler der Geschichte an. Dabei spielt er selbst sogar mit, als Mr. Nobody, als meist unsichtbarer Schurke im Hintergrund. Von den Guten erzählt also ungewöhnlicherweise ein Böser, und der macht gleich patzig subversiv klar, dass die Figuren sich bewusst sind, Teil einer TV-Serie zu sein.

Daraus wird im Fortgang der Geschichte zwar nicht viel Kapital geschlagen, aber nicht unbedingt deshalb, weil den Drehbuchautoren der Gag zu heikel erschiene. Vielmehr ist die Supercrew Doom Patrol vor allem eine Gurkentruppe. Ihre Mitglieder haben einfach so viele andere Probleme, dass sie sich um ihre gelegentlich aufblitzende Erkenntnis, fiktive Figuren zu sein, nicht auch noch intensiv kümmern können.

Kräfte einer Schrottpresse

Cliff Steele zum Beispiel war bis zu einem verheerenden Unfall Rennfahrer. Danach hat man sein Gehirn in einen klobigen Metallkörper umgefüllt, der wie die überlebensgroße Hobbyschweißervariante eines Kinderspielzeugs der fünfziger Jahre aussieht. Nun besitzt Steele zwar die Kräfte einer Schrottpresse, er kann aber nichts mehr riechen, schmecken, tasten, nicht trinken, essen oder gar küssen. Nur die nicht sinnengebundenen Gefühle sind noch da, eingesperrt wie Dampf in einem Kessel, die quälenden Erinnerungen an seine Familie etwa. Brendan Fraser spielt diesen Steele vor dem Unfall, der größer gewachsene Riley Shanahan steckt im Roboterkostüm.

Die Ex-Hollywooddiva Rita Farr (April Bowlby) würde sich so eine unflexibel-stabile Schale allerdings sehr wünschen. Farr ist seit einem seltsamen Zwischenfall bei Dreharbeiten eigentlich nur noch ein puddingartiger Gewebeklumpen. Nur mit äußerster, immer wieder versagender Willensanstrengung kann Farr ihr Gewebe in Menschenform zwingen.

Multipel schizophren

Sorgen um fremde Blicke auf seine wahre Gestalt muss sich der frühere Testpilot und Beinahe-Astronaut Larry Trainor (Matt Bomer) keine machen. Sein bei einem Absturz schwer verbrannter Körper ist fest in Binden gewickelt wie eine altägyptische Mumie. Aufrecht gehalten wird der zerstörte Körper von einem Untermieter, einem Energiewesen, das bei einem Extremhöhenflug kurz vor dem Unglück in Larry eindrang. Der bandagierte Körper von Larry klappt nun aber regelmäßig zusammen wie eine Marionette mit zertrennten Fäden, wenn der Untermieter nach draußen flitzt.

Crazy Jane (Diane Guerrero) wenigstens hat keine körperlichen Beschwerden. Leider ist sie multipel schizophren, zerfällt in 64 miteinander rangelnde Persönlichkeiten, von denen jede ihre eigene Superkraft besitzt. Zu dieser Kerntruppe kommen der im Rollstuhl sitzende Niles (Timothy Dalton), der die einzigartig Beschädigten um sich versammelt hat, der junge Superheld Cyborg und andere bizarre Helfer und Widersacher. Es geht der vom „Supernatural“-Produzenten Jeremy Carver verantworteten Serie darum, das Absurde der Figuren sichtbar zu halten und die Welt um sie her mit deren Albernheit anzustecken.

Entfesselter Nonsens

„Doom Patrol“ gehört ins DC-Universum. Aber wo etablierte DC-Serien wie „The Flash“ und „Arrow“ ihre aus der Normalität herausplatzenden Helden wieder in die Normalität zurückzwingen wollen, feiert der Neuling das Schräge, Nonsenslogische, Kapriolenhafte. In der DC-Serie „Titans“ tauchte die Doom Patrol kurz auf, hier wird sie nun entfesselt.

Der Nachteil dabei: Passiert einmal nichts begnadet Verrücktes, kommen einem konventionelle Momente gleich doppelt fade vor – gleich die zweite Folge hat abschreckend lahme Strecken. Aber wer sich durchkämpft, wird immer wieder mit wunderbaren Verrücktheiten belohnt, mit einer sprechenden Küchenschabe etwa. Die möchte bei den genretypischen Superkämpfen, die wie üblich heftige Kollateralschäden am bürgerlichen Amerika verursachen, mit verzückt emporgereckten Beinchen den Weltuntergang herbeipredigen. Fast so, als hätten die Serienmacher vorab die Brexit-Satire „The Cockroach“ des Briten Ian McEwan lesen dürfen: in der übernehmen Küchenschaben die Körper britischer Spitzenpolitiker, um Chaos zu schaffen.

Amazon Prime Video,
alle 15 Folgen der ersten Staffel bereits abrufbar