Neue CDs mit zeitgenössischer Musik Zumutung, Poesie und theatralische Explosion

Von Susanne Benda 

Zeitgenössische Klänge sind nicht nur etwas für Spezialisten, sondern können richtig Spaß machen – auch wenn man sie nicht live hört. Eine Auswahl der interessantesten aktuellen Neue-Musik-CDs.

Das Klavierduo Grau-Schumacher Foto: Dietmar Scholz
Das Klavierduo Grau-Schumacher Foto: Dietmar Scholz

Stuttgart - Als der Komponist Enno Poppe sein neues Stück „Rundfunk“ gemeinsam mit acht weiteren Musikern seines Ensembles Mosaik bei den Donaueschinger Musiktagen 2018 uraufführte, verließen selbst Neue-Musik-erprobte Festivalbesucher in Scharen den Saal. Sie taten es mit sausenden Ohren, weil das Spiel von neun Synthesizern, die hier eine Stunde lang Klangmaterial ihrer analogen Vorfahren in- und übereinander schichten, oft ziemlich laut aus den Lautsprechern dröhnte. Und sie taten es erschöpft, weil diese rein elektronischer Musik, bei der die Interpreten auf der Bühne lediglich Regler vor und zurück schieben, bei allem Respekt für Poppes ironische Belichtungswechsel zwischen Digitalem und Analogem, Historischem und Zeitgenössischem schon etwas Unnahbares hat. Das Publikum dieser Zumutung auszusetzen, war damals Teil des Konzepts, und man konnte sich nicht vorstellen, dass eine CD-Aufnahme dies spiegeln könnte.

Das tut sie auch nicht. Dafür erlebt, wer sich „Rundfunk“ jetzt nur hörend ausliefert, hoch poetische Momente, die ihm im überfordernden Konzert womöglich entgingen: ein feines Spiel der Klangfarben, Obertöne, Mikrointervalle, ein Spiel auch mit Erinnerungen, das zuweilen wirkt wie eine Mischung aus beschleunigtem Feldman und Kraftwerk-Hommage. Auf CD wirkt das Stück, wenn man sich denn auf es einlassen mag, überraschend kurzweilig, hoch konzentriert, und man spürt, dass es von einem Geist und einer Lust getragen wird, die weniger mit Provokation als mit Liebe zu tun hat (Enno Poppe: Rundfunk. Wergo/Naxos).

Wolfgang Rihms zarte, zärtliche Gedicht-Vertonungen

Auch Wolfgang RihmsBeziehung zu den Gedichten, die er vertont, hat immer etwas mit Liebe zu tun. Und, so wie sie der Bariton Hans Christoph Begemann singt, auch mit Hingabe. Rihms betont schlicht gehaltene Lieder sind aus den Texten von Rückert, Mörike, Rilke und Heine heraus entwickelte Miniaturen in fast noch nachromantisch wirkendem Klanggewand. Mit seiner (auch bei weiten Intervallsprüngen) sauber geführten, bis ins gelegentliche Falsett hinein schönen Stimme macht Begemann, fein sekundiert von Thomas Seyboldt am Klavier, nicht nur die Poesie, sondern auch die Charaktere ihrer Dichter hörbar, zart, zärtlich. Im titelgebenden „dort wie hier“ formt Rihm aus einem Heine-Gedicht eine siebenteilige Versuchsanordnung: Das ist der Gipfel an innerer Versenkung (Wolfgang Rihm: Lieder. Bastille musique).

Altvätern der Neuen Musik widmen sich Mathis Mayr (Cello), Antonis Anissegos (Klavier) und das Finnische Radio-Sinfonieorchester unter Hannu Lintu. Die dezent veränderten Wiederholungsschleifen in Morton Feldmans „Patterns in a chromatic Field“ formt das Kammermusik-Duo zu dichten, suggestiven, meditativen, allerdings ein bisschen zu direkt mikrofonierten Klangfeldern (Morton Feldman: Patterns in a chromatic Field. Wergo/Naxos). Und bei der Produktion des Finnischen Rundfunks dreht sich alles um Bernd Alois Zimmermann. Dessen nur selten aufgeführtes Violinkonzert steht dabei im Zentrum: Die kanadische Geigerin Leila Josefowicz lädt dieses bekenntnishafte Stück (vor allem im zarten zweiten Satz) expressiv auf, wechselt klug und sinnfällig zwischen Vorder- und Hintergrund, und das Finnische Radio-Sinfonieorchester verhilft hier wie auch im Allusions-Kosmos von „Photoptosis“ dem Orchesterpart zu enormer Klarheit, Durchschlagskraft und Intensität (B. A. Zimmermann: Violinkonzert, Photoptosis u. a.; Ondine/Naxos).

Wer sind wir? Wo sind wir? Was wollen wir?

Konstruktion und Gefühl, Intellekt und Sinnlichkeit von Zimmermanns Musik werden so zu einer selten gehörten Einheit. Dass dies einschränkungslos auch für die Einspielung von Peter Eötvös’ Chorwerk „Halleluja“ und von seinem Orchesterstück „Alle vittime senza nome“ gilt, hat mit der unmittelbaren Klangsinnlichkeit von Eötvös’ Komponieren zu tun. Wobei uns der ungarische Komponist mit seinem „Oratorium balbulum“ schon eine heftige Packung zumutet: „Wer sind wir? Wo sind wir? Was wollen wir?“ lauten die einleitenden Fragen des Chores in den drei Werkteilen, und dann geht es ab in ein schillerndes Kaleidoskop von musikalischen Zitaten, Bibelworten, Heilsversprechen, zerfallenden Erinnerungen, Zukunftsfragen, Gotteszweifeln, und (oft herrlich ironischen) selbstbezüglichen Momenten. „Hier ist alles Musik, nur ich nicht“, sagt Matthias Brandt, der Sprecher, und wenn es nicht immer wieder verschreckende Augenblicke der Stille gäbe, so würde die zusätzlich von einem stotternden Propheten und einem abgehalfterten Engel belebte postmoderne Klang-Collage geradezu heiter anmuten. Ein irres Stück, dem hier Eötvös’ Orchesterwerk „Alle vittime senza nome“ zur Seite gestellt wird, das an Flüchtlings-Schicksale im Mittelmeer erinnert (Peter Eötvös: Halleluja, Alle vittime senza nome. Wergo/Naxos).

Trotz all ihrer politischen Anliegen, trotz ihrer vielen bohrenden Fragen gründet Peter Eötvös’ Musik immer in Schönheit, und auf seiner neuesten CD hört man dem mit Klarinette, Cello und Klavier besetzten Trio Catch an, dass dies auch sein Erfolgsrezept ist. Ausgehend von Paul Juons wiederentdeckten, fast kitschig-sinnlichen nachromantischen Trio-Miniaturen von 1920, geht es auch bei den zwischen 2004 und 2017 entstandenen Werken von Wolfgang Rihm(„Kleiner Walzer“, mit Andreas Staier als Gastmusiker!) bis Johannes Boris Borowski („As if“) um Feinstarbeit am Klang, die in Gérard Pessons zwischen Reduktion und schwärmerischer Redundanz vagierender „Catch Sonata“ ihren maßgeschneiderten Höhepunkt erreicht. Zeitgenössische Musik, beweist dieses Trio, ist nicht nur komplexes Kopf- und Handwerk, sondern auch Sinnenlust für Hörer wie Interpreten. Das Klavierduo Grau-Schumacher tut es ihm bei seiner schillernden Tour de force durch Philippe Manourys „Le temps, mode d’emploi“ („Eine Gebrauchsanweisung der Zeit“, Neos/harmonia mundi) gleich: Seine CD, deren fast theatralische Explosion das SWR-Experimentalstudio maßgeblich befördert, ist virtuoses Kopf-Kino für alle Sinne. Wer hätte so etwas vor zwei, drei Jahrzehnten für möglich gehalten?

Philippe Manoury: Le temps, mode d’employ. GrauSchumacher Piano Duo, SWR-Experimentalstudio. Neos/harmonia mundi

Enno Poppe: Rundfunk. Ensemble Mosaik. Wergo/Naxos

Wolfgang Rihm: Lieder. Hans Christoph Begemann (Bariton), Thomas Seyboldt (Klavier). Bastille musique

B. A. Zimmermann: Violinkonzert, Photoptosis u. a. Leila Josefowicz (Violine), Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Hannu Lintu. Ondine/Naxos

Morton Feldman: Patterns in a chromatic Field. Mathis Mayr (Cello), Antonis Anissegos (Klavier). Wergo/Naxos

Trio Catch: As if – Werke von Pesson, Borowski, Juon, Zuraj, Staud, Rihm. Bastille musique

Peter Eötvös: Halleluja, Alle vittime senza nome. Iris Vermillion, WDR-Rundfunkchor, WDR-Sinfonieorchester u. a., Peter Eötvös, Antonio Pappano. Wergo/Naxos