Neue Ausstellung im Fleischermuseum Eine Edelboutique mit blutigen Waren

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Die Multimedia-Künstlerin Anna McCarthy hat ein Stockwerk des Fleischermuseums übernommen: Sie zeigt Videos, Installationen, Collagen und jede Menge schwarzen Humor. Ein Film wurde speziell für die Ausstellung gedreht.

Ein Mantel für Fleischhändler: Der Meat-Dealer-Coat macht Fleisch zur Schmuggelware. Foto: factum/Andreas Weise 7 Bilder
Ein Mantel für Fleischhändler: Der Meat-Dealer-Coat macht Fleisch zur Schmuggelware. Foto: factum/Andreas Weise

Böblingen - Anna McCarthy bringt Handtaschen zum Sprechen, verarbeitet Jungs zu Pizza und platziert das Chanel-Logo auf einem Hintern. Im Deutschen Fleischermuseum zeigt die Künstlerin ihre „Bloodless Boutique“. Und die Besucher können sich auf etwas gefasst machen: jede Menge schwarzen Humor. „So ist das bei meinen Arbeiten“, sagt die britische Münchnerin. Weil darin immer wieder „fleischige und blutige Ernährungsthemen auftauchen“, hat der Museumsleiter Christian Baudisch die Künstlerin nach Böblingen geholt. Für ihre Arbeiten wurde der gesamte zweite Stock freigeräumt.

Ein Video eigens für Böblingen

„Bloodless Boutique“ ist eigentlich der Titel eines Kurzfilms, den Anna McCarthy speziell für das Fleischermuseum fertigte. Als unzufriedene Kundin tritt sie in dem vier Minuten langen Streifen auf, die ihre Edelhandtasche zurückgeben will. Sie habe eine seltsame Aura, lautet ihre Begründung. Wenn sie die Tasche trage, gehe es ihr schlecht. Die Verkäuferin holt daraufhin ein Ohr aus einer Kiste. Mit dem könne sie in die Tasche hineinhören, erklärt sie. So erhalten die Tiere, die für das Leder unter schrecklichen Umständen aufgezogen und geschlachtet werden, eine Stimme und erzählen den ganzen Horror hinter dem Geschäft mit den Luxusgütern. „Ich versuche, das Thema mit einer Leichtigkeit aufzugreifen, obwohl es ziemlich schwer ist“, sagt Anna McCarthy.

Ein Meat-Dealer-Coat zählt zu den Waren ihrer Boutique, der beim Öffnen nicht teure Uhren oder Konzerttickets offeriert, sondern verschiedene Fleischstücke. Sie hat mit schwarzer Farbe einen nackten Hintern mit dem Chanel-Logo verziert – und davon einen Abdruck auf Papier gemacht. In einem kleinen Raum steht ihre People-Killing-Pizza-Machine, die Menschen tötende Pizzamaschine. Das Gerät hatte sie sich schon als Achtjährige ausgedacht, allerdings, um damit nervige Jungs zu zerstückeln. Nun griff sie die Idee wieder auf und fertigte mit ihrem Vater, der Ingenieur von Beruf ist, eine technische Zeichnung davon an. „Es soll nicht wirklich funktionieren“, beschwichtigt die Künstlerin vorsichtshalber.

Die ganze Palette ihrer Arbeit

Im Fleischermuseum zeigt Anna McCarthy die ganze Palette ihre Arbeit: Videos, Installationen, Malerei, Grafik und Objekte. Wie in einer Boutique gibt es in jedem Raum Sitzgelegenheiten, in jedem hat sie einen thematischen Mikrokosmos geschaffen. Ein Zimmer ist beispielsweise der Wohnungsnot in München gewidmet. Dort ist im Fernseher ihre Protest-Performance zu sehen sowie das schrille Kostüm, das sie dabei trug, und der zur Demonstrationsmaschine umgebaute Kinderwagen, den sie vor sich herschob. Die sexuellen Übergriffe in einer Silvesternacht und ihre mediale Verarbeitung greift sie ebenso auf wie den Vegetarismus. Denn ihre „Bloodless Boutique“ steht auch für die Bezeichnung der fleischlosen Ernährung während der Lebensreform-Bewegung, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts von Deutschland und der Schweiz ausging, als „blutlose Diät“.

Christian Baudisch nennt die neue Ausstellung einen „multimedialen künstlerischen Rundumgroßangriff auf alle Sinne der Betrachter“. Sie solle ein Augenschmaus sein, Spaß machen und ästhetisch-kritische Inhalte vermitteln. Mit Anna McCarthy ist es ihm wieder gelungen, die Inhalte des Fleischermuseums auf einer Metaebene weiterzuspielen. Sie selbst hat den Ort auch als passend empfunden: „Spätestens wenn ich die Künstler da habe, nimmt mir das Haus die Überzeugungsarbeit ab“, sagt Baudisch über die Anziehungskraft des Museums. Die „Bloodless Boutique“ bleibt bis 29. März 2020 geöffnet.