Neue Führung in Stuttgart So sieht es unterm Fernsehturm aus

Von Tilman Baur 

Der Fernsehturm bietet jede Menge Erzählstoff, der in luftiger Höhe spielt. Doch wie sieht es denn in den Katakomben aus, und warum kippt der Turm nicht um? Eine Führung, die wieder ins Programm genommen wurde, hat den Untergrund des Fernsehturms im Blick.

Der Fernsehturm ist das Stuttgarter Wahrzeichen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 10 Bilder
Der Fernsehturm ist das Stuttgarter Wahrzeichen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Einladend ist es acht Meter unter der Erde nicht gerade. Im Fundament des Fernsehturms fühlt man sich wie in einem überdimensionalen Luftschutz­bunker. In dem großen Hohlraum stehen nur wenige Gegenstände: ein Schaltkasten, ein Entfeuchter, der Flüssigkeit sammelt und nach oben pumpt, und ein kleines Modell des Stuttgarter Wahrzeichens. Spannend ist es hier unten aber allemal. Das findet nicht nur die SWR Media Services GmbH, die Betreibergesellschaft des Fernsehturms, die den unterirdischen Teil des Bauwerks ab Januar wieder in die Führungen integriert. Auch viele Besucher hätten danach gefragt, sagt Sprecherin Claudia Hamann. Nach der Schließung des Turms aus Brandschutzgründen vor sechs Jahren und der Wiedereröffnung 2016 hatte man die Führungen 2017 zunächst ohne das Fundament wieder aufgenommen, da erst ein komplexes Evakuierungskonzept erarbeitet werden musste.

Dieses liegt nun vor: Im Fall der Fälle würden Besucher unterirdisch auf den Betriebshof geleitet. Einen Besuch ist das Fundament allein deshalb wert, weil es mit seinen gerade einmal acht Meter Tiefe den 216,61 Meter hohen Turm stabilisiert. „Im Verhältnis zum Turm ist das Fundament winzig. Als er damals gebaut wurde, hatten viele Panik, dass er umkippt“, erklärt Stefanie Sauerhöfer, eine von neun Guides, die regelmäßig Besuchergruppen durch den Fernsehturm führen.

Nicht nur Anekdoten aus dem Untergrund

Dass der Turm bis heute nicht gekippt oder abgeknickt ist, liegt an der raffinierten Konstruktion des 1500 Tonnen schweren Fundaments. Spannglieder aus Stahl halten dabei sowohl dem Eigengewicht des Bauwerks als auch den Kräften von Wind und Wetter wie ein riesiges Speichenrad stand. Die Wände des Turms wiederum sind unten wesentlich dicker als oben, was ebenfalls stabilisierend wirkt.

Die Führung „Überblick“ beschränkt sich aber nicht auf die düsteren Katakomben des Wahrzeichens, sondern wird ihrem Namen auch gerecht. Fakten- und anekdotenreich geht es erst am Fuß des Turms zu und später auch auf der Aussichtsplattform in 150 Meter Höhe. So erfahren Besucher, was überhaupt Anlass zum Bau des weltweit ersten Fernsehturms gab: der schlechte Fernsehempfang. Der Süddeutsche Rundfunk (SDR) als Bauherr wollte zunächst einen günstigen Sendemast mit Antenne errichten lassen, doch Architekt Fritz Leonhardt konnte den Vorläufer des SWR schließlich von seinen Plänen eines Turms mit Aussichtsplattform und Restaurant überzeugen. Sein elegantes Erscheinungsbild verdankt der Turm unter anderem der Tatsache, dass er ohne Sockel auskommt und „nahtlos aus dem Boden herauswächst“, wie Sauerhöfer betont.

Gefahrenzulage: 35 Pfenning am Tag

Auch Bedenkenträger galt es im Vorfeld zu beschwichtigen. „Anwohner befürchteten, dass der Turm Blitze anzieht“, so Sauerhöfer. Damit hatten sie sogar recht, weshalb vier Blitzableiter am Turm für Sicherheit sorgen. Die Arbeitsbedingungen beim Bau erinnern aus heutiger Sicht dagegen eher an jene in Drittweltstaaten: Die Bauarbeiter trugen keine Gurte oder sonstigen Sicherungen, als Gefahrenzulage zahlte man ihnen 35 Pfennig am Tag. Trotzdem blieben alle unversehrt: „Während der gesamten Bauzeit fehlte einmal jemand fünf Tage auf der Baustelle“, sagt Stefanie Sauerhöfer.

Der Erfolg gab Leonhardt am Ende recht: „Die 4,2 Millionen Mark Baukosten haben sich bereits nach fünf Jahren amortisiert“, so Sauerhöfer. Der Turm entwickelte sich schnell zum Aushängeschild und fand in der Folgezeit viele Nachfolger. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung 1956 gehörte er gar zu den zehn höchsten Gebäuden der Welt. Das ist zwar längst nicht mehr der Fall, die Aussicht von der Plattform ist jedoch noch immer überwältigend. Streng genommen dürfe sich der Fernsehturm indes gar nicht mehr so nennen, sagt Stefanie Sauerhöfer, denn seit 2006 sendet der Fernmeldeturm auf dem Frauenkopf die Fernsehsignale.

Informationen zur 60-minütigen Führung „Überblick“ gibt es online über die Website.

Sonderthemen