Die neue Dekanin in evangelischen Kirchenbezirk Leonberg, Gabriele Waldbaur, will Kirche weiterentwickeln, Bewährtes stärken, Experimente wagen und miteinander kreative Lösungen finden.

Die erste Dekanin im evangelischen Kirchenbezirk Leonberg ist Gabriele Waldbaur. Umrahmt von einem festlichen Gottesdienst findet am Sonntag, 15 Uhr, in der Leonberger Stadtkirche Johannes der Täufer, ihre Investitur statt. Die Verpflichtung nimmt Markus Schoch, seit einem Jahr Prälat in Reutlingen, vor. Somit wird sie die Dienstherrin der Pfarrerinnen und Pfarrer in den 19 Kirchengemeinden des Bezirks und der fast 300 weiteren Angestellten, die für die rund 40 000 Mitglieder da sind. Gabriele Waldbaur folgt auf Wolfgang Vögele, der zum 31. Juli 2022 in den Ruhestand verabschiedet wurde.

 

Ein typisches Pfarrerskind

„Ich bin ein typisches Pfarrerskind und somit eigentlich eine Württembergerin“, sagt Gabriele Waldbaur angesichts ihres 15. Umzuges. Dessen Kartons im historischen Leonberger Dekanatsgebäude an der ehemaligen Stadtmauer sind noch nicht alle ausgepackt, und schon jagt ein Termin den anderen. So kam es nicht von ungefähr, dass die 54-Jährige nach zehn Jahre Wirken als Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde in Rottweil dort in ihrer letzten Predigt ein Engelbild des Künstlers Paul Klee mit dem Titel „Woher? Wo? Wohin?“ ins Zentrum ihrer Ausführungen gestellt hatte. „Es war für mich der Augenblick, um zu fragen, woher ich komme. Von überall und nirgendwo. Es hieß geliebte Gewohnheiten aufzugeben und Neues zu wagen.“ Gepaart sei das mit der Frage gewesen, was sie wohl am neuen Ort erwarte – denn die Region Leonberg sei Neuland für sie. „Ist es doch ein Umzug ins evangelische Kernland, nach einer Diaspora im katholischen Rottweil, was für mich schon mal ein ganz neuer Blickwinkel auf die Ökumene ist“, sagt die Dekanin.

Tätigkeit am Landestheater Tübingen

Nach dem Theologiestudium in Tübingen mit dem Schwerpunkt Seelsorge ging es für Gabriele Waldbaur in eine ganz andere Richtung, denn sie war in der Produktion und Öffentlichkeitsarbeit am Landestheater Tübingen tätig, bevor sie von 2000 bis 2003 das Vikariat in Köngen antrat. Danach war sie bis 2006 Pfarrerin zur Dienstaushilfe beim Dekanat in Tuttlingen. In dieser Zeit bildete sie sich zur Moderatorin von Gemeindeforen weiter. 2006 wurde Gabriele Waldbaur Pfarrerin in Wurmlingen bei Tuttlingen. Ab 2013 arbeitete sie als Pfarrerin und seit 2016 als Geschäftsführende Pfarrerin in Rottweil. Von 2015 bis 2020 war sie Dekan-Stellvertreterin.

Wieso Dekanin in Leonberg? „Es ist zum Einen ein logischer weiterer Berufsschritt“, sagt Gabriele Waldbaur. Eine gewisse Neigung für Verwaltung liege ihr nicht fern, bekennt die neue Dekanin. Was nicht nur ihre Zeit beim Landestheater Tübingen gezeigt habe, sondern auch ihr Wirken als Geschäftsführende Pfarrerin einer 7000-Seelen-Gemeinde in der sie die Personalverwaltung für mehr als 50 Mitarbeitende innehatte. „Wo, wenn nicht als Dekanin, eröffnet sich die Möglichkeit, gemeinsam gute, tragfähige Strukturen für die Zukunft zu schaffen und zu gestalten“, sagt Gabriele Waldbaur.

Präzisieren, warum die Kirche wichtig ist

Gefühlt hätten sich die letzten Jahre in den Gemeinden immer nur darum gedreht, einen Pfarrplan nach dem anderen zu beschließen, meint die Dekanin. Dabei geht es alle sechs Jahre darum, die Zahl der Gemeindepfarrstellen an die erwartete Entwicklung der Gemeindeglieder und die Finanzkraft der Landeskirche anzupassen und die Dienstumfänge neu festzulegen – was in der Regel mit weniger Pfarrstellen und immer mehr Kooperationen einhergeht. „Wenn dann 2024 das Votum für den Pfarrplan 2030 gefallen ist, was die Kirche einschneidend verändern wird, können wir uns verstärkt anderen Themen zuwenden“, sagt Gabriele Waldbaur.

„Es geht dabei um ganz Wesentliches, darum, was uns als Kirche ausmacht“, sagt die Dekanin. Es gehe darum, zu präzisieren warum die Kirche wichtig ist. „Wir müssen mit großer Klarheit nach außen gehen, welch wichtiges Gut wir zu verwalten haben und wie wichtig und gut die Kirche für die Gesellschaft ist, denn vielen ist nicht bewusst, wo überall Kirche dahinter ist“, sagt Gabriele Waldbaur. „Es muss deutlich werden, was es heißt, wenn es die Kirche nicht mehr gibt, denn die ist mehr als nur Gottesdienste oder die Kirchensteuer.“ Es gehe um Werte und soziale Netzwerke, um dankbaren Halt für Menschen in Krisenzeiten, um die Kita für das Kind, die pflegende Sozialstation für die betagten Eltern, um Weiterbildung für Erwachsene und vieles mehr. „Es brechen in der Landeskirche spannende Zeiten an, in denen es darum geht, die Kirche weiterzuentwickeln und umzustrukturieren, doch es ist auch wichtig, Bewährtes zu stärken, Freiräume für Experimente zu schaffen und miteinander kreative Lösungen zu finden“, sagt Gabriele Waldbaur. Deshalb freue sie sich darauf, sich gemeinsam mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden im Kirchenbezirk den Fragen der Zeit zu stellen. „Da ist ein neuer Blick von außen doch ganz gut, da stellt man ganz andere Fragen, und ich bin gespannt welche Erwartungen und Herausforderungen auf mich zukommen“, wagt die neue Dekanin einen Blick in die Zukunft.

Spannende Zeiten in der Landeskirche

Da hört man ein Bellen. „Na ja, ich bin ganz neu hier, und er ist überhaupt noch nicht im neuen Zuhause angekommen“, meint Gabriele Waldbaur über ihren vierbeinigen Begleiter. Sie freue sich schon jetzt, die Landschaft um Leonberg zu erkunden. „Als begeisterte Cineastin bin ich in Leonberg in der richtigen Stadt angekommen, und auch zu einem guten Theaterangebot sind es keine langen Wege“, verrät die Mutter einer erwachsenen Tochter, was sie unter anderem wohl in ihrer Freizeit tun wird.