Stuttgart - Nicht Dauerlüften, sondern Stoßlüften alle 20 Minuten und nach jeder Unterrichtsstunde während der gesamten Pause die Fenster grundsätzlich so weit wie möglich aufmachen – das sind die drei wichtigsten Empfehlungen, die das Umweltbundesamt (UBA) für den Schulbetrieb in der Pandemie an diesem Donnerstag formuliert hat. So kann die Zahl der infektiösen Partikel in der Raumluft der Klassenzimmer begrenzt und ein Schutz vor möglichen Ansteckungen mit Corona erreicht werden, erklärten Heinz-Jörn Moriske, der Geschäftsführer der Expertenkommission zur Innenraumlufthygiene, und Wolfram Birmili, Fachgebietsleiter Innenraumhygiene und gesundheitsbezogene Umweltbelastungen beim Umweltbundesamt, in einer Online-Pressekonferenz an diesem Donnerstag. Beraten hat sich die Kommission auf Bitten der Kultusministerkonferenz und dabei ihre früheren Empfehlungen aktualisiert.
Nicht nur Corona sondern auch Erkältungsrisiken ernst nehmen
Hört man die Berichte von Schülern, Lehrern und Eltern aus dem aktuellen Schulalltag in Baden-Württemberg, dann ist es im Übergang zum Herbst besonders wichtig, dass die Schulen sich jetzt von der sommerlichen Praxis des Dauerlüftens verabschieden. Was bei hohen Temperaturen richtig war, wird jetzt falsch und kontraproduktiv: Bleiben die Fenster in den Klassenzimmern dauerhaft gekippt oder geöffnet, wird es zu kalt, die Erkältungsrisiken steigen. „Eine Kippstellung der Fenster führt nicht zu einem ausreichenden Luftaustausch, auch wenn das Fenster den ganzen Tag gekippt bleibt“, erklären die Experten bei ihrer Pressekonferenz. „In der kalten Jahreszeit führt dieses hygienisch ineffiziente Lüften zudem dazu, dass Wärme aus dem Raum unnötig entweicht. Kipplüftung erhöht zudem das Schimmelrisiko an den Fensterlaibungen.“ Auch Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) und die Bundesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Marlis Tepe, haben vor kurzem eindringlich darauf hingewiesen, dass in diesem Fall nicht die Devise gilt: Viel hilft viel. „Ich habe in manchen Diskussionen den Eindruck, dass einfach die Fenster dauerhaft aufgerissen werden, egal bei welchen Temperaturen“, sagte Eisenmann in einem Interview mit der „Rhein-Neckar-Zeitung“. Das sei nicht die Intention der Vorschriften zum Lüften an den Schulen. „Es wäre schräg, wenn zwar eine Corona-Erkrankung vermieden, dafür aber Erkältungen oder Lungenentzündungen ausgelöst werden“, warnte Eisenmann. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schulen im Winter dauerhaft bei offenem Fenster unterrichten“, erklärte Tepe im Gespräch mit unserer Zeitung bei einem Schulbesuch. „Es gibt neben den Corona-Regeln zum Lüften auch Vorschriften, dass in Klassenzimmern eine Temperatur von 20 Grad Celsius herrschen soll.“
Ab und zu lüften reicht nicht
„Wegen des vergleichsweise geringen Luftvolumens im Klassenzimmer mit vielen anwesenden Schülerinnen und Schülern ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich infektiöse Partikel im Raum anreichern, vergleichsweise hoch“, erklären die UBA-Experten Birmili und Moriske. In der Pandemie erweise es sich als großer Nachteil, dass etwa 90 Prozent der Schulen in Deutschland nicht mit Lüftungsanlagen ausgestattet seien, die das Umweltbundesamt zugunsten eines gesunden Raumklimas grundsätzlich und unabhängig von Corona seit Langem empfiehlt. So aber sei „das Lüften über die Fenster die beste und oft die einzige Möglichkeit, frische Luft ins Klassenzimmer zu bekommen.“ Drei Mal pro Stunde sollte die Raumluft komplett ausgetauscht werden. Um das zu erreichen sollten die Fenster im Unterrichtsalltag alle 20 Minuten weit zum Stoßlüften geöffnet werden. Im Winter reichten dazu drei bis fünf Minuten. Nach der Unterrichtsstunde sollten die Fenster während der ganze Pause möglichst ganz offen bleiben.
Heinz-Jörn Moriske betont, dass das auch im tiefen Winter bei Frost praktikabel sei. „Selbst bei minus zehn Grad wird die Raumluft beim Lüften in der Pause nur um etwa fünf Grad abgekühlt. Und es wird schnell wieder warm.“ Beim Stoßlüften und Querlüften „sinkt die Temperatur nur um wenige Grad ab und steigt nach dem Schließen der Fenster schnell wieder an.“
Welche Technik nützt und welche nicht
Klassenzimmer, deren Fenster nicht zu Öffnen sind, sind wie Birmili und Moriske betonen, für den Unterricht nicht nutzbar. So steht es auch in den Vorgaben, die das Stuttgarter Kultusministeriums für den Regelbetrieb im neuen Schuljahr unter Pandemiebedingungen erlassen hat. Den Einsatz von Luftreinigungsgeräten sehen die Experten ausdrücklich nicht als Lösung, um solche Räume weiter zu nutzen. „Mobile Luftreinigungsgeräte sind nicht dafür ausgelegt, verbrauchte Raumluft abzuführen oder Frischluft von außen heranzuführen. Sie leisten daher keinen nennenswerten Beitrag, das entstehende CO2, überschüssige Luftfeuchte und andere Stoffe aus dem Klassenraum zu entfernen“ betonen sie. Wenn überhaupt, seien solche Geräte nur als Ergänzung zum Öffnen der Fenster zu sehen und nicht als Ersatz. Ihre Wirksamkeit hänge zudem außerordentlich von der sachgerechten Handhabung und der richtigen Platzierung ab.
Nützlich ist nach Einschätzung von Wolfram Birmili hingegen der Einsatz von CO2-Ampeln im Klassenzimmer. Diese einfachen Messgeräte zur Bestimmung der Konzentration von Kohlendioxid in der Raumluft sei im Nebeneffekt ein Indikator für eine mögliche Belastung mit infektiösen Partikeln und erinnert daran, wann es Zeit wird zum Lüften . „Bis 1000 ppm (dabei handelt es sich um die Messeinheit Parts per Million) gilt die Raumluftqualität als gut (Grün). Wird diese Konzentration überschritten, schaltet die Ampel auf „Gelb“ und bei mehr als 2000 ppm meist auf „Rot“. Laut UBA wird nicht für jedes Klassenzimmer ein solches Gerät benötigt. „Vielmehr reicht es, wenn in einem Raum zunächst mit Hilfe der Ampel das Lüftungsverhalten einstudiert wird, das dann auch ohne Ampel beibehalten wird. Dann kann die CO2-Ampel anschließend im nächsten Klassenraum eingesetzt werden.“
Gibt es technisch machbare Sofortmaßnahmen?
Langfristig empfehlen Moriske und Birmili den Einbau von Komfortlüftungsanlagen mit Wärmetauscher an allen Bildungseinrichtungen in Deutschland. „Wer Sofortmaßnahmen benötigt, um Klassenzimmer für den Unterricht in der Pandemie benutzbar zu machen, sollte einfache Zu- und Abluftanlagen einbauen“, erklärte Moriske. Dabei gehe es um Ventilatoren, die in Fensterscheiben eingesetzt werden können.