Deutsche Bahn: neue Outfits Warum die Arbeitskleidung der Bahn erfrischend konservativ ist

Bahn-Mitarbeiter in ihren neuen Uniformen. Guido Maria Kretschmer hat sie entworfen – Unterstützung bekam der Designer dabei von Angestellten des Unternehmens. Foto: dpa/Harry Vorsteher

Seit Kurzem tragen die Bahnmitarbeiter neue Dienstkleidung, die von einem bekannten Designer entworfen wurde. Neben den adretten Outfits sieht die Kundschaft in den Abteilen nun ganz schön verlottert aus.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Stuttgart - Hunderttausende Menschen schlüpfen tagtäglich in eine Berufsuniform, in der sie sich mehr oder minder wohlfühlen und die sie vor den Widrigkeiten ihrer speziellen Aufgaben schützen soll. Die Uniformierten erledigen in Krankenhäusern, auf dem Postfahrrad, auf Baustellen, im Polizeidienst, in der Abfallwirtschaft oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln ihre Aufgaben selten unbeobachtet. Sie sollen auch auffallen, angenehm zwar, aber doch in einer Art und Weise, dass man ihre Funktion rasch erkennt und hoffentlich auch respektiert.

 

Es geht eben nicht nur um die Strapazierfähigkeit der Nähte und die Luftdurchlässigkeit der Stoffe. Genauso wichtig sind zeitgemäße Schnitte – und eine Wiedererkennbarkeit der Corporate Identity, also des Unternehmensprofils. Die Kleidung ist die tragbare Visitenkarte eines Unternehmens.

Bahn-Arbeitskleidung von Guido Maria Kretschmer

In diesem Sinne hat die Deutsche Bahn vieles richtig bewerkstelligt, als sie 2017 den Designer Guido Maria Kretschmer gebeten hat, die Arbeitskleidung für mehr als 43 000 Beschäftigte neu zu entwerfen. Kretschmer ist einerseits bekannt durch seine Jurorentätigkeit in der Modesendung im Fernsehen „Shopping Queen“ (Vox). Andererseits ist der 55-Jährige ein Profi, wenn es um das Aufpeppen von Uniformen großer Konzerne geht: Neben Unternehmenskleidung für die Deutsche Telekom, Hotel Kempinski und Emirates Airlines produzierte er Millionen Anzüge für den Touristikkonzern Tui. Wer viel unterwegs ist, kommt um Guido Maria Kretschmers Kreativität praktisch gar nicht herum.

Äußerst klug war es in diesem Fall, die Angestellten in die Entwicklung der Arbeitskleidung einzubinden. Die Deutsche Bahn ist ja nicht irgendeine Firma. Jahrelang haben Guido Maria Kretschmer und ein „Expertenteam“ der Deutschen Bahn zusammengearbeitet.

Seit dem 1. August nun bewundert man als modisch interessierter Reisender in einem ICE, was gutes Design in einem herausfordernden Arbeitsumfeld bewirkt. Der erste Eindruck: Die Leute von der Bahn sehen erfrischend konservativ aus. Und das ist positiv gemeint. Man sieht in den Fern- und Nahverkehrszügen Männer in Anzügen mit Westen, die Frauen können auch ein Kostüm wählen; als Accessoires sind Krawatten oder Halstücher verfügbar. Die Stoffe wirken nicht billig, die meisten Stücke sollen den „Made in Green by Oeko-Tex“-Standard erfüllen, der schadstofffreie Materialien und eine umweltfreundliche Herstellung zertifiziert.

Ein Statement gegen den Zeitgeist

Die von den Mitarbeitern begünstigte Entscheidung für eine klassische Garderobe – man hätte sich auch geschlechtsunabhängige Jeans oder Overalls überlegen können – sind ein Statement gegen den Zeitgeist, der vom Zwang zur Gemütlichkeit bestimmt ist: Man trägt freiwillig Krawatte und Tuch, während anderswo die Vorstände ihre Binder im Schrank hängen lassen. An wenigen Arbeitsplätzen existieren noch Bekleidungskonventionen, in deutschen Büros darf ein Angestellter in Flip-Flops bis zur Rente schlurfen.

Kein Wunder also, dass die Kommentare eher zurückhaltend ausfallen: „Farbgebung und Zugeknöpftheit der Outfits erinnern eher an britische Internatsschülerinnen“, kommentierte eine Journalistin der „Süddeutschen Zeitung“, womit sie nicht unrecht hat. Das Zugeknöpfte war kluge Absicht und soll den Trägern ein sicheres Gefühl verleihen. Zum anderen hebt sich eine Zugbegleiterin durch ihre Garderobe vom Großteil ihrer auf Casual getrimmten Kunden positiv ab.

Ein Manko: Die Farbgebung der Outfits

Kretschmers Outfits adeln die Tätigkeit der Bahnmitarbeiter, seine Entwürfe stellen sie – mit Ausnahme der fehlenden Mützen – auf eine Stufe mit dem Personal der Lufthansa, wo ja auch die Corporate Identity einer Traditionsfirma durch einen konservativen Stil bei der Dienstkleidung betont wird. Zudem kann man bei der Bahn 51 Größen für alle möglichen Körpersilhouetten ordern – hier finden alle ihren Schnitt, so viel zum Thema Body Positivity. Zu Deutsch: Jeder Körper ist schön.

Das einzige Manko: die Farbgebung. Bordeaux ist das neue Signalrot, und wer nicht genau hinschaut, übersieht schon mal im Gedränge einen Schaffner. „Burgundy“ auf Dunkelblau ist als Farbkombination schwierig, zumal das Rot im Logo der Bahn nicht aufgenommen wird. Andererseits sind etwa die sonnengelben Farbakzente bei der Lufthansa oder ein aggressiv leuchtendes Grün wie bei der bayerischen Fahrradpolizei schon aus der Ferne sichtbar. Auch das gibt den Kunden und Bürgern Sicherheit und Orientierung. Man vermisst den Mut zum dynamischen Bahnrot von den alten Uniformen.

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