Neue CD Dreizehn Lieder über Goethes „Erlkönig“
Der Bariton Johannes Held und die Pianistin Doriana Tchakarova präsentieren 13 Lieder über Goethes „Erlkönig“. Warum man gar nicht anders als davon hingerissen sein kann.
Der Bariton Johannes Held und die Pianistin Doriana Tchakarova präsentieren 13 Lieder über Goethes „Erlkönig“. Warum man gar nicht anders als davon hingerissen sein kann.
Diese Pausen kennt man. Mit ihnen endet eine atemlose Reise: Einer hat atemlos das Unmögliche versucht, dem anderen stockt das Blut in den Adern. Der Vater reitet, das Kind ist tot. Schuberts Vertonung von Goethes „Erlkönig“ ist eines der ergreifendsten Lieder der Musikgeschichte. Auch Carl Loewes detailreich atmosphärische Version, die im Verlauf der Ballade immer wieder den Atem anhält und den Schluss als hochdramatische Pointe gestaltet, ist ziemlich bekannt. Doch ansonsten? Etwa vierzig weitere „Erlkönig“-Lieder hat die Pianistin Doriana Tchakarova bei ihrer internationalen Recherche entdeckt, darunter ein Beethoven-Fragment, das Ende des 19. Jahrhunderts vervollständigt wurde.
Eine Auswahl von elf Liedern ergänzt auf dieser CD Schuberts und Loewes Werke. Dass man beim Hören aus dem Staunen nicht herauskommt, liegt allerdings nicht nur an der Vielfalt der Stile und Deutungen und am mangelnden Bekanntheitsgrad der Werke, sondern auch an den Interpretationen der Stuttgarter Korrepetitions-Dozentin und des Baritons Johannes Held, den viele als Leiter des Sindelfinger Liedfestivals (früher: „Der Zwerg“) kennen dürften. In ausgefeilter Koordination setzt das Duo auf die Kraft des hochdramatischen Geschichtenerzählens und treibt sich dabei gegenseitig voran – mal kommt die befeuernde Energie aus dem Flügel, mal vom hell timbrierten Bariton, der sich im weiten Feld zwischen Ausdruck und Schöngesang im Zweifelsfall immer für Ersteres entscheidet. Sich gegen das Hingerissensein zu wehren, ist hier völlig zwecklos.
Die Programmfolge setzt auf eine Dramaturgie der Kontraste. Sie betrifft den Ausdruck der einzelnen Lieder ebenso wie deren instrumentale Einkleidung, die neben einem modernen Steinway auch zwei historische Flügel sowie eine romantische Gitarre (gespielt von Neo Gundermann) umfasst. Hinzu kommt eine Geige, die Louis Spohrs Vertonung um eine sehr eigene (und überaus magische) Dimension bereichert.
Der Berliner Komponist Carl Blum fasst Goethes Verse in einen leicht bizarr anmutenden Dreivierteltakt. Im „Erlkönig“ des Belgiers Émile Mathieu wechselt fortwährend das Kolorit, bei Louis Schlottmann ist am Ende auch das Pferd halb tot. Lieder zwischen Schlichtheit und Unbedarftheit haben Joachim Zelter (mit naiv-fröhlichen Klavierzwischen- und nachspielen und stark kontrastierenden Erlkönig-Passagen), Johann Friedrich Reichardt und Corona Schröter komponiert. Deutlich vielschichtiger sind die Versionen von Emilie Mayer (die dem Unheimlichen auch im Klavierpart viel Raum gibt und das Lied mit einem dramatischen Trauermarsch enden lässt) und von Carl Czerny (der bis zum opernhaften Finale drei unterschiedliche Sphären miteinander kontrastiert). Für eine zeitgenössische Musiksprache steht schließlich Stefan Schulzkis „Erlkönig“: Hier arbeitet die Pianistin mit den Saiten des Flügels, der Sänger verlässt das Versmaß – und das letzte Wort ist unbegleitet, mehr gehaucht als gesprochen: In seinen Armen das Kind war tot. Eine packende CD.
Erlkönig – 13 Vertonungen. Johannes Held (Bariton), Doriana Tchakarova (Klavier). Ab 8. Mai bei Écoutez Records.