„Das war’s leider“ steht groß auf der Instagram-Seite der Stuttgarter Eiswerkstatt. Und lauter traurige Emojis tummeln sich in den Kommentaren daneben. Ende Oktober schließt die Eisdiele im Westen, wenn sich kein Nachfolger findet. Sebastian Kern und sein Geschäftspartner Johannes Messmer haben „Lust auf neue Projekte und neue Herausforderungen“. Der Agraringenieur macht seit sechs Jahren innovative Sorten wie Rhubarb Crumble oder Blutorangen-Sorbet als einziger Eismacher in der Stadt mit Bio-Zutaten. Eisliebhaber können sich aber trösten: bei Eis & Heiß zum Beispiel in Stuttgart-Rot mit syrischen Spezialitäten oder bei Dora in Zuffenhausen, die für ihr cremiges Zitroneneis bekannt ist, oder bei Mica in der Stadtmitte.
Eine Premiere für Stuttgart
„Unser Konzept ist einzigartig“, sagt Jamal Joud über das Café, das er mit seiner Frau Nour Othman in der Haldenrainstraße vor wenigen Wochen eröffnet hat. Aus Mannheim, Heidelberg und sogar München kamen die Kunden schon angereist. Denn bei Eis & Heiß gibt es Avocado-Eis oder die Sorte Man wa Salwa mit Mandeln, Cashewkernen, Nougat und Kardamom sowie eine Abwandlung der Fürst-Pückler-Rolle mit Pistazienmantel. Der Bruder von Nour Othman produziert es unter dem Markennamen Almahida in Bochum und beliefert Abnehmer in ganz Europa. Außerdem bereitet Jamal Joud syrische Cocktails zu – in Biergläsern. Mit Obstsalat und Keksen oder Schokoeis, mit Milkshakes aus Banane kombiniert mit Qushtta, dem beim Kochen der Milch abgeschöpften Fett, und allerlei Nüssen füllt er die Krüge, die einen halben oder einen ganzen Liter fassen. Heiß ist Teil des Cafénamens, weil sich die Betreiber mit Bubble-Waffeln und der warmen Süßspeise Kunafa für die kalte Jahreszeit wappnen.
„Für uns ist es ein Hobby“, sagt Jamal Joud. Hauptberuflich ist er als Umweltingenieur tätig, seine Frau studiert Hebammenwissenschaft in Tübingen. Aber in Syrien, ihrer früheren Heimat, sei es Tradition, mehr als einen Job zu haben, ergänzt er. Für ihren kleinen Sohn wollten sie eine Zukunft aufbauen. Sein Schwager stellte in Syrien bereits Eis her und Jamal Joud hatte als Student einen Nebenjob in einer Konditorei. „Er bereitet es mit Liebe zu“, sagt Nour Othman über ihren Mann, der hinter der Eistheke die Krüge bis weit über ihren Rand füllt. „Es ist mir wichtig, dass es dem Kunden gefällt und schmeckt“, sagt er. Wer kein arabisches Eis will, für den hat das Ehepaar italienisches im Programm. Die Italiener seien schließlich die besten Eismacher der Welt, räumt der 30-Jährige ein. Bananensplit und „Heiße Liebe“ macht er unter anderem daraus.
Endlich eine Eisdiele am Wohnort
Dora Olivieri hat sich in Zuffenhausen einen Traum verwirklicht: die eigene Eisdiele, an dem Ort, wo sie seit 38 Jahren, seit ihrer Ankunft aus Italien wohnt. Eigentlich ist die 51-Jährige Schreinerin von Beruf, doch ihr Arbeitgeber ging bankrott. „Eis und Selbstständigkeit hat mir immer gefallen“, sagt sie. Beim Lieferanten für Eiszutaten besuchten sie und ihr Mann Eismacherkurse, zehn Jahre lang betrieb sie eine Eisdiele in Freiberg. Dort musste sie schließen, in der Unterländer Straße fand sie ein neues Lokal: Dora hat sie ihr im April eröffnetes Café genannt, weil ihre Oma auch so hieß und „alle Leute den Namen so schön finden“. Mit beigefarbenen Sesseln und Bänken, schwarzen Marmortischen und viel Gold hat sie es eingerichtet. „Das ist mein Stil, das ist Dora“, sagt sie.
Eine Sorte zum Hochzeitstag
Dora heißt auch eine Sorte Eis, die sie von ihrem Mann zum 30. Hochzeitstag als Liebeserklärung geschenkt bekommen hat. Karamell, Mandeln und Krokant sind die Zutaten. „Meine Kunden lieben es sehr“, sagt sie, „es ist nur unser Eis.“ Das Eismachen hat sie inzwischen selbst übernommen. Von ihrem Zitroneneis würden manche zehn Kugeln essen, berichtet sie. Mit den Sorten Joghurt und Haselnuss landete Dora Olivieri bei einem Wettbewerb der Messe Gelatissimo auf dem zweiten und dritten Platz. Espresso und Capuccino, Cocktails, Kuchen, Pannini und Arrancini stehen bei ihr außerdem auf der Karte. Im Winter schließt sie nur für zwei Monate. Seit Neuestem gibt es mit Pistaziencreme gefüllte Cornetti, die ihr Sohn Nello herstellt – nach der Arbeit bei Porsche.
Der Nachtclub übernimmt die Eisdiele
Mit dem Clubbetreiber Benjamin Rossaro steht ein weiterer Quereinsteiger hinter dem ehemaligen Eiscafé Santin in der Stadtmitte. Weil der Vorbesitzer Gianpietro Marion es abgeben wollte, griff er vergangenes Jahr zu. Direkt darunter befindet sich sein Club Mica, den Namen hat er auch dem Eiscafé darüber gegeben. „Es läuft super“, sagt sein Assistent Janik Müller. Zwei Eismanufakturen liefern das Eis, die Erdbeersoße ist selbst gemacht. Joghurt-Maracuja und Salted Caramell sind die beliebtesten Sorten. Mit Frapuccino Karamell, Iced Latte und weißer Eisschokolade sowie veganen Sorten wurde das Angebot etwas aufgepeppt. In Weckgläsern werden die Eisbecher serviert, passend zum Industrial-Style des Clubs. „Im Moment leben“, lautet eine Etage tiefer das Motto, das sich auf dem Kronprinzenplatz unter den Bäumen des Eiscafés neben dem Brunnen ebenfalls umsetzen lässt. Am neuen Geschäftsbereich gefällt Janik Müller, dass es keine Altersbeschränkung gibt: „Jeder isst gerne Eis.“