Neue Debatte um Herero Der vergessene Völkermord

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Nach dem Armenien-Beschluss des deutschen Bundestags fordern Politiker, auch einen Genozid in Südwestafrika so zu benennen.

Deutsche Truppen ziehen 1904 in den Krieg gegen die Herero – mit verheerenden Folgen. Foto: dpa
Deutsche Truppen ziehen 1904 in den Krieg gegen die Herero – mit verheerenden Folgen. Foto: dpa

Stuttgart - Ausgerechnet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan brachte den Stein ins Rollen, jetzt schlägt er Wellen in der deutschen Politik: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat am Sonntagabend im ZDF politische Versäumnisse im Umgang mit den deutschen Kolonialverbrechen im früheren Südwest-Afrika bedauert. Dass es dazu keine „unmissverständliche Erklärung auf deutscher Seite gibt, finde ich bedauerlich und im Kontext der jüngeren Auseinandersetzungen auch ein bisschen peinlich“, sagte Lammert. Deutsche Truppen hatten 1904 in der Kolonie Südwestafrika - dem heutigen Namibia - Aufstände von Einheimischen brutal niedergeschlagen. Laut Schätzungen wurden 65 000 bis 85 000 Angehörige des Herero-Volks und 10 000 Nama dabei getötet. Der türkische Präsident hatte kürzlich lautstark ausgerechnet bei einem Staatsbesuch im ostafrikanischen Kenia auf dieses dunkle Kapitel verwiesen, als er die Armenien-Resolution des Bundestags kritisierte. Mit dem Verweis auf die Verbrechen in Deutsch-Südwestafrika sprach er den deutschen Abgeordneten das Recht zur Kritik an den Massakern an Armeniern im Osmanischen Reich ab. Offenbar hat Erdogan damit einen Punkt gemacht.

Lammert erwiderte nun im ZDF, dass Deutschland und Namibia die Ereignisse von 1904 längst gemeinsam aufarbeiteten. „Ich habe die begründete Zuversicht, dass wir hier in absehbarer Zeit zu einem Ergebnis kommen“, sagte er. Dazu werde dann auch „eine Erklärung des Bundestags zu den damaligen Ereignissen“ gehören. Deutschland zählte das heutige Namibia von 1884 bis 1915 unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika zu seinen Kolonien. Als die Herero 1904 einen Aufstand begannen, ordnete General Lothar von Trotha die Vernichtung des Stammes an. Bundestagspräsident Lammert hatte die Verbrechen bereits im Juli 2015 als „Völkermord“ bezeichnet, auch die frühere Entwicklungsministerin Heide Wieczorek-Zeul (SPD) hatte bereits 2004 bei einem Besuch in Namibia von einem Völkermord gesprochen und sich – ihre Meinung als Privatperson vertretend – für diese Verbrechen entschuldigt. Eine offizielle Entschuldigung von Bundestag oder Bundesregierung ist aber nie erfolgt.

Grünen-Chef Özdemir begrüßt die Worte des Christdemokraten

Der Grünen-Chef Cem Özdemir begrüßte die Äußerungen von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Özdemir macht sich seit langem für die Belange der Herero stark. „Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts wurde durch die Deutschen im heutigen Namibia an den Herero und Nama begangen“, erklärte Özdemir in einer ersten Reaktion: „Es ist höchste Zeit, dass sich die Bundesrepublik ihrer historischen Verantwortung stellt und das Verbrechen beim Namen nennt. Deswegen freue ich mich über die klare Haltung des Bundestagspräsidenten.“

Auch Zedika Ngavirue, der Sonderbeauftragte Namibias für die Verhandlungen mit Deutschland, betonte im ZDF, sein Land erwarte, „dass der Völkermord erstens anerkannt wird und dass sich Deutschland zweitens dafür entschuldigt. Und dann wollen wir zum dritten, zum wichtigsten Punkt kommen: Der Frage der Reparationen.“

Die meisten Historiker sprechen von Völkermord

Eine Mehrheit der deutschen Historiker, so der Geschichtsprofessor Winfried Speitkamp aus Kassel in einem Gespräch mit unserer Zeitung, stufe die Vernichtung der Herero und Nama längst als Völkermord ein. Der Aufstand der Herero begann 1904 mit Angriffen auf deutsche Farmen und Einrichtungen, nachdem sie durch eine Rinderpest und eine Heuschreckenplage in Existenznot geraten waren. Der Konflikt eskalierte zum Krieg, in dessen Verlauf der deutsche Generalleutnant Lothar von Trotha den sogenannten Vernichtungsbefehl gab: „Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen.“

Tatsächlich aber ließ von Trotha den Großteil der Herero nicht zu ihrem Volk treiben, sondern in die Omaheke-Wüste. Die ließ er abriegeln und die dort Gefangenen von den wenigen Wasserstellen verjagen. Einer seiner Offiziere schilderte später „das schreckliche Schauspiel“. Die Herero seien über das Sandfeld geflohen, in fieberhafter Eile hätten die Männer Brunnen ausgehoben, aber das Wasser ward immer weniger: „Das Volk schrumpfte auf spärliche Reste zusammen.“

Ein Dialog mit Namibia läuft seit Juni 2014

In einem Bericht schrieb von Trotha, er glaube, dass „die Nation (der Herero) vernichtet“ werden müsse. Die Fakten sind eindeutig, das offizielle Deutschland hat aber mit einer Entschuldigung stets gezögert. Seit Juni 2014 läuft ein bilateraler Dialog mit Namibia, dessen Ziel es ist, „gemeinsam eine würdige Kultur des Gedenkens und Erinnerns an die damaligen Gräuel zu finden“. Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung, Ruprecht Polenz (CDU), hat im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) angekündigt, die Gespräche sollten vor September 2017 und damit noch in der laufenden Legislaturperiode zum Abschluss kommen. Polenz reist in dieser Woche zu Verhandlungen nach Namibia.




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