Neue Außenklasse im Rems-Murr-Kreis Für autistische Schüler schließt sich eine Lücke

An der Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule in Schwaikheim entsteht eine Außenklasse für Autisten ab der fünften Klasse. Foto: /Gottfried Stoppel

Die sonderpädagogische Einrichtung Bodenwaldschule Winnenden richtet ab kommendem Schuljahr an der Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule Schwaikheim eine Außenklasse für Autisten ab Klasse 5 ein – eine Premiere.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Die ersten Überlegungen liegen bereits vier Jahre zurück. Schon 2019 erhielt die Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule Anfragen, ob sie sich die Einrichtung einer Außenklasse für Autisten vorstellen könnte – schließlich hatte die Schwaikheimer Schule schon mehrfach Erfahrung mit Einzelinklusion und auch schon Ahnung von der Schulbegleitung autistischer Schüler. „Die Idee, mit der Bodenwaldschule zu kooperieren, gefiel uns auch sofort. Aber wir hatten akute Raumnot und mussten auf die Zeit vertrösten, wenn der Neubau steht“, sagt die Schulleiterin der Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule, Heike Hömseder.

 

Die Kooperation musste warten, bis der Gemeinschaftsschul-Neubau fertig war

Besagter Neubau verzögerte sich zwar wegen der Pandemie, doch längst ist er in Betrieb. Nun wurden Nägel mit Köpfen gemacht, und die Verantwortlichen trafen sich im Schulcafé, um den Kooperationsvertrag für die Außenklasse für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung zu unterzeichnen. Damit wird es amtlich: Die Bodenwaldschule richtet ab September an der Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule eine Außenklasse für Autisten ab Klasse 5 ein. Damit ist sie die erste Einrichtung für Kinder an weiterführenden Schulen im ganzen Kreis, womit eine Lücke geschlossen wird, die autistischen Kindern Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Aktuell gibt es „nur“ eine Autisten-Außenklasse für Grundschüler an der Grundschule in Berglen-Oppelsbohm.

Bisher fehlte nach Klasse 4 der Übergang für die betroffenen Kinder

Nach Klasse 4 werden die Kinder aktuell wieder an der Bodenwaldschule unterrichtet. „Da hat bisher der Übergang gefehlt. Viele Eltern traten mit der Frage an uns ran, wohin ihre Kinder jetzt gehen sollen“, sagt der Sonderschulrektor der Bodenwaldschule, Gottfried Götz, und fügt an, dass er glaube, die Bodenwaldschule sei mit „zehn Jahren Erfahrung mit Autismus“ der richtige Partner.

Denn die Winnender Einrichtung ist die einzige Schule für Erziehungshilfe im Kreis. Sie befindet sich in Trägerschaft der Paulinenpflege Winnenden und ist Kooperationspartner des Jugendhilfeverbundes. Sie ist eine sonderpädagogische Einrichtung mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Für Autisten gibt es an der Bodenwaldschule eine eigene Klasse, die in der Grundschule in Berglen-Oppelsbohm ihr Zuhause hat. „Wir wissen, diese Schüler brauchen einen sicheren Ort und ritualisierte Abläufe, um ihr Potenzial zu entwickeln. Zudem sind beim Autismus die Auffälligkeiten extrem unterschiedlich und individuell, das muss Raum bekommen“, sagt Götz.

Darauf soll in dem von der Gemeinde und dem Staatlichen Schulamt geförderten Kooperationsprojekt flexibel eingegangen werden. Gestartet wird mit drei Schülern, die einen eigenen Raum abseits des Schultrubels nutzen werden. „Je nach Tagesform der Schüler wird es eine Öffnung, heißt eine Kooperation mit einer der zwei Fünfer-Klassen geben, die darauf vorab vorbereitet wird“, sagt Heike Hömseder. Sowohl sie als auch Vize-Rektorin Julia Hauslaib sowie das Kollegium seien froh, bei dem Lernprozess von Sonderpädagogen unterstützt zu werden.

Vermeintlich normale Geräusche können einen Autisten extrem stressen

Das bekräftigten sie einmal mehr als Sonderschulrektor Götz sowie Andreas Maurer, Geschäftsführer der Paulinenpflege, erklärten, wie sensibel die Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung teils auf vermeintlich normale Geräusche und Abläufe reagierten. „Es kann sein, dass das Rauschen einer Lampe, das Brummen einer Heizung oder Musik aus dem Nebenraum einen Schreianfall auslösen. Zudem müssen diese Schüler oft mühsam lernen, wer zu ihrer Gruppe gehört, um sich dann diesen Mitschülern zu öffnen.“ Deshalb sei im Hinblick auf spätere Inklusion, Teilhabe und beruflichen Erfolg oftmals davon abzuraten, Kinder direkt in eine Regelschule mit Schulbegleiter zu geben. „In so einer Außenklasse haben sie einen ganz anderen sicheren Rahmen. Der Bedarf ist steigend. Aktuell gibt es im Kreis 120 autistische Kinder, die Hilfe brauchen“, sagt Götz.

Passend dazu bezeichnete Schwaikheims Bürgermeisterin Astrid Loff die Kooperation als einen „gewaltigen pädagogischen Kraftakt“, der sie sehr glücklich mache: „Hier gelingen Leben, Schulerfolg und Teilhabe. Es ist toll, dass wir so etwas jetzt in Schwaikheim haben und damit eine wichtige Lücke im Bildungsangebot des Kreises schließen.“

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