Neue Ausstellung in der Böblinger Galerie Eine Feier der Frauenkunst

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Die Städtische Galerie widmet mit „Netzwerkerinnen der Moderne“ eine weitere Ausstellung der Arbeit von Künstlerinnen. Zu sehen sind vor allem Werke aus der Gegenwart, die teilweise speziell für die Zehntscheuer geschaffen wurden.

Ein gefährlicher Schuh von Julia Schrader: die Künstlerin spielt mit Rollenklischees. Foto: factum/Simon Granville 11 Bilder
Ein gefährlicher Schuh von Julia Schrader: die Künstlerin spielt mit Rollenklischees. Foto: factum/Simon Granville

Böblingen - Frauen durften früher als anderswo an der Stuttgarter Akademie Kunst studieren. „Liberal waren die Schwaben“, sagt Corinna Steimel. Aber diese Haltung bewahrten sie nicht lange: Auf die erste Zulassung von weiblichen Kommilitonen im Jahr 1864 folgten schnell Proteste ihrer männlichen Kollegen. Daraufhin wurden sie in eigene Klassen abgeschoben. Dieses Thema hat der Leiterin der Böblinger Galerie einen Publikumserfolg eingebracht. Ihre Ausstellung „Die Klasse der Damen“ zog 3500 Besucher und viel Aufmerksamkeit an. Seither beschäftigt sie die Frauenkunst. Mit „Netzwerkerinnen der Moderne – 100 Jahre Frauenkunststudium“ eröffnet sie nun eine Folgeerscheinung davon. Aber dieses Mal stehen die Damen der Gegenwart im Mittelpunkt.

Seit 1919 an den Kunstakademien zugelassen

Erst seit 1919 dürfen Frauen ohne Einschränkungen an deutschen Kunstakademien studieren. „Was sie in den vergangenen 100 Jahren erreicht haben, ist fantastisch“, findet Corinna Steimel. Ihre Ausstellung soll deshalb eine Feier der Frauenkunst sein. Um die Teilnahme haben sich mehr als 150 Künstlerinnen beworben, die entweder im Bund Bildender Künstlerinnen Württembergs (BBK) oder in der Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfreunde (Gedok) Mitglied sind. Eine Jury, der unter anderem die Stuttgarter Malereiprofessorin Cordula Güdemann angehörte, wählte 25 davon aus, die Galerieleiterin fünf weitere. „Akt und Anspruch auf Raum“ waren die gefragten Themen – ehemalige Tabus, die sich frühere Künstlerinnengenerationen nicht erlauben durften. Ihnen gegenüber stehen in der Ausstellung zehn ihrer Vorgängerinnen, die sich im „patriarchalischen Kunstbetrieb“ behaupten mussten.

Gleich im Erdgeschoss nimmt Nina Joanna Bergold mit ihrem Scherenschnitt aus Teichfolie viel Raum ein: Ihre Arbeit wurde über die Mitte der Ausstellung gespannt und zeigt passenderweise ein Netzwerk von Frauen. Iris Flexer lässt scheinbar 90 Buchseiten zu Boden flattern – sie hängen e an unsichtbaren Fäden. „Das Buch steht stellvertretend für unsere Kultur, die sich auflöst und sich bewegt“, erklärt die Künstlerin. Daneben hat Karima Klasen zwei große Leinwände bemalt, die vordere mit grellen Neonfarben, die hintere in Schwarz und Weiß. Die Besucher sollen dazwischen durchgehen und die unterschiedlichen Wirkungen erfahren: erst Aufwühlung, dann Abkühlung.

Kunstvoll Rollenklischees aufgegriffen

Die Rollenklischees von Frauen hat die mittlerweile verstorbene Julia Schrader aufgenommen: Ihre Stöckelschuhe bestehen aus scharfen Zähnen und in einem durchsichtigen Kinderwagen liegt kein Baby, sondern unheimlich anmutende Gewächse sprießen empor. Zwei Frauen beim Stangentanz hat Friederike Just mit viel Schwarz gemalt. Schon immer ziehe sie der Frauenkörper und sein Inhalt in den Bann, erklärt sie. Die Frau spiele viele Rollen – als Mutter, als Berufstätige, als Geliebte. „Deshalb habe ich mich hier sehr zugehörig gefühlt“, erklärt sie ihre Bewerbung für die Ausstellung.

Yvonne Rudisch steuert Collagen aus einem Yogabuch aus den 1980er Jahren von der Schauspielerin Raquel Welch bei. Kopflose Figuren hat sie daraus erschaffen, eigene Wesen. „Wir sind alle einzigartig, es gibt kein Schönheitsbild“, ist ihre Botschaft. Auf dem gleichen Stockwerk hängen die Materialkunstbilder von Dodo Stockmayer, die vor langer Zeit mit Fundstücken, Schrauben, Federn, Muscheln, Steinen und Ästen eine Dame mit einem Riesenhut dargestellt hat.

Von Hanne Schorp-Pflumm, die von 1921 bis 1990 gelebt hat, werden Büsten berühmter Zeitgenossen wie Lothar Späth oder Thaddeus Troll gezeigt. Und daneben drehen sich Kochlöffel in einer Reihe von grauen Töpfen von Anja Luithle. „Die Ausstellung darf nicht als ein Gegeneinander verstanden werden, sondern als Übersicht“, erklärt die Galerieleiterin Corinna Steimel – zur Feier der Frauenkunst.

Vielfältige Vermittlung

Corinna Steimel organisiert „ein vielfältiges Vermittlungsangebot“ an. Unter anderem wird bei ihren After-Work-Führungen jeden Donnerstag stets eine der beteiligten Künstlerinnen anwesend sein. Außerdem organisiert sie ein Diskussionsforum mit der Stuttgarter Kunstakademie zum Thema „The State of the Female Art“, das zur Finissage am 19. April stattfindet. Zur Ausstellungstrilogie über die Frauenkunst „Die Klasse der Damen“, „Verkannt, verschollen ... unvergessen“ und „Netzwerkerinnen der Moderne“ erscheinen im April drei Kataloge, die Exemplare zu den vorherigen Schauen wurden völlig überarbeitet.




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