Neue Elektrostrategie Zeit der Revolutionen bei Daimler

Ola Källenius krempelt den Konzern völlig – wie noch nie einer vor ihm. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Vorstandschef Ola Källenius verordnet dem Automobilhersteller eine strikte Elektrifizierung bis zum Ende des Jahrzehnts. Mit dieser Vorwärtsstrategie will er nicht nur die Kunden begeistern, sondern auch die Märkte und die Politik überzeugen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Der Mann, der aus der Kälte kam, bringt die Revolutionen nach Stuttgart: Mit einem dickverhüllten Ola Källenius in seiner tief verschneiten Heimat Schweden beginnt die Präsentation der neuen Daimler-Elektrostrategie. Damit sendet der Vorstandschef das Zeichen aus: Der Klimawandel erfordert rasch ein völliges Umsteuern im Automobilbau – „Electric only“ statt bisher „Electric first“.

 

Der Schwede will beweisen, dass er Europas Automanager mit dem stärksten Vorwärtsdrang ist. Für sein „Strategie-Update“ benötigt der Global Player daher die große Bühne. Daimler bietet nach der Vorlage der glänzenden Verkaufszahlen am Vortag eine dreistündige Show – mit einem opulenten Video und zwei Fragerunden für die internationale Analysten- und Journalistengemeinde. Ihnen die „Story“ schmackhaft zu machen, ist der ganze Sinn dieser Inszenierung.

Fokus auf die Kapitalmärkte

„Wir sind Laser-fokussiert auf profitables Wachstum“, sagt Finanzvorstand Harald Wilhelm. Trotz beschleunigter Transformation und trotz des auf 50 Prozent erhöhten Anteils von Hybrid- und reinen Elektrofahrzeugen am Gesamtabsatz im Jahr 2025 wird an den bisherigen Profitabilitätszielen festgehalten. Bei den Renditen soll sich die Zeitenwende weg vom Verbrenner nicht bemerkbar machen. Der Blick auf die Kapitalmärkte ist für die Daimler-Führung wesentlich. Investoren honorieren die Spezialisierung und das Tempo.

Acht E-Fahrzeuge sollen an sieben Standorten produziert werden

„Wir transformieren das ganze Unternehmen“, sagt Källenius. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll Mercedes-Benz vollelektrisch werden – „wenn es die Marktbedingungen zulassen“, wie immer wieder eingeschränkt wird. Die Zukunft ist emissionsfrei und softwaregetrieben. Schon bis nächstes Jahr soll die Marke mit dem Stern in allen Segmenten batterieelektrische Fahrzeuge anbieten. Dann sollen auch an sieben Standorten auf drei Kontinenten acht Mercedes-Benz-Elektrofahrzeuge vom Band laufen. Darüber hinaus werden bis 2022 alle Pkw- und Batteriemontagestandorte auf klimaneutrale Produktion umgestellt. Von 2025 an werden alle neuen Fahrzeug-Plattformen (inklusive der Sporttochter AMG) ausschließlich elektrisch sein, und es soll für jedes Modell eine vollelektrische Alternative zur Verfügung stehen, lautet die Zusage.

Mehr als 40 Milliarden Euro in die E-Mobilität

Mehr als 40 Milliarden Euro will Daimler zwischen 2022 und 2030 in die E-Mobilität investieren. Schon bisher hatte man begonnen, die eigene Wertschöpfung bei Antriebstechnologien ins Unternehmen zu holen. Dies wird fortgesetzt – insbesondere mit der Übernahme des britischen Elektromotorenspezialisten Yasa für den Bau von Ultra-Hochleistungsantrieben.

Ferner will Daimler nun mit Partnern im größeren Maßstab Batteriezellen produzieren – entgegen der bisherigen Strategie. Mercedes-Benz benötigt eine Jahresbatteriekapazität von mehr als 200 Gigawattstunden und plant daher weltweit acht Gigafabriken zur Zellproduktion mit einer solchen Gesamtkapazität. Vier davon sollen in Europa stehen, eine in den USA. Damit soll das geplante Netzwerk von neun Werken zur Produktion von Batteriesystemen ergänzt werden. Die nächste Batteriegeneration soll hochgradig standardisiert und für den Einsatz in mehr als 90 Prozent aller künftigen Mercedes-Pkw und Vans geeignet sein, wird versprochen. Im badischen Kuppenheim plant Daimler den Bau einer Recyclingfabrik.

Betriebsrat und IG Metall unterstützen die Källenius-Offensive

Was das alles für die Beschäftigten bedeutet, ist offen. Immerhin sollen die Investitionen in Verbrennungsmotoren und Technologien für Plug-in-Hybride zwischen 2019 und 2026 um 80 Prozent sinken. Ergun Lümali, der Gesamtbetriebsratsvize und Betriebsratschef in Sindelfingen, ist dennoch angetan: „Wir begrüßen es sehr, nicht getrieben, sondern durch eigene Initiative für die Zukunft vorbereitet zu sein“, lobt er die Offensive. Seit langem forderten die Arbeitnehmervertreter diesen Schritt ein. „Mit zuverlässigen Partnern in Deutschland und Europa selbst Zellen und Module zu entwickeln und zu produzieren, halten wir für die richtige Entscheidung.“ Daher freue sich der Betriebsrat „über die positiven Signale und die geplanten Investitionen in eine eigene Batteriezellenproduktion“.

Ähnlich positiv äußert sich IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger: „Wir wissen, dass es beschäftigungspolitisch eine schwierige Nummer ist – aber es wäre beschäftigungspolitisch viel viel schwieriger, es nicht zu tun“, sagt er. Wer jetzt kein Gas gebe, werde verlieren. Daimler wolle weiterhin einer der Topplayer sein, diese Strategie sei richtig. „Wir unterstützen den Kurs.“ Es komme jetzt bei der Umsetzung aber entscheidend darauf an, „dass ein relevanter Teil der Wertschöpfung dahinter in den bestehenden Einheiten stattfinden muss – insbesondere dort, wo Brüche stattfinden“. Kurz: Wo heute produziert werde, müsse auch morgen produziert werden.

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